Öffentliche Tastings

Öffentliches Tasting „Die Whiskyscheune jubiliert: zehn Jahre Maltbarn!“

8. April 2022 (zuletzt bearbeitet am 23. April 2022), im Feuerwehrhaus der Freiwilligen Feuerwehr Loga in Leer

Moin ihr,
zwischen Unterweser und Jadebusen liegt die Gemeinde Stadland. In dieser steht ein Hof mit einer alten Scheune, welcher 2010 den Besitzer wechselte und von einem Finanzjournalisten, der irgendwie des Spaßes an seiner bisherigen Profession verlustig ging, gekauft und danach liebevoll renoviert, ausgebaut und schließlich bezogen wurde.

Martin Diekmann (53) hatte seinerzeit einerseits schon tüchtig persönlichen Gefallen an guten Whiskys gefunden und andererseits durch freundschaftliche Kontakte zu zwei großen deutschen Whiskyimporteuren Einblick in den geschäftlichen Umgang mit Whisky gewonnen.

Und so wurde in der Wesermarsch die Idee geboren, sich als unabhängiger Abfüller zu versuchen, auf die Jagd nach guten Whiskys zu begeben, diese abfüllen zu lassen und zu vertreiben. Eben dies wurde ohne großes Wägen in die Tat umgesetzt: die Scheune als Martins neue Heimat stand Pate für den Firmennamen ‚Maltbarn‘ – und mit einem 1980er Caol Ila sowie einem 1972er Caperdonich erschien noch 2011 das erste Release.

Der Rest ist tatsächlich Geschichte

Martin erarbeitete sich schnell einen exzellenten Ruf in der Landschaft deutscher unabhängiger Abfüller:innen: stets im oberen Qualitätsbereich operierend steht Maltbarn für herausragende Drams. Und während in den vergangenen Jahren dem Whisky-Boom geschuldet so manche Abfüller:in die Segel strich, in Richtung Rum, Gin & Co. expandierte oder mit immer jüngeren und wild gefinishten Whiskys das offensichtliche Beschaffungsproblem zu karschieren versuchte, erscheint bei Martin mit steter Regelmäßigkeit gut gereifter und auch immer wieder an Jahren älterer Whisky – ganze 186 Abfüllungen wurden so bis heute veröffentlicht.

Wo ist der Trick?

Doch wie geht das? Ganz schlicht hat Martin früh in gute Fässer investiert: neben dem Einkauf bei Importeuren managt Martin parallel einen eigenen Fassbestand, der von der Größe zwar nicht annähernd mit dem der großen Player wie Signatory Vintage mithalten kann, ihm aber ermöglicht, die Reifung eng zu verfolgen und im seiner Meinung nach passenden Augenblick abfüllen zu lassen – oder ggf. Whiskys in andere Fässer umzubetten. Und fällt der Eindruck eines Whiskys zu negativ aus, wird das Fass wieder verkauft. So ist gewährleistet, dass kein Fass, welches nicht vollends zu begeistern weiß, selbst abgefüllt wird.

Auf den großen Whiskymessen ist Martin stets mit seinen neuesten Abfüllungen vertreten. Auf der Aquavitae 2013 in Mülheim an der Ruhr lernten wir regulars ihn vorgestellt durch einen alten Freund persönlich kennen – und seitdem gehört ein Besuch an seinem Stand für uns stets zum schönsten Teil des selbstgesteckten Messepflichtprogramms.

Macht doch mal ein Tasting …

Als wir regulars über die Zeit immer öfter von Freund:innen gebeten wurden, doch mal ein größeres Tasting auch für Interessierte ganz abseits unseres Gruppenkerns anzubieten, haben wir uns vertrauensvoll direkt an Martin gewandt. Und durften im Januar 2018 schließlich unser allererstes öffentliches Tasting, quasi den Piloten für unsere heute Tastingreihe mit ihm und einigen Maltbarn-Whiskys verleben.

