Stammrundentastings

66. Stammrundentasting

25. September 2021, »Immer ehrlich«, bei krimoldo in Varel

Moin ihr,
wie heißt es so schön in der Terminbeschreibung zu unseren Stammrundentastings:

„Alle zwei Monate gibt es da regulars-intern diesen einen Abend auf den sich alle freuen, um in heimeliger Runde von einer Handvoll Whiskyenthusiasten ein paar Stunden bei tollen Gesprächen und leckeren Malts die Zeit anzuhalten: das Stammrundentasting.“

Genau so sieht das aus. Und so pilgerten gestern Abend drei regulars frohgemut gen Varel, wo Olli zum fröhlichen drammen geladen hatte. Digital wurde dazu noch ein vorab postalisch mit den Whiskys des Abends versorgter Mitgenießer aus Koblenz zugeschaltet. Wie der ungeschriebene Comment es forderte, läuteten ein paar Tassen Tee das Miteinander ein, bevor die Whiskygläser auf den Tisch des Hauses kamen.

Diese wurden schließlich aufgetafelt und direktemang befüllt. Olli blies zum Blindtasting, also war fröhliches Raten angezeigt.

Dram Nummer 1: Tolle Nase, eine alte Abfüllung mit OBF. Schöner Stoff. Aber für die Gäste nicht zu erraten. Also die Auflösung bitte! Olli gewährte Entlastung:

Highland Park 12-year-old

Ach, sieh an, ein oller HP aus den späten 1980ern/frühen 1990ern. Nicht von schlechten Eltern. Wenn man da an die heutigen „Viking Honour“-Abfüllungen gleichen Alters denkt … sind diese weit abgeschlagen. Nun gut, wenn eine Whiskyflasche wahlweise wie eine Eisskulptur oder ein Spielautomat aussieht, hat das sicherlich einen Grund und sollte der versierten Genießer*in Denkanstoß genug sein, das mit aufwendiger Verpackung eventuell der Inhalt kaschiert werden soll … 😉

Der alte Tropfen war erste Sahne, ein super Einstieg in den Abend. Direkt wurde nachgeschenkt.

Die Teilnehmer des Tastings bildeten übrigens ein kleines Versuchspanel, um abseits von konventionellem Baguettebrot eine bombastische, (für uns) neue Lösung zum Neutralisieren zwischen zwei Drams zu testen. Ohne mehr zu verraten sagen wir mal: Volltreffer! Ab dem nächsten öffentlichen Tasting wird unsere Neuentdeckung auch dort zum Einsatz kommen … 🙂

Aber widmen wir uns dem Verdikt von Dram Nummer 2: Holz, Holz, Holz. (Verzeihung:) Geil! Wir vergaben fünf von fünf möglichen Dentagard-Bibern. Was für eine Eichenfracht! Dazu Zitrusnoten, die aus dem Spirit stammen mussten und etwas nasse Pappe … ein fassstarkes und sehr fassaktives Ferkel, aber eine ältere Abfüllung?

Richtig geraten hieß es, Olli löste auf:

Glenfarclas 1997

Feine Sache, sehr schön, eine solche ältere Abfüllung probieren zu dürfen.

Mit dem dritten Whisky des Abends ging es dann in eine ganz andere Richtung. Ollis Vorliebe für Sherryfassreifungen ist kein Geheimnis, aber DIE dunkle Brühe in unseren Gläsern stellte uns vor ein unlösbares Rätsel:

Jesus, ordentlich Dampf in der Nase! Erstmal tüchtig Wasser drauf, so als Entgiftungsversuch. Doch auch dann standen wir vor einem Sherrybrett reinsten Wassers, welches den ursprünglichen Spirit lawinenartig unter sich begraben hatte. Unmöglich, hier einen Tipp auf die Brennerei abzugeben.

Olli musste uns erlösen:

Strathmill 2006 SV

Über 60%? Erst im Refill Butt gelagert, danach noch im First Fill Sherry Butt gefinished? Alles klar, Reifungsmethode „WEG VOM TISCH!“ *ELEKTROSCHOCK*.

