Öffentliche Tastings

Öffentliches Tasting „East Village Whisky“

11. Februar 2022, im Internet

Moin ihr,
zur Einordnung des Titels gleich vorab: nein, wir heben im Folgenden nicht auf das bekannte New Yorker Szeneviertel ab, sondern denken uns bitte gut 6.000 km nordöstlich davon in einen beschaulichen 7.400-Seelen-Ort namens Holdorf im Landkreis Vechta. Das dieser heute ein kleines Mekka für Whiskynerds ist, ist einem gewissen Herrn namens Peter Ostendorf (45) zu verdanken.

Peter fand 2006 zu einem Whiskytasting, lernte dort eine Dame namens Maggie Miller sowie im Folgenden ihren Mann Bill Miller und deren Whiskyclub ‚Scotch Single Malt Circle‘ (SSMC) kennen. Eine Freundschaft zu den beiden entwickelte sich und legte den Grundstein für Peters tiefe Whiskyleidenschaft.

In der niedersächsischen Provinz an guten Whisky und Mitbegeisterte zu kommen, war (und ist 🙂 ) so eine Sache, daher stieß Peter Ende 2008 zur Cutty Sark Scots Whisky Community, um sich online mit anderen Genießern auszutauschen – und dort vor allem zur gemeinsamen Horizonterweiterung viele Flaschenteilungen durchzuführen.

Zusammen mit einem Freund aus dem Siegtal gründete Peter im März 2012 schließlich eine eigene Whiskyrunde: die ‚Pangalaktischen Whiskygurgler‘. Man traf sich in kleinem Kreis zweimonatlich und genoss gute Whiskys.

Ein eigener Whisky?

Peter fragte sich, ob nicht möglich sei, für die Runde einen eigene Abfüllung auf die Beine zu stellen. Er nahm Kontakt zu Carsten Ehrlich, Importeur und Inhaber des unabhängigen Abfüllers ‚The Whisky Agency‘ auf und *tadaa* – ein Jahr nach Gründung der Runde wurde ein Bowmore für die ‚Pangalaktischen‘ abgefüllt.

In den folgenden Jahren folgten einige weitere Abfüllungen in kleinen Stückzahlen, bis die Whiskyrunde sich nach fünf Jahren auflöste.

Mehr davon!

Der Spaß daran, sich mit Fassproben versorgen zu lassen und spannende Whiskys für sich abfüllen zu lassen, war entdeckt, der Drang nach mehr geweckt. Peter konnte im Folgenden einige Abfüllungen der ‚Whisky Agency‘ für Gelegenheiten wie seinen Geburtstag, seine Hochzeit etc. auf die Beine stellen.

Das smarte daran: die kleinen Auflagen. Wirft ein Fass bsp. 230 Flaschen ab und wird zusammen mit weiteren Abfüllungen in einem Auftrag z.B. nach Asien verkauft, setzt die Frachtlogistik oft Grenzen, sodass bei optimaler Palettenbeladung von vielen spannenden Abfüllungen am Ende 20, 30, 40 Flaschen übrig bleiben, die den deutschen Importeur nicht verlassen. Genau diese ‚Reste‘ griff Peter liebend gern ab: Whisky, der oftmals in Europa nie im Verkauf erschien, dazu in so handlicher Menge, dass das finanzielle Risiko als auch das ‚bekomme ich die Flaschen locker im Whiskyfreundeskreis verteilt?‘ keine Hürden darstellten.

Eine Rechtsgrundlage. Und ein Fest.

Um das ganze rechtlich sauber aufzustellen und die de facto längst vorhandene Existenz als unabhängiger Abfüller auch der Form nach herzustellen, gründete Peter 2018 die ‚East Village Whisky Company‘ (Ostendorf? East Village? Alles klar? 😉 )

Im selben Jahr lud er anlässlich seines 40. Geburtstags zusammen mit einem weiteren, ebenfalls nullenden Freund eine stattliche Schar von Whiskyenthusiasten aus ganz Deutschland und der Schweiz ins beschauliche Holdorf zu dem, was heute als jährlich stattfindendes ‚Whiskyfest Holdorf‘ Szene-bekannt und -geschätzt ist: einem jeweils dreitägigen Whiskyevent der Extraklasse.

Tja, und so beglückte Peter weiterhin Genießer mit besonderen Whiskys in Kleinauflagen. Wie eh und je ohne Website, ohne Webshop – rein auf der besonderen Basis von ‚Wir kennen uns, ich halte dich informiert, du kannst gern bei mir kaufen‘.

In 2020 entschied er, mit einem ausgesuchten Webshop zu partnern: dieser hatte Interesse, Abfüllungen nach Peters Wahl zu verkaufen – brauchte dafür jedoch logischerweise größere Mengen als die bisherigen Kleinauflagen.
Das wiederum erkannte der Holdorfer als Chance: mit einem solchen Partner würden zukünftig nicht nur ausgewählte ‚Reste‘ für ihn greifbar, sondern das Abfüllen ganzer Fässer, ganz wie ‚normale‘ unabhängige Abfüller dies auch tun, würde möglich werden – und damit der Zugriff auf ein deutlich größeres Portefeuille beim Importeur.