Für das nun anstehende Jubiläum unseres 25. öffentlichen Tastings baten wir Martin, uns ein zweites Mal zu beehren und uns ein würdiges Lineup aus elf Jahren Maltbarn-Geschichte zu kredenzen. Wir wollten alten Stoff. Wir wollten erfahren, was man in mehr als einer Dekade als unabhängiger Abfüller so alles erlebt. Und wir wollten bei ein paar Stunden gemütlichen Beisammenseins gleich zwei Anlässe feiern:

Einerseits und zuvorderst Maltbarn: Martin ist schlicht zu bescheiden und zu wenig Marketing-getrieben, als dass er aus seinem zehnjährigen Jubiläum in 2021 irgendetwas Feierliches gemacht oder eine besonders aufgemöbelte Abfüllung herausgebracht hätte. Und andererseits das 25. öffentliche regulars-Tasting: wir freuten uns riesig über das ungebrochene Interesse unserer Gäste und wollten feiern, was wir an- und miteinander haben.

Beschert viel guten Whisky. Und ist viel zu bescheiden, sich selbst zu feiern – weshalb wir das gebührend mit ihm nachholen wollten: Martin Diekmann
Foto: © whiskymywife.pl

Die Ausgangslage

Kurz vor unserem Tastingtermin beschlossen die Gesalbten und Weisen in der Bundespolitik, das Corona nun vorbei wäre. Sprich trotz Inzidenzen im vierstelligen Bereich fielen sämtliche bis dato gültigen Schutzmaßnahmen und Beschränkungen für Veranstaltungen wie die unsrigen.

Im regulars-internen Kriegsrat berieten wir, wie damit umzugehen sei, fühlten sich die maximal wütende Pandemie einerseits und das in Recht gegossene ‚ab jetzt ohne Impfnotwendigkeit/Test/Maske/Abstand‘ andererseits doch ziemlich befremdlich an. Wir beschlossen, unsere Privatmeinung hintan- und uns damit der neuen Realität zu stellen – und beraumten das Tasting vor Ort an, lediglich mit der Bitte an alle Gäste verbunden, sich vor der Teilnahme auf freiwilliger Basis selbst zu testen, um die Chancen auf einen Infektions-GAU zumindest ein wenig zu senken.

Ort? Welcher Ort?

Dann erreichte uns eine Nachricht des Schützenvereins Loga, in dessen Schützenhaus unsere Tastings seit August 2020 stattfanden. Man hatte den Kalender übersehen und kurzerhand für den Termin unseres Tastings die Jahreshauptversammlung einberufen, es täte einem aber Leid. Oha. OHA!

Bei der Suche nach einer Ausweich-Location half der Verein freundlicherweise nach Kräften – und stellte uns einen Kontakt zur direkt benachbarten Freiwilligen Feuerwehr Loga her: im Feuerwehrhaus sollte sich auch ein Raum befinden, der ggf. geeignet für uns wäre.

Nach Besichtigung desselben stand fest: ja, da war ein Raum. Ja, der war geeignet. Und ja, der war für unsere Zwecke sogar nochmal besser geeignet als das Schützenhaus  – perfekt geschnitten und ausgestattet. Kurzerhand schlossen wir sehr zu unserer Freude eine Vereinbarung ab, die uns erlaubte nicht nur für den April, sondern grundsätzlich und ab sofort ins Feuerwehrhaus zu wechseln. Yikes, aus Problem ward Gewinn!

Nun aber zum Tasting

Im Zulauf auf unseren Aprilabend schlug sich das Wüten der allseits bekannten Pandemie nieder: es mussten krankheitsbedingt mehr Gäste absagen als je zuvor. Sehr zu unserer Freude entsandten einige der Ferngebliebenen jedoch Stellvertreter, sodass wir am vergangenen Freitag mit sieben Erstbesuchern in unseren ersten vor-Ort-Termin seit Oktober vergangenen Jahres starten konnten.

18 Gäste, ein motivierter Referent und dessen bessere Hälfte

Martin Diekmann führte eingangs durch seine persönliche Vita als auch in die Geschichte von Maltbarn als unabhängigem Abfüller ein. Sehr zur Freude der Teilnehmerschaft floss parallel der erste Whisky des Abends in die Gläser und konnte sich freiatmen.

Wie wird man unabhängiger Abfüller? Martin Diekmann beschrieb uns seinen Weg ins Whiskybusiness.

Der verlockend-gülden vor uns leuchtende erste Dram stellte sich als 13-jähriger Glen Moray aus einem First Fill Bourbon Cask heraus:

Glen Moray 2007 MBa

Was für ein Starter! Dicke Vanille, sehr sauber und süß – hinter diesem sehr aparten Speysider stand ein 1a-Fass, welches perfekt gereift war.

