Öffentliche Tastings

Öffentliches Tasting „Früher war alles besser™ – sagenhafte Blended Whiskys der 1960er und 70er“

11. Juni 2021, im Schützenhaus Loga in Leer

Moin ihr,
den Referenten unseres vorgestrigen Tastings haben wir vor vielen Jahren auf dem Mitgliedertreffen eines Whiskyforums kennengelernt. Oliver ‚kundalini‘ Schmelz ist ein Whiskyverrückter, der sich voll und ganz wirklich alten Abfüllungen widmet. Fixiert und fokussiert auf Drams aus vergangenen Zeiten, teilweise vor vielen Dekaden abgefüllt und oft so ganz anders als die modernen Whiskys heutiger Tage.

Wie stand Jahre später in einem Blogbeitrag über ein Zusammentreffen bei einer Whiskymesse mit ihm zu lesen:

[Er] spielte in seiner Paraderolle den leicht verschrobenen Dorfverrückten, der grantelnd und „kannst ja alles nicht mehr trinken das neue Zeug“ sowie „taugt doch alles nix, was de hier bekommst“ nuschelnd vor der Messe marodierte und den Untergang des Whiskyabendlandes proklamierte. Das jedoch nicht ohne Beweis: sein zugesteckter 1974er Glenlochy zog mir vor Wonne fast die Schuhe aus. Olli, du bist einer der besten Verrückten, die man treffen kann.

Nähern wir uns mal vorsichtig diesem Herrn und seinen Vorlieben.

Olli ist 56 Jahre alt, hat 40 Jahre in Köln gelebt und sich vor einiger Zeit in Bad Münstereifel ein etwas ruhigeres neues Zuhause geschaffen. Der Gute ist Controller in einer Brauerei und setzt sich seit den frühen 1980ern lose sowie seit der Jahrtausendwende intensiv mit Whisky auseinander. Er ist Moderator in einem der großen deutschen Whiskyforen und bringt auch im echten Leben gern durch die Organisation von Stammtischen und Zusammenkünften Genießer des Wassers des Lebens zusammen.

Weiß warum furchtbar alte Whiskys furchtbar lecker sind: Oliver Schmelz

Seit rund 15 Jahren sammelt Olli alles an Whisky, was ihn begeistert und erhältlich ist. Dabei ist die Nische, in der er sich voller Kompetenz und Leidenschaft vergraben hat, die alter Blended Whiskys. Wenn jemand auf schon vor fünf Dekaden abgefüllte Flaschen blicken und hinter den für Laien unscheinbaren Handelsnamen aufdecken kann, welche namhaften Malts dort enthalten sind, dann Olli. Auch die Tatsache, dass in den Blends alter Zeit nicht wie heute oft 80% Grain und 20% Malt, sondern eher erfreulicherweise das umgekehrte Verhältnis der Inhalte bestand, ist eine Triebfeder für Ollis Leidenschaft. Sind so für Kenner wie ihn doch grandiose Whiskys vorzüglichster Qualität zu bezahlbaren Preisen erwerbbar, die als Single Malts für kein normales Portemonnaie erreichbar wären.

Ein verrückter Typ also. Mit krassen Whiskys im Schrank. Und nun?

Nun hatten wir regulars das Glück, auf unsere Einladung an Olli, ein öffentliches Tasting bei und für uns zu geben, eine Zusage erhalten zu haben. Wir hatten weiterhin das (schon fast beängstigende) Glück, unseren Tastingabend mit diesem durchaus als Orchideenfach einzustufenden Thema in nur einer Stunde und 54 Minuten auszuverkaufen. Unfassbar. Und dann fielen in den Wochen und Tagen direkt vor dem Tasting wie bestellt endlich die COVID-19-Inzidenzen so stark, dass wir nach dem August 2020 nun zu unserem schon 20. öffentlichen regulars-Tasting endlich wieder vor Ort anstatt im Internet stattfinden können sollten.

Endlich wieder im Schützenhaus!

Und so fanden sich vorgestern geeint in Vorfreude auf einen Tastingabend Auge in Auge unsere Gäste wie auch unser weit gereister Referent im Schützenhaus ein.