Der flüssige Patient wurde durch seine Reifung verkaufsfertig gepimpt – sehr beeindruckend, aber alles andere als ein Komplexitätswunder. Gott sei Dank hatten wir da die neue Lösung zum nachhaltigen Neutralisieren der Sherryfracht …

Es wurde kräftig eingeschenkt – was den Teilnehmern des als Blindtasting angelegten Abends tüchtig Rätsel aufgab …

Olli mahnte, dass vor der Halbzeitpause noch einer dürfe, also ab zu Dram Nummer 4:

Gute Güte – was war denn das? Fünf Pfund Zuckerwürfel, zusammengehalten von einem Weckgummi. Süüüßer Pedro-Ximénez-Sherry par excellence. Raten wieder unmöglich. Olli half mit einem Tipp: „Gehört in mein Beuteschema, kennt ihr!“  Ein zaghaftes „Bunna?“ aus dem Rund und ein erlösendes Nicken:

Bunnahabhain 2009 Sb

Flüssiger Nachtisch – leckeres Zeug!

Mit dieser spannenden Auswahl intus freuten wir uns auf eine kleine Auszeit. Olli tafelte nach Kräften auf – zwei Sorten selbst gebackenen Baguettes trafen auf knapp zwei Hände voll Käsesorten aller Couleur und Weintrauben von epischer Qualität. Supermegaklasse, großen Dank dir nochmal Olli!

Runde Zwei

Gesättigt und frisch gestärkt ging der fröhliche Reigen im Glas weiter, Dram Nummer 5 lag vor uns:

Starke Säure, spürbar Holz, Tipp auf europäische Eiche – also eine eher seltenere Sherryreifung. Fino? Olli nickte. Die Brennerei? Eisiges Schweigen im Rund.

Olli mit dem ersten Tipp: Brennerei und Whisky tragen unterschiedliche Namen. Lautes denken: nee, kein Kilkerran von Glengyle, kein Longrow oder Hazelburn von Springbank, kein Inchmurrin o.ä. von Loch Lomond, kein Glen Deveron von Macduff. Was konnte das sein? Olli gnädig mit einem Tipp: „Knock, knock!“ Ach jaaaa: ein AnCnoc aus dem Hause Knockdhu!

Knockdhu 2011 CA

Das stimmte dann sogar, verrückte Abfüllung.

Dram Nummer 6 ebenfalls hart exzentrisch: die Nase schwankend zwischen Käse- und Traubennote, im Mund eine echte Zitrusbombe, schöne Trockenheit. War da Rauch? Unsicherheit am Tisch. War das Virgin Oak? Holz und Trockenheit war da satt. Wir scheiterten. Olli löste auf – noch ein Knockdhu:

Knockdhu 2006 CA

Ebenfalls ein Lehrbuchwhisky für eine aus der Art geschlagene, wilde Reifung, hochinteressant. Unseren Horst animierend zu einer klaren Weisheit:

„Ich bin ganz ehrlich: ich bin immer ehrlich!“

whisho

Und in seiner ehrlichen Art schloss er diesen Dram als seinen Favoriten für den Whisky des Abends kategorisch aus – der war nicht sein Fall.

Also schauen, ob mit Whisky Nummer 7 eine Streicheleinheit für strapazierte Gaumen anstand:

Geeeeeile Nase. Rauch, Süüüße. 100%ig Kilchoman! Nein, Olli winkte ab. Horst noch der Nase nach noch vor dem Probieren mit einem alternativen Tipp: Port Charlotte! Olli applaudierte: korrekt!

Port Charlotte 2001 Ralf Lapan Edition

Der Port Charlotte brachte einen Hauch von Gummi mit, zeigte sich aber als superlecker und gefällig. Toller Stoff!

Und dann geschah das eigentlich schönste, was bei unseren Stammrundentastings so passieren kann: wir versanken in einer spaßigen Diskussion über etwas total Abseitiges (in diesem Fall die James-Bond-Filme) und schlürften den achten und letzten Whisky des Abends quasi nur locker nebenher:

Caol Ila 2004 MBa

Oh, dem hätte mehr Aufmerksamkeit zugestanden: ein toller, komplexer Caol Ila, deutlich Rauch, ein verführerisches Schlückchen.

Wir unterhielten uns weiter tief angeregt über Film-Trivia, bis Olli entschied, dass ohne Post-Show-Dram kein Abpfiff erfolgen könne. Also noch einmal die Gläser gefüllt und munter drauflos geraten.

Klare Tipps schon der Nase nach: das war ein Laphi! Und Olli war stolz auf uns, Hopfen und Malz schienen bei uns nicht ganz verloren: das war korrekt!

