Öffentliche Tastings

Öffentliches Tasting „Therapeutisches Entkorken: Return to Sebs Trinkreserve“

10. Dezember 2021, im Internet

Moin ihr,
ich liebe es, neue Whiskys zu probieren. Mich immer weiter voranzutasten und auch nach mehr als einer Dekade intensiver Beschäftigung mit tollen Malts und Blends nach wie vor überrascht sein und begeistert werden zu können. Das mache ich aus Kosten- wie auch Leberschutzgründen zumeist durch das Verkosten von Samples, also kleinen Quantitäten der jeweiligen Abfüllungen.

Aber hier und da fällt mir dann ein Whisk(e)y in den Schoß, der mich so begeistert, dass ich eine Flasche davon kaufe. Oder im Fall vergriffener Abfüllungen auch ertausche oder im Ausnahmefall gar ersteigere.

Und weil ich einerseits traditionell stets einen wahren ‚Samplestau‘ vor mir her schiebe und andererseits eine böse Flaschenaufreißhemmung habe (über das Dilemma von ‚trinken heißt ja danach nicht mehr haben‘ habe ich hier mal ein Stück Text geschrieben), sind (offene) Whiskyflaschen in meinen Schränken eine absolute Seltenheit.

Im Oktober 2020 habe ich daraus, meinem Angstgegner Korken ins Auge zu blicken eine öffentliche therapeutische Sitzung gemacht, indem ich mit 25 Gästen im Rahmen eines wunderbaren öffentlichen Tastings ein paar Flaschen aus vielen Jahren Vorratshaltung geöffnet und wir diese gemeinsam genossen haben. Und das war klasse!

Einerseits mach(t)en die gemeinsame Freude an den Drams und noch heute die Erinnerung daran allemal den vermeintlichen Verlust wett, andererseits kann ich konstatieren, dass in der Trinkreserve noch ein paar Flaschen übrig geblieben sind, ich also weiterhin nicht zu verdursten drohe.

Und so hatte ich mich dazu durchgerungen, eine zweite Sitzung anzuberaumen: sechs besondere Whiskys wurde gewählt und am vergangenen Freitag in der zweiten Ausgabe des ‚Therapeutischen Entkorkens‘ verkostet.

Mal wieder COVID-19

Im Zulauf auf das Dezembertasting schnellten die Infektionszahlen der schönsten Pandemie der Neuzeit in ihrer vierten Welle in die Höhe, sodass wir uns in Corona-Warnstufe 2 befindlich auf ein Onlinetasting verlegten.

Samplefläschchen wurden vorab befüllt, Tüten mit ein paar Goodies bepackt und die Gäste damit für die Videokonferenz ausgestattet.

Auf zum Tasting!

Schlag 19.30 Uhr untermalte die Band ‚Cremant Ding Dong‘, dass man sich später (wieder in persona) sehen würde, bevor wir in den Abend starteten:

Als erster Whisky des Abends kam ein Balvenie zum Ausschank, der aus rechtlichen Gründen als ‚teaspooned‘ Malt als Blended Whisky bezeichnet werden musste. Die seltene Gelegenheit, einen Balvenie einmal in Fassstärke probieren zu können, lockte:

Blended Malt Scotch Whisky 1997 C&S

Der Dram gab uns einen rauhen Start: jede Menge Fasswürze, nur eine dezente Orangennote durch sein Sherryfass-Finish und eine spürbare alkoholische Note. Kein sanftes Entrée – aber damit waren alle Gäste wach und sämtliche Geschmacksknospen aktiviert 😉 .

Mit einem Single Malt aus einer seit dem Jahr 2000 geschlossenen Lost Distillery ging es weiter: ein 17-jähriger Imperial floss in die Gläser, durfte sich wie alle Abfüllungen des Abends erst einmal eine Viertelstunde im Glas freiatmen und wurde dann neugierig inspiziert:

Imperial 1995 WD

Eine schöne Rum- und Rosinennote paarte sich mit Nussigkeit. Der Dram war wunderbar cremig und brachte eine starke Getreidigkeit, quasi als ‚Frühstück im Glas‘ mit. Ebenfalls kein Schmeichler, der Whisky hatte ordentlich Biss und Charakter – mit herrlich süßem Ausklang.

So ist das mit der Homeoffice-Pflicht: das Dezembertasting fand in Form einer Videokonferenz statt.