Martin war daran gelegen, mit seinem Lineup möglichst viel Bandbreite aufzuzeigen. Und so schlugen wir mit dem zweiten Whisky eine ganz andere Seite des Maltbarn-Buches auf: ganze 26 Jahre alt, aus einem Ex-Bourbon-Fass, stand ein Whisky aus der Brennerei Braeval zur Verkostung an:

Braes of Glenlivet 1994 MBa

Der Braes lieferte riesigen Spaß im Glas für Freund:innen lang gereifter Malts: ein wunderbares Wechselspiel aus Holzsäure und fruchtiger Süße, dazu florale Noten satt. Sehr komplex und mit vielen Aromen, die entdeckt werden konnten, dazu von verführerisch-cremiger Textur.

Mit dem dritten Whisky des Abends kehrten wir dem Thema Single Malt kurz den Rücken – ein ganze 44 Jahre alter Single Grain wurde gereicht:

Invergordon 1972 MBa

Grains sind Geschmackssache, sind sie doch aromatisch ganz anders aufgebaut als Malts – lang gereift zeigen sie sich bisweilen jedoch sehr verlockend. Erneut standen wir vor einem großartigen Fass, dass mit viel Honig und Vanille auf den Grain einwirkte. Das oftmals Klebstoff-artige Grainprofil schlug bei diesem Dram sehr satt in Richtung Rum und Rosinen um, der Invergordon präsentierte sich als absoluter Genuss für Nase und Gaumen.

Kamen sichtlich auf ihre Kosten: die Gäste des Maltbarn-Tastings

Pause!

In einer gut viertelstündigen Pause ließ die Gästeschar die gesammelten Eindrücke sacken – und blickte dem zweiten Teil des Lineups entgegen.

Mit selbstgebackenen Brownies wurde das Publikum zu Beginn des zweiten Teils überrascht: die für Kenner heiß begehrte Stärkung bei vielen Maltbarn-Messeauftritten stieß auf große Begeisterung.

Danach war es erneut an Martin, mit Flüssigem zu punkten. Und Martin lieferte! 1996 war ein Traumjahrgang für die Ben-Nevis-Brennerei: viele großartige Malts entstanden in diesem Jahr – einer davon wurde 2020 durch Maltbarn abgefüllt und landete nun in unseren Gläsern:

Ben Nevis 1996 MBa

Es war herrlich: Käsekuchen, exakt geschmacklich aufgeteilt in Mandarinen und Quark-Sahne. Supersauber, die Nevis-übliche Portion ‚Dreck‘ im Geschmack fehlte völlig und machte den fruchtigen Dram sehr zugänglich. Mit jedem Schluck folgten weitere Fruchtaromen – wieder ein Spitzenwhisky.

Wohin sollte diese Kurve durch den Abend weiter führen? Was wäre hier der nächste Anschlusspunkt?

Martin entschied, dass nun die Zeit für eine Sherryreifung gekommen sei – und kredenzte uns mit dem fünften Whisky des Abends einen Clynelish, der seinen Namen aus rechtlichen Gründen nicht tragen durfte:

Granville 1996 MBa

Ooooh ja: etwas vom wachsigen Profil der Highland-Destille war zu verspüren, die 22 Jahre Reifung lieferten eine angenehme Portion Holz – und der Sherrycharakter war makellos. Kein Old-School-Sherry längst vergangener Zeiten, ebenfalls kein übersüßt-kleisterdicker moderner Finishing-Sherry. Nein, ein komplexes Sherryprofil ohne Off-Noten, das mit leichter Schokoladigkeit und Nussnoten tatsächlich erneut für eine unique Art von Whisky stand. Jausa!

Souverän moderierte sich Martin durch den Abend, gab dem Publikum Kontext zu den einzelnen Abfüllungen und gewährte viele Einblicke hinter das Produkt in der Flasche, auf welches wir Endkunden ansonsten limitiert sind.

Wie kommt man an gute Fässer? Wie managt man eigene Bestände und Angebote von Brokern? Martin Diekmann führte detailliert aus.