Ein Handschlag besiegelte diesen Wachstumsschritt und so sind die Abfüllungen der ‚East Village Whisky Company‘ heute weiterhin direkt über ihn beziehbar, als auch bei eben diesem einen Whiskyhändler verfügbar. Dabei behält Peter strikt Kurs, was seinen Wertekanon betrifft: die Abfüllerei ist ihm strikt Hobby. Ganz entspannt, nebenbei und ohne daraus auch nur einen Teil des Lebensunterhalts zu bestreiten greift er nur zu, wenn ihn Fassproben wirklich begeistern, setzt auf Qualität ohne jemals Veröffentlichungsdruck zu haben.

Wir so: „Moin!“

In der Runde von uns regulars sind einige feste Besucher von Peters jährlichem Holdorfer Whiskyfest – ebenso haben wir schon so manche von seinen Flaschen abgestaubt und mit Freuden intern geteilt. Mehr als Grund genug, ihn herzlich auf unsere bescheidene Bühne einzuladen.

Not for the dough, just for the love‘: Peter Ostendorf mit einigen seiner Eigenabfüllungen

Wir hatten uns sehr darauf gefreut jemanden, der mit viel Liebe und Leidenschaft vollbringt, einen Fuß im Wasser des kommerziellen Whiskygetriebes zu haben, ohne sich davon jedoch vereinnahmen zu lassen, als Referenten für unser Whiskytasting im Februar 2022 im Schützenhaus Loga begrüßen zu dürfen.

Dann kam – wie leider so oft in letzter Zeit – die Pandemie mit neuen Rekordansteckungszahlen. Und so verbrachten wir den vergangenen Freitagabend leider nicht vor Ort beisammen, sondern wie bei Inzidenzen jenseits der 1.200 wohl geboten dezentral in Form eines Onlinetastings.

Ja nu … watt nützt’t: Vorhang auf!

Pünktlich um 19.30 Uhr hatten sich unsere Gäste auf der heimischen Couch und vor den Endgeräten versammelt, um Peters Ausfühungen zu lauschen: wie wird man eigentlich unabhängiger Abfüller?

Ein kleiner Genuss-Tipp aus einem Video des wohl bekanntesten Whisky-YouTubers Ralfy stand dem Abend voran:

Ralfy über Whiskygenuss: ‚Geben wir unseren Sinnen Zeit!‘
Es ruhig angehen lassen, sich für seinen Whisky Zeit nehmen – vielleicht nicht das schlechteste Mantra.
Video: © ralfydotcom

Jeder Dram des Abends sollte in aller Ruhe im Glas atmen können, bevor wir zur Verkostung schritten. Peter führte die Gäste in dieser Zeit mit seinem Vortrag auf seinen persönlichen Weg durch die Welt der Whiskys – erst als reiner Konsument, später als unabhängiger Abfüller – gespickt mit einer Vielzahl von Anekdoten.

Der erste verkostete Whisky des Abends war gleichzeitig Peters erste Abfüllung: ein Bowmore von 15 Jahren Alter, abgefüllt 2013:

Bowmore 1997 TWA

Ein toller, sachter Bowmore mit nicht übermäßigem Rauch, rund und lecker. Die Chance zu haben, mehr als acht Jahre nach Erscheinen des Bottlings eine der nur 27 damals abgefüllten Flaschen ausschenken zu dürfen, machte uns sehr dankbar.

Zweiter Dram des Abends wurde ein Caol Ila, der aus rechtlichen Gründen ohne Nennung des Brennereinamens abgefüllt worden war:

A Secret Islay Distillery 2008 EVWC

Buttrig und intensiv, eine zweite leckere Abfüllung der Insel Islay.

„Ich mag keine Glaubenssätze: ohne Wasser, mit Wasser, geschwenkt, geschüttelt oder alle Drams in ein Glas zusammengegossen: trinkt Euren Whisky bitte einfach, wie er Euch schmeckt!“ – Peter Ostendorf

Dritter Malt in unseren Gläsern wurde ein 11-jähriger Laphroaig. Eine Abfüllung, erschienen 2018 für die Gäste von Peters Holdorfer Whiskyfest – mit einer Auflage von nur 23 Flaschen. Grandios, das Teil ins Lineup bekommen zu haben:

Islay Single Malt Scotch Whisky 2006 EVWC

Und der Laphi lieferte: eine saubere Bourbonfassreifung mit einer guten Portion Rauch – und einer dicken Ladung der medizinischen Aromen, die Laphroaig ausmachen. Ein toller Dram, nach dessen Genuss wir die obligatorische Halbzeitpause einläuteten.

Halbzeit!

Im zweiten Teil des Abends sollten Sherryfass-gereifte Whiskys im Vordergrund stehen. Peter führte aus, nach welchen Kriterien er seine Abfüllungen auswählt – bsp. setzt er durchweg auf Vollreifungen und verzichtet auf gefinishte Whiskys – ein Modetrend, dem er sich nicht anschließen möchte.