Laphroaig Cask Strength

Leckerer Dampfhammer, der in Nase und Antritt klar Laphroaig war, im Ausklingen aber fast Bowmore-artigen Charakter zeigte. Tolle Sache, superfein!

In der gemeinsamen Rückschau hatte der Glenfarclas (Dram Nummer 2) zusammen mit dem Caol Ila (Dram Nummer 8) das Krönchen für den Abend abgeräumt. In Summe eine riesige Bandbreite, viel exzentrisch-verrücktes, ein toller Abend mit tollen Whiskys.

Um eben vor Mitternacht verabschiedeten wir uns voneinander, nachdem wir in tiefen Zügen vier schöne Stunden haben genießen dürfen. Ein dicker Dank für einen wunderschönen Abend gilt Olli – das war klasse!

War noch was?

Ach ja, da war noch was. Ein Adieu. Unserem lieben Mitstammrundler und Ausrichter des Abends Olli hatte sich eine fantastische Karrierechance geboten. Was mit Teamleitung, was mit Perspektive. Genial! Leider jedoch mit der Kehrseite, in kürzester Zeit den schon lange anvisierten Doktortitel erwerben zu müssen. Und da Olli kein Mann für halbe Sachen ist, bedeutet das eine rund einjährige Auszeit aus unserer Stammrunde, um sich neben Arbeit in Vollzeit und großem Familienverband diesem Ziel mit aller Energie widmen zu können. Alles, alles Gute, wir halten dir die Daumen!

Nun hatten wir bereits ein ziemlich trubeliges Jahr 2021 hinter uns: die ursprünglich sechsköpfige Stammrunde startete per se zu fünft in dieses Jahr, denn unser lieber saw konzentrierte sich auf ein Studium und war uns abspenstig geworden. Dann verabschiedeten wir zum Jahresanfang Matze, dem im Mai mit einem Wechsel aus dem innersten Zirkel hinüber in unseren Freundeskreis noch der Abschied von Joschie folgen sollte. So wurden aus sechs ostfriesischen Hardcore-Whiskygenießern auf einmal drei. Und mit der nun einzulegenden Auszeit von Olli schauten sich mein liebes Mitgründungsmitglied Horst (whisho) und der Autor dieser Zeilen gestern auf einmal ziemlich einsam in die treuen Augen und wir wussten:
a) wir sollten mal duschen, irgendwas macht uns abschreckend 😉
b) zu zweit funktioniert das Konzept der Stammrunde nicht – und zu zweit braucht es keinen organisatorischen Rahmen mit fixen Terminen und viel Brimborium.

Also entschieden wir das zu tun, was wir in ähnlicher Lage bereits 2015 schon einmal taten: mit dem gestrigen 66. Stammrundentasting legten wir die Stammrunde auf Eis. Wir werden schauen, was die Zeit so bringt und in dem Moment, wo es insgesamt vier Maltverrückte aus unserer Region (erneut) packt, formieren wir die Stammrunde neu und hauchen ihr neues Leben ein.

Und bis dahin?

Bis dahin haben wir regulars auch in kleineren Kreisen, auch ohne festen Zwei-Monats-Takt und auch ohne öffentliche Nachberichte hier und da sicher gemeinsam Spaß am Glas wie eh und je. Bis dahin werden wir zudem wo Messen und Veranstaltungen stattfinden, die eine oder andere Reise angehen und unsere lieb gewonnenen Freunde überall in der Republik wiedersehen. Ebenso sicher werden wir im Freundeskreis weiterhin Whiskys teilen und genießen, uns austauschen und voller Leidenschaft unserem Hobby frönen.

Und in jedem Fall setzen wir die Reihe unserer öffentlichen Tastings ungebremst fort: die Organisation liegt bei mir (Seb) – und sich alle zwei Monate mit 25 Gästen und einer tollen Referent*in zu einem spannenden Thema leckere Drams einschenken zu lassen, dessen sind wir auch nach bisher mehr als 20 mit viel Liebe auf die Beine gestellter öffentlicher Tastingabende noch immer nicht überdrüssig 😉

Ein dicker Dank gilt der Stammrunde, die seit 2012 in wechselnder Besetzung und in nun zweitem Dornröschenschlaf die wirklich schlimm Whiskyverrückten in unserem regionalen Dunstkreis vereinte und Spaß haben ließ. Der immer ehrliche Horst und ich sind uns sicher: wenn die Zeit reif ist, kommt die Stammrunde zurück.

Bis dahin eine gute Zeit Euch allen,
Seb

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