Und noch eine dritte Flasche hatte für den Schlussakkord vor der Halbzeitpause ihren Korken lassen müssen: ein 26-jähriger Bladnoch aus den schottischen Lowlands. Die Flasche hatte eine relativ turbulente Geschichte hinter sich, von der erst berichtet wurde, bis wir uns der Abfüllung zuwandten:

Bladnoch 1990 CA

Das war mal ein Lowlander, wie er im Buche steht: grasig, fruchtig-frisch und mit einer schönen Melange aus Süße und Zitrustönigkeit.

Halbzeit!

Eine gut viertelstündige Pause bot Gelegenheit, die Gaumen in Ruhe zu neutralisieren, ggf. etwas zu essen und sich auf einige deutlich fassgetriebenere Whiskys im zweiten Teil zu freuen.

Ein 15-jähriger Glenlivet aus einem First-Fill-Sherryfass sollte den Auftakt hierfür bilden. Eine Abfüllung mit viel persönlicher Geschichte – hatten wir eine Flasche eben dieses Fasses doch am Abend der regulars-Konstitution im Oktober 2012 auf dem Tisch stehen – Junge, das war lange her:

Glenlivet 1997 SV

Die gute Nachricht: der 2012 abgefüllte Dram schmeckte noch wie damals 🙂 . Etwas Gummi voran schob eine unglaubliche, aber nicht billig-süße Sherryfracht in die Kehlen der Gäste.

Wenn auch dezentral: ein paar Stunden mit tollen Whiskys ließen sich die 25 Gäste des Tastingabends nicht nehmen.

Fünfter Whisky des Abends wurde ein Bowmore, Rauch kam ins Spiel. Die gewählte ‚Vault Edit1°N‘ ist ein seltenes Beispiel für einen Malt, dessen Preis über die Zeit sinkt: hatte ich die Ausschrankflasche der 2016 erschienenen Abfüllung 2017 noch für 91,94 € erworben, war der noch immer erhältliche Bowmore im November 2021 in einem Sonderangebot für schlanke 57,45 € aufgetaucht – das geschieht wahrlich nicht oft.

Bowmore Vault Edit1°N

Der Bowmore sollte die salzig-kantige Seite der Brennerei darstellen, so die Idee hinter dieser Abfüllung. Und das tat er auch – kräftig, aber mit perfekt eingebundenen 51,5 Vol.-% Alkohol brachte er seine Rauchfracht, Salzigkeit und dazu auch Fruchtankläge und Süße ins Ziel. Der kam im Publikum mehr als gut an …

Bei der sechsten Flasche des Abends handelte es sich um ein 1996er Ben Nevis. Manche Brennereien haben irgendwann das ‚goldene‘ Produktionsjahr. Eines, aus welchem fast ausschließlich gute bis sehr gute Abfüllungen zu finden sind. Ob 1966er/1968er Bowmores, 1976er BenRiachs, 1976er Tomatins, 1981er Lochsides, 1989er Glenturrets oder 1993er Glendronachs: solche Sternchen machen riesigen Spaß im Glas.

Bei Ben Nevis ist 1996 solch ein Jahrgang: ausgereifte Whiskys aus diesem Jahr sind richtige Knaller – und einen solchen nahmen wir uns vor:

Ben Nevis 1996 ElD

Superkomplex, betörend von einem „Sind das Schaumerdbeeren, also der Geruch dieser Süßigkeit?“ zu Beginn in der Nase bis zu einem großen Aromenspiel in Mund und Abgang – mit dem Ben-Nevis-üblichen kleinen dreckigen Touch ein von vorn bis hinten genialer Whisky.

Nicht aufhören wollen zu verriechen aus Angst, der Eindruck am Gaumen könnte mit so einer herrlichen Nase nicht mithalten – unbegründet beim ausgeschenkten Ben Nevis 🙂 .

Hach, das war herrlich!

Oft machen wir uns in den Tastingabenden vor Ort einen Spaß daraus, einen vorab nicht angekündigten ‚Bonusdram‘ ins Lineup zu schmuggeln um einem hoffentlich spannenden Tasting noch ein Highlight hinzuzufügen. Bei Onlinetastings ist das natürlich schwierig: sieht doch jeder Gast, wieviele Fläschen er auf den Tisch bekommt.

Nichtsdestotrotz war ein Bonusdram Teil des vergangenen Freitagabends: noch einmal Fasswhisky deluxe, richtig intensive Brühe. Wie war das mit den großen Brennereijahrgängen? Ein 1993er Glendronach kam in Form eines 21-jährigen Single Casks zum Ausschank, aus einem perfekten Oloroso-Fass:

Glendronach 1993

Eine Sherrybombe reinsten Wassers – und erneut nicht süß und sicherlich nicht eindimensional. Um den Aromenbeschreibungen mehrerer Verkostender nachzugehen, empfehlen wir einen Klick auf das oben stehende Foto: in der Whiskybase sind einige Verkostungsnotizen zu dieser Abfüllung niedergelegt.

