Stammrundentastings

65. Stammrundentasting

17. Juli 2021, »Kuschelsocken im Glas«, bei whisho im Internet

Moin ihr,
das Juli-Tasting der Stammrunde liegt hinter uns. Gestern um 20.00 Uhr wurden Mikrofone eingeschaltet, Kameras ausgerichtet und neben einem Schortenser Gastgeber fanden zwei Leeraner, ein Vareler sowie ein Koblenzer über einem Tee angenehm in den Abend.

Die schlechte Nachricht: Rafa aus Koblenz konnte ob seines auf dem Hügel der Festung Ehrenbreitstein hoch gelegenen Wohnsitzes halbwegs gelassen auf die auch in Koblenz anschwellenden Hochwassermassen schauen – dafür machte ihn eine penetrante Erkältung nur zum Zaungast des Tastings – sein Sensorium wäre den Drams des Abends leider wohl nicht gerecht geworden.

Also gut: vier Genießer stellten, einerseits erst das Teegeschirr an die Seite und sich dann den von Gastgeber Horst gewählten Whiskys – allesamt zur Blindverkostung.

Als Präludium setzte Portnase Horst ganz gegen seine Vorliebe einen nicht portfassgereiften Dram ins Lineup – einen holzbetonten, weichen Blend, gereift in der selten zur Whiskyreifung Verwendung findenden Mizunara-Eiche:

Chivas Regal Mizunara
„Mal gucken, was wir hier so haben …“ – Gastgeber Horst legte vor.

Ein schöner Starter – und die Irritation, nicht ausschließlich zu Portreifungen vergattert zu sein, sollte sich mit dem zweiten Whisky sofort legen, ein Port-Pipe-gereifter GlenAllachie kam zum Ausschank:

Glenallachie 2008

Jawoll – da sprach eindeutig das Aromenprofil, was den weiteren Abend gestalten sollte, lecker Ding! Whisky Nummer drei sollte sich nach erfolgloser Blindverkostung als Springbank entpuppen:

Springbank 1995 HSC

Wunderschöne Vanillenoten traten zu den Portaromen hinzu, wir waren uns sicher, dass es sich hier nur um ein Portfinish und eine vorherige Reifung in amerikanischer Weißeiche gehandelt haben musste. Der Springer legte die Latte hoch.

Der vierte Dram knallte dann sinnbildlich mit der Faust auf den Tisch: satte 61,6 Vol.-% stark und reine, brachiale und klare Portaromen machten ihn zu einem straighten Vertreter seiner Reifungsgattung:

Ben Nevis 1990

Der Portwein sprach so laut, dass wir erneut am Erraten scheiterten – obwohl Ben Nevis bsp. zu Sebs Lieblingsdestillen gehört.

Junge, Junge, Junge!

Was sollte nach so einem turbogeladenen V8-Port noch kommen? Vorsichtig näherten wir uns Dram Nummer fünf. Mit Wasser, denn nochmal lagen 61,0 Vol.-% Alkoholstärke an. Doch was war das? Eine traumhafte, dezente und vielfruchtige Nase entfaltete sich, im Mund dann eine sagenhafte Komplexität:

Glen Grant 1996 SMWS 9.116

Wir ließen uns aufklären, einen unabhängig abgefüllten Glen Grant von 20 Jahren aus einem 1st Fill Ex-Port Barrique verkostet zu haben. Sagenhaft, geschmacklich sehr komplex und in seiner Bandbreite den jüngeren Vertretern des Abends klar überlegen.

Rote Whiskys, rote Gesichter – die große Hafenrundfahrt mit Portabfüllungen bescherte uns einen tollen Tastingabend 🙂

Fünf Whiskys auf dem Deckel, zwei davon dick über 60 Vol.-% – wir rangen um Haltung. Doch Pardon wurde nicht gewährt – schon ging es weiter.

Und es wurde erneut scharf geschossen – zumindest roch es nach Pulverdampf und Schlachtengetümmel, denn der sechste Dram war rauchig:

BenRiach 2005

Ein 1st Fill Port Pipe-gereifter peated BenRiach. Was für ein Exot – aber durchaus lecker. Und rauchig ging es wiederum weiter mit einem Whisky von Scotch Universe:

Scotch Universe Callisto VIII - 145° P.7.1' 1846.4"

Das Teil war lecker! Stark rauchig und wie sich nach dem Entschlüsseln des Etiketts herausstellte (die enthaltene vierstellige Zahl nennt das Gründungsjahr der Brennerei) ein 12-jähriger Caol Ila.

Ein letzter Schritt war noch zu gehen, ein zweiter Scotch Universe wurde ausgeschenkt:

Scotch Universe Hydra I - 107° P.7.1' 1775.1"

Erraten wurde erneut nichts, dafür die Provenienz entschlüsselt: ein achtjähriger Glenturret setze den Schlusspunkt dieses Abends. Und stellte mit seinen fast 64 Vol.-% nochmal einen Peak in Sachen Alkoholstärke.

Gute Güte – waren wir gut versorgt worden …

Das Krönchen des Abends ging an den Glen Grant: mit seinen 20 Jahren schön komplex und vielseitig. Platz 2 nahm der Springbank ein: die Melange aus schön nebeneinander wahrnehmbaren Bourbon- und Portreifungseinflüssen war klasse.

Großer Dank gilt Horst für einen gelungenen Abend – es ist ein Fest, jemandem mit klarer Spezialleidenschaft innerhalb der großen weiten Whiskywelt einen Abend lang folgen und sich solche Drams einschenken lassen zu dürfen.

Dank allen für’s Dabeisein! Im September folgt das nächste Stammrundentasting – und so Ihrwisstschonwas uns lässt, dann endlich wieder Auge in Auge, denn Olli lädt nach Varel ein.

Einen schönen Sonntag Euch,
Seb

PS: Oha. Eingangs habe ich den Text hier ‚Kuschelsocken im Glas‘ genannt. Und hätte das fast aufzugreifen vergessen: der Kommentar entfuhr mir unwillkürlich während des Probierens des Springbanks, ob dessen harmonisch-weicher Art. Wisst ihr Bescheid … 😉

Ach ja: falls dir unser Blog gefällt und du informiert werden möchtest, wenn ein neuer Artikel erscheint, besteht hier die Möglichkeit dazu.