Es lag eine Vermutung im Raum: etwas Rauchiges fehlte doch noch! Mit dem letzten Whisky schloss Martin auch diese Profillücke – ein 20-jähriger Caol Ila lieferte Rauch satt:

Caol Ila 1999 MBa

Tabak, Salzigkeit, würzige Sherryeinflüsse und jede Menge aschigen Rauches. Das Kraftpaket von der Insel Islay lieferte allen Liebhaber:innen getorfter Drams ein vielschichtiges Geschmacksangebot.

Was für ein Abend!

Der Paforceritt durch verschiedenste Whiskystile war Martin exzellent gelungen. Selbst schien er auch auf seine Kosten gekommen zu sein – zog er doch noch ein Goodie, einen abschließenden Bonusdram aus dem Hut.

Ein 15-jähriger, für Taiwan abgefüllter Port Charlotte schloss das offizielle Programm:

Port Charlotte 2003 MBa

Port Charlotte hat einen gänzlich anderen Rauchcharakter als Caol Ila – und auch der Reifung nach spielten hier andere Töne auf: süß-speckig-ledrig bot der PC viel Raum, sich in aller Ruhe mit ihm zu beschäftigen und ihn zu genießen. Ein gelungener Schlussakkord!

Liebling des Abends?

Obligatorisch ist für uns, am Ende des Abends die verkosteten Abfüllungen Revue passieren zu lassen und das Publikum den oder die persönlichen Favoriten wählen zu lassen.

Das Lineup des Maltbarn-Tastings: all Killer, no Filler. 😉

Dabei ergab sich das wohl schönste Lob für die getroffene Auswahl: jeder der Whiskys war jemandes Favorit. Es wurde so breit verteilt votiert, dass für jeden Geschmack und durchweg auf hohem Niveau ausgeschenkt worden war. Wir meinen: ein Traum von einem Tastingabend!

Die Post-Show

Wie es bei uns Brauch ist, beendeten wir mit herzlichem Dank an Martin das Tasting, ohne jedoch auseinander zu gehen: bis Mitternacht setzten wir das Beisammensein in Gesprächen und Austausch fort – und vom Erstbesucher bis zum alten Hasen konnte man dabei in fröhliche Gesichter blicken.

Für die Post-Show hatte Martin erfreulicherweise drei weitere Abfüllungen mitgebracht, die Interessierte optional noch zusätzlich verkosten konnten. Wir mussten uns jedoch verpflichten, über diese vorerst eisernes Stillschweigen zu bewahren – und holen die Nennung dieser Flaschen aus Gründen erst Ende diesen Monats an dieser Stelle nach. 😉

Daaanke!

Dank an Martin für ein geniales Tasting, die Auswahl der Drams war hervorragend, der Abend kurzweilig, spaßig und sehr interessant. Wir regulars freuen uns trotz aller aktuellen Vorbehalte, wieder vor Ort stattfinden zu können. Wir sind begeistert von unserer neuen Heimstatt im Feuerwehrhaus der Freiwilligen Feuerwehr Loga. Und wir sehen schon unserem nächsten Tastingabend im Juni voller Vorfreude entgegen. Auf zu neuen Untaten! 😂

Dank für Euer stetes Interesse an uns: bleibt gesund alle miteinander und lasst es Euch gutgehen!

Damit einen schönen Sonntag Euch,
Seb


Nachtrag vom 23. April 2022

Moin ihr,
nun dürfen wir unsere Post Show offenlegen: ein neunjähriger Glen Ord (eine wahrlich leckere, reine Bourbonreifung), ein Secret Speysider von 26 Jahren (gefälliges, rundes Teil) sowie ein 20-jähriger Port Charlotte (als Kontrast zum Sherryfass-gereiften Port Charlotte im vorangegangenen Lineup hier nun eine Bourbonfass-gereifte Version) markierten für alle Interessierten den Abschluss des Abends. Mein persönliches Highlight stellte der süffig-sauber-süße Glen Ord dar: ein sehr leckerer Dram zur Abrundung eines tollen Abends!

In voller Pracht: die Post-Show unseres Maltbarn-Tastings

Dicker Dank gebührt natürlich auch hierfür Martin, der uns diese drei erst heute auf der Whisky Fair in Limburg an der Lahn veröffentlichten Abfüllungen im Rahmen unseres Tastings bereits ganz exklusiv vorab probieren ließ. Das war klasse Martin, wir schätz(t)en uns sehr glücklich! 🤗

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