Es lässt sich in jedem Fall sagen, dass der Dram keine Reklamationen erntete – ein wuchtiger Schlusspunkt für ein Tasting voller Abfüllungen aus meiner Trinkreserve, die teilweise fast 10 Jahre auf die Entkorkung gewartet hatten.

Am Ende galt es natürlich, den Sieger des Abends zu küren:

Und das gestaltete sich recht schwierig: eindeutig nicht oben in der Gunst des Publikums waren die drei Whiskys des ersten Teils des Abends: diese hatten keine Chance, sich im Vergleich Stimmen zu holen.
Am Ende mussten sich der Ben Nevis und der Glendronach den goldenen Pokal teilen, beide kamen exzellent an. Und der Bowmore konnte ebenfalls viel Zuspruch auf sich vereinen.

Ein Blick nach vorn

Eine kleine Vorschau auf unser Februartasting durfte natürlich zum Ende hin nicht fehlen: Peter Ostendorf, Gründer der ‚East Village Whisky Company‘, online als ‚SSMC No. 42‘ bekannt, wird sich die Ehre geben und am 11. Februar 2022 davon berichten, wie man zum unabhängigen Abfüller wird und uns dabei einige Abfüllungen aus seiner Zeit ausschenken.

Da war doch noch was: die Post Show!

Damit wäre das 23. öffentliche regulars-Tasting Geschichte gewesen – wäre nicht die übliche Einladung, noch etwas mit einander zu verweilen und bei Interesse noch eine aus drei weiteren Drams bestehende Post Show zu genießen. Dafür hatte sich im Vorfeld gut die Hälfte der Gäste entschieden.

Zum Ausschank kam ein 26-jähriger, nussiger Sherrydram aus der Speyside – und Überraschung: die erste Eigenabfüllung von uns regulars 🙂 . 60 Flaschen hatten wir uns kürzlich davon abfüllen lassen, von denen nur im engsten Kreis 52 bereits das Weite gesucht haben. Sprich die Gelegenheit, diesen Whisky auszuschenken, wollte ich gern wahrnehmen, bevor auch die letzten Flaschen ggf. weitergereicht werden:

A Secret Speyside Distillery 1994 EVWC

Dafür gilt Peter Ostendorf Dank, der uns zu dieser Abfüllung verholfen hat: ein tolles Sherryprofil auf der nussigen Seite, dazu 26 Jahre aus einem Einzelfass, bei einem Flaschenpreis von mehr als fairen 159 Euro. Wir freuen uns sehr über dieses kleine Juwel … 😉

Zweiter Post-Show-Dram war ein Standard, der leider keiner mehr ist: der 10-jährige Ben Nevis aus 2021. Grundsätzlich nur noch selten zu bekommen wurde die Abfüllung dieses Jahres nur in UK herausgebracht, was als Importware von außerhalb der EU natürlich den Preis ziemlich erhöhte. Aber wer schön trinken will, muss leiden, oder so – und so hatte eine Flasche direktemang aus Schottland ihren Weg bis in unsere Gläser gefunden:

Ben Nevis 10-year-old

Mit einer schönen Mandarinen-Note obenauf ein gewohnt leckerer Ben Nevis – ich für meinen Teil könnte mich in solche Drams reinlegen.

Den wirklichen Endpunkt des Abends stellte dann ein reell rauchiger Islay-Malt da, ein Kilchoman 2010 Vintage:

Kilchoman 2010

Massig Rauch, im Mund mit fülliger Süße und tollem Aromenspiel ein perfekter Abschluss. Eine gediegene Flasche.

Um kurz nach Mitternacht sagten sich die letzten Anwesenden Lebewohl. Was für ein verrückter Abend: mit ungewohnt verhaltener gästeseitiger Begeisterung bei den ersten Drams über eine nahezu extatische zweite Halbzeit bishin zu einem sehr gemütlichen Ausklang in der Post Show.

Dank gilt allen Gästen: die eine oder andere Flasche aufzureißen hat mich Überwindung gekostet – der gemeinsame Genuss und der Spaß daran waren das aber mehr als Wert.

Bleibt gesund alle miteinander, lasst es Euch gutgehen – und im Februar 2022 sehen wir uns wieder, wenn ihr mögt 🙂 .

Bis dahin schöne Weihnachtstage und einen tollen Jahreswechsel,
dazu beste Grüße aller regulars
Seb

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