Öffentliche Tastings

Öffentliches Tasting „Hör mal ’n beten to: Portgeschichten“

8. Oktober 2021, im Schützenhaus Loga in Leer

Moin ihr,
seit Jahren hatten wir regulars-intern unser Gründungsmitglied Horst ‚whisho‘ Bielefeld zum Ausrichten eines öffentlichen Tastingabends agitiert. Einerseits, weil Horst zuzuhören und mit ihm ein paar Drams zu genießen immer Garant für einen geselligen Abend ist. Andererseits, weil er wahnsinnig konsequent eine tiefe Leidenschaft für eine interessante Nische innerhalb der großen weiten Whiskywelt hegt. Voller Stolz erfüllte uns daher, dass viel Beknien und am Ende eine Art gruppeninterner Knebelvertrag im Rahmen des letztjährigen Whiskywettstreits der regulars („der Sieger gibt in 2021 ein öffentliches Tasting“) ihre Wirkung schlussendlich nicht verfehlt hatten und wir Horst endlich dazu bewegen konnten, einen Tastingabend für 25 interessierte Gäste zu gestalten. 🙂

Der Horst

Der 1961 geborene Schortenser stieg in den 1990er Jahren sachte ins Thema Whisky ein. Als frisch gebackener Nichtraucher und schon lose vorgeprägter Whiskytrinker sah er sich damals während einer Helgoland-Butterfahrt unter Zug- wie Kaufzwang und griff mäßig informiert, aber kurz entschlossen zu einer Flasche Single Malt, um abseits der für ihn nutzlos gewordenen Kippen den Steuervorteil eines Helgoland-Bummels auszunutzen. Ein Glenmorangie Port Wood Finish wurde so zufällig sein erster gekaufter Whisky, der eine Reifung im Portfass hinter sich hatte. Seitdem stand eigentlich immer eine einzelne Flasche Scotch bei ihm im Schrank, bis 2009 seine Whiskyleidenschaft vollends entfacht werden sollte.

Horst begann mehr zu probieren, mehr zu kaufen und verfiel dem schottischen Landwein vollends. Endgültiger Auslöser für sein spezifisches Faible für Portfassreifungen wurde ein Edradour Port Cask Matured, der sein Herz auf bisher unbekannte Weise eroberte. Es folgte noch die Entdeckung, in räumlicher Nähe zum Whisky-Versandhändler Scoma zu wohnen –  und schnell entstand dorthin ein enger Kontakt, der den friesischen Händler zur Primärquelle für Neuentdeckungen und quasi Horsts zweitem Zuhause machen sollte.

Fortan kamen Horst viele, viele Whiskys ins Glas – mit einem starken Fokus auf Portfassreifungen, deren spezieller Charakter bis heute das höchste aller (Whisky)Gefühle für ihn markiert.

Ein Mann, ein Port – Horst Bielefelds Leidenschaft sollte Thema unseres Oktobertastings sein.

Wer sich heutzutage von Horst einen Whisky einschenken lässt, darf sich in Sicherheit wähnen, hierbei einen Malt aus einer Portweintonne probieren zu dürfen.

Whiskys rauchiger Provenienz waren übrigens in den ersten Jahren dabei lange eher nicht Horsts Ding, es brauchte einige Zeit für die Entdeckung, dass auch rauchige Whisky veredelt mit Port-Aromen ganz hervorragend schmecken kann.

Port für alle!

Für unser Tasting plante Horst nun aus einer riesigen Auswahl von Optionen einen Querschnitt zu ziehen: von sanft bis intensiv, von Port-Finish bis Port-Vollreifung, von nichtrauchig bis rauchbetont – die sechs Whiskys dieses Tastingabends sollten in die besondere Aromatik von Portfassreifungen einführen und zeigen, wie sich unterschiedliche Portreifungsstile auf verschiedene Brennereicharakter niederschlagen. Wir sollten vanillige Ex-Bourbon-Noten links und fruchtige Ex-Sherry-Noten rechts liegen lassen und mit Horst in die Welt rot funkelnder Ex-Port-Whiskyschönheiten abtauchen.