Als vierten Dram führte die Gäste sich einen 20-jährigen Blended Malt zu Gemüte:

Blended Malt Scotch Whisky 2001 EVWC

Sanft, süß und quasi eine Portion harmonischen Nachtischs, die zu gefallen wusste.

Whisky Nummer fünf war ein Single Malt von Maltbarn, abgefüllt 2015 für Peters damalige Whiskygruppe, die ‚Pangalaktischen Whiskygurgler‘. Erneut eine superrare Abfüllung: eine von nur 36 Flaschen fand den Weg in unsere Gläser:

Royal Brackla 1999 MBa

Und dieser Royal Brackla von 16 Jahren löste allseitig Entzücken aus: ein fantastisch-cremiges Mundgefühl, nicht aufgesetzte, sondern tiefgründige Sherryfassaromen von Rosinen, Milchschokolade und mehr … ein Spitzendram!

Hoch die Gläser: die Gäste des Onlinetastings gaben sich Peters Vortrag und den korrespondieren Whiskys hin.

Schließlich gelangte Whisky Nummer 6 zum Ausschank: deutlich von dunklerer Farbe als seine Vorgänger schien nun ein starker Sherrydrücker mit viel Hub anzustehen:

Glenrothes 1997 TWA

Und tatsächlich: ein Glenrothes mit riesiger Sherryladung, ohne jedweden Schwefel, dafür mit einer guten Portion Weckgummi und ohne den ‚Glenrothes-Muff‘ (Zitat Peter), stellte den ausdrucksstärksten Vertreter des Sherry-Teils unserer Verkostung dar.

Dauerproblem für Peter Ostendorf: kaum etwas Leckeres drin, zack, Glas leer. 🤷

Unter Zuhilfenahme unserer mittlerweile sehr wertgeschätzten Neutralisierungscracker versuchte das Publikum den Gaumen ein letztes Mal zu räumen und frei zu machen für einen Nachschlag: Peter hatte sich nicht nehmen lassen, den Gästen neben dem offiziellen Lineup noch einen Bonusdram zukommen zu lassen.

Ein 23-jähriger, leicht rauchiger Ire sollte das Abschlussfeuerwerk für unseren Tastingabend bieten:

Irish Single Malt Whiskey 1991 TWA

Und ja, oooooh ja: niemand wollte sich über das beklagen, was da in unseren Gläsern geschah: Tropenfruchtaromen ohne Ende stiegen in die Nasen der Gäste, am Gaumen setzte sich der perfekt ausbalancierte und intensive Fruchtcocktail fort, nochmals aufgewertet durch etwas rauchige, einhüllende Extrakomplexität. Was. Für. Ein. Dram!

Dass diese Abfüllung nicht nur längst ausverkauft war, sondern in Auktionen jenseits der 500 € gehandelt wird, war betrüblich. Dass Peter dieses Juwel jedoch ohne mit der Wimper zu zucken für unseren Tastingabend köpfte und zum Ausschank brachte, war mehr als großzügig. Wir sahen uns im Whiskyhimmel … 🙂

Schließlich blickten wir auf das gesamte Lineup zurück und unsere Gäste wählten ihren Whisky des Abends:

Das Fazit war erdrückend eindeutig: der Traum von einem Irish Whiskey, unser Bonusdram, räumte alle Zustimmung ab, die er nur hätte ernten können. Daneben landeten der Maltbarn Royal Brackla (Platz 2) sowie der Bowmore (Platz 3) auf dem virtuellen Treppchen.

Um fast 23.00 Uhr endete ein mit unendlich vielen Geschichten und Einblicken in Peters Schaffen prall gefüllter Abend. Peter verwahrte sich schließlich davor jedwedes Trinkgeld anzunehmen, sondern entschied, jedes an ihn gerichtete Dankeschön in voller Höhe einem karitativen Zweck zu Gute kommen zu lassen. Dafür wiederum unsererseits ein herzliches Dankeschön!

Wir leiteten in die Post Show über, in der interessierte Gäste noch drei ganz neue Abfüllungen aus Peters soeben erschienenem Bottling probieren konnten: einen 25-jährigen Tobermory, einen unbekannten Highlander von 21 Jahren sowie einen ziemlich leckeren Sherry-Macduff.

Mit diesen letzten Drams ließen wir es uns bis Mitternacht weiter gutgehen und einen unterhaltsamen, spaßigen und genussreichen Abend miteinander ausklingen.

Jetzt aber mal laut und deutlich danke sagen!

Dank gilt Peter Ostendorf für ein wirklich tolles Tasting!
Dank gilt allen Gästen, die sich – Corona und Onlinetasting zum Trotz – mit uns diese besonderen Abende zweimonatlich nicht nehmen lassen und das Beste aus der aktuellen Lage machen.

Bleibt möglichst gesund alle miteinander,
bei Interesse sehen wir uns zum nächsten öffentlichen Tasting im April
Seb

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