Gestatten: 2G

In Vorbereitung des Tastingabends tauchte für uns Organisatoren im September ein neues Thema auf: das ‚2G-Optionsmodell‘. Würden wir nur COVID-Geimpften und -Genesenen Zutritt zur Veranstaltung gewähren, würde unser Hygienekonzept drastisch schrumpfen und die Wahrscheinlichkeit, auch bei höherer COVID-Gefährdungslage vor Ort stattfinden zu können, stieg. Nun konnten wir natürlich unseren Ticketkäufer*innen nicht nach dem bereits erfolgten Vorverkauf nachträglich eine solche Einschränkung überbügeln und damit ggf. jemanden ausschließen, von daher befragten wir unsere Gäste – und sehr zu unserer Freude stimmten alle 25 Teilnehmer*innen der Durchführung nach dem 2G-Modell zu.

Tja, und so konnten wir am Freitag in gemütlicher U-Bestuhlung und von der Wasserkaraffe bis zur Knedewaffel zum ersten Mal seit Pandemieausbruch mit nahezu vollständig ‚normalem‘ Setup in einen Tastingabend starten – mit einem Hochgefühl 🙂

Auf zu einem Tastingabend über und mit Portfass-gereifte(n) Whiskys

Nach Begrüßung und Vorstellung seitens unseres Referenten führte dieser das Publikum in die Geschichte, den Anbau und die verschiedenen Spielarten des Portweins ein. Seine theoretischen Ausführungen wurden durch eine süße Überraschung untermalt: bevor Whisky zur Verkostung gelangen sollte, ließ er einen Portwein ausschenken: die Gäste probierten einen fruchtig-süßen Calem Fine Tawny.

Danach starteten wir in den Whisky-Teil des Abends – mit einem Glenmorangie:

Glenmorangie Quinta Ruban

Teilnehmerin Nevin war so nett, einige ihrer Verkostungsnotizen mit uns zu teilen – der Quinta Ruban gefiel ihr schonmal:

Niemand geringerer als Richard ‚The Nose‘ Paterson erhielt im Folgenden durch einen Videoeinspieler Raum, seine leidlich exzentrische Ansichten darüber, wie denn ein Whisky überhaupt korrekt zu genießen sei, zu vermitteln. Anschließend gelangte ein von eben diesem Herren kreierter Whisky zum Ausschank:

Dalmore Port Wood Reserve

Dritter Whisky des Abends wurde ein Benrinnes – die erste Abfüllung, die nicht nur in Portfässern gefinished wurde, sondern als Vollreifung die typischen Noten des portugiesischen Süßweins intensiver als seine beiden Vorgänger präsentierte:

Benrinnes 2010 Cl
Das Versprechen von Referent Horst ‚whisho‘ Bielefeld, mit der ersten Port-Vollreifung nun deutlich ‚portiger‘ zu werden, wurde mit dem Benrinnes klar eingelöst.

Waren die ersten beiden Whiskys noch eher zahm, was die Portweineinflüsse anging, so schob der Benrinnes eine große Fracht roter Früchte und des portartigen, von manchen als salzig empfundenen Punches in die Gläser. Ein toller Whisky!

Halbzeit

Mit einer viertelstündigen Pause verschaffte sich das Publikum etwas frische Luft, bevor im zweiten Teil des Abends weitere drei Drams zur Verkostung anstanden. Den Anfang dieses Reigens machte ein 16-jähriger Ben Nevis:

Ben Nevis 2004 BA

Nevin war so nett, auch ihre Notes dazu mit uns zu teilen:

In der Runde wurde der typische Brennereicharakter von Ben Nevis als etwas ‚dreckig‘ beschrieben – dem mochte sich Nevin nicht anschließen.
Ein herzliches ‚Slàinte mhath!‘ aus der Runde

Mit einem sagenhaft intensiven und würzigen Glenglaussaugh floss dann der bereits fünfte Dram des Abends in die Gläser. Ein wirklich hervorragendes Einzelfass, von Horst exzellent gewählt:

Glenglassaugh 2009

Schauen wir noch einmal in Nevins Notes:

Obwohl Horst nicht gerade als Rauch-versessen zu bezeichnen ist, durfte zum Abschluss ein Vertreter der getorften Whiskyspielart – selbstverständlich ebenfalls mit Portfasseinfluss, nicht fehlen:

Laphroaig Port Wood

Frucht, medizinischer Rauch und ein hochintensiver Aromendruck begeisterten das Publikum.

Glücklicherweise konnte nach dessen Genuss kein Raum für Wehmut und Abschiedsschmerz aufkommen, denn Horst ließ mit einem Bonusdram noch einen siebten Whisky ausschenken – eine längst ausverkaufte Flasche aus seiner persönlichen Sammlung:

Und was war das für eine Rakete: ein Port Charlotte, ebenfalls rauchig, jedoch ganz anders ausgeprägt als der vorangegangene Laphi. 13 Jahre im Portfass gereift und trotz seiner 61,7% Fassstärke ohne jedwede alkolische Spitze:

Port Charlotte 2003 Gs

Bei der abschließenden Publikumsbefragung bezüglich des persönlichen ‚Whisky des Abends‘ räumte der Port Charlotte tatsächlich mit einmalig-erdrückender Mehrheit das Krönchen ab – dieser Malt war DAS perfekte Highlight. Wie schrieb Nevin:

Die Nase ausführlich genießen, alle Aromen entdecken und sich einem einzigartigen Whisky mit allen Sinnen hingeben: Horst Bielefeld und Publikum mit dem letzten Dram des Abends.

Was ließ sich abschließend konstatieren? Jeder im Rund konnte dem Thema der portfassgereiften Whiskys etwas abgewinnen. Von ‚och, kann man trinken‘ zu Beginn bis hin zu ‚Traumstoff, was kostet die Flasche?‘ vor allem bei den ausgeschenkten Whiskys im zweiten Teil des Abends waren gleichermaßen viel Horizonterweiterung wie Genusserlebnis Resümee des Abends.

Gegen 22.30 Uhr gelangte unter dem herzlichen Applaus der Teilnehmer*innen ein wunderbarer Tastingabend fast an sein Ende. Fast, denn wie stets waren alle interessierten Gäste eingeladen, noch ein Quantum Extrazeit miteinander zu verbringen und bei Bedarf in dieser ‚Post Show‘ aus drei weiteren Whiskys ggf. noch etwas für das eigene Glas zu erwerben. Zum Ausschank gelangten hierbei ein BenRiach The Twelve, ein Ruby-Port-gereifter Tormore sowie ein Glentauchers aus einem sagenhaft leckeren Sherryfass.

Um Mitternacht schlossen sich dann die Türen des Schützenhauses – um sich am 10. Dezember für das nächste öffentliche Tasting erneut zu öffnen.

Dankeschön!

Dank unserem Referenten Horst Bielefeld für einen umfangreichen wie spannenden Vortrag und für eine tolle Whiskyauswahl, arrangiert als perfekte Rampe vom soliden Einsteiger bis zur absoluten Perle als Klimax. Dank allen Gästen für die Unterstützung unserer 2G-Idee und das dadurch ermöglichte extragemütliche Beisammensein – es war ein wunderschöner Abend, der uns den COVID-Unbill fast vergessen machte. Und Dank allen Leser*innen für das stete Interesse an unseren kleinen Nachberichten 🙂

Wir freuen uns auf den nächsten Tastingabend mit Euch!

Bleibt gesund,
Seb

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