Olli begrüßte uns und führte uns tief in den Kaninchenbau seiner Leidenschaft für alte Blended Whiskys. Wir erfuhren einiges über die absatzträchtigsten Whiskys der Welt (von den meisten dieser hatten die meisten von uns tatsächlich noch nie gehört) sowie die Unterschiede zwischen Blends und Single Malts, Grain Whisky und Malt Whisky.

Vor dem Genuss steht der Fleiß: Einführung in die Taxonomie der Whiskyarten durch Oliver Schmelz.

Mit einem weltbekannten klassischen Blend sollte dann die Verkostung beginnen. Zum Entsetzen aller verkündete Olli, den zuerst ausgeschenkten Johnnie Walker Red Label im Sonderangebot für nur 9,99 € eingekauft zu haben – und tatsächlich handelte es sich um eine brandneue Flasche dieser Marke:

Johnnie Walker Red Label

Beruhigt durch die Ansage, dass wir einen Quervergleich zwischen einem Red Label von heute und der gleichen Abfüllung aus den 1960er-Jahren erleben würden, wurde vorsichtig probiert. Und der grainig-süße, unspektakuläre, aber durchaus trinkbare erste Dram wurde eingenommen.

Dem folgte dann auf dem Fuße sehr zur allgemeinen Begeisterung eine uralte Flasche, die dennoch frappierende Ähnlichkeit zur aktuellen aufwies: der Johnnie Walker Red Label in einer mehr als 50 Jahren alten Ausgabe kam zum Ausschank:

Johnnie Walker Red Label
Zwei Welten: JW Red Label 2021 und aus den 1960er-Jahren.

Durch ein Video über die Geschichte des Johnnie Walker wurden wir final eingestimmt – dann wurde der alte Herr probiert. Und was gab es da für Unterschiede zu entdecken: der alte Johnnie war schon optisch einfach unterscheidbar, weil von dunklerer Farbe. Und geschmacklich meilenweit vom heutigen entfernt: eine wunderbar cremige Textur und vielschichtige Aromen in diesem seidenweichen Whisky zeigten sehr eindrücklich, dass für die Komposition des vermeintlich identischen Whiskys damals fraglos bessere Whiskys verschnitten wurden als heute.

So konnte das weitergehen.

Als zweite alte Abfüllung durfte ein ‚Very Special Old Light‘ Blend aus dem Hause Archer’s probiert werden – die Gläser wurden befüllt. Dann erschien ein manchen durchaus bekanntes Gesicht auf der großen Leinwand im Schützenhaus: ein gewisser schottischer Whiskybarde hatte sich nicht nehmen lassen, musikalische Grüße für dieses besondere Tasting an die ostfriesische Gästeschar zu senden – Robin Laing gab uns ein Ständchen:

Robin Laing – Special Sippin’ Whisky


Auf’s Beste beschwingt durch dieses Intermezzo machten wir uns über den Archer her:

Archer's Very Special Old Light Blended Scotch Whisky

Kräuternoten, eine Klarheit und Frische, die von so altem Stoff nicht unbedingt erwartbar gewesen wäre – erneut ein Whisky, der klar machte, dass er keinen kontemporären Hintergrund hatte.

„Das alte Zeug ist einfach unfassbar gut – und preislich absolut im Rahmen“ – Referent Oliver Schmelz

Olli verriet uns im Folgendes einiges über Wege und Möglichkeiten, das Alter alter Abfüllungen zu taxieren und diese zu vertretbaren Kursen zu erwerben. Er führte uns ein in die Welt der Whisky-Online-Auktionshäuser und beschrieb, warum er von Quellen wie eBay abrät und stattdessen Interessent*innen den Blick auf Häuser wie WhiskyAuction.com, Whisky Auctioneer, Scotch Whisky Auctions und Whisky.Auction empfiehlt.

Ein sechsjähriger Cockburn, fälschlicherweise auf dem Etikett als Single Malt ausgewiesen, durfte als dritter alter Blend des Abends genossen werden:

Cockburn 06-year-old

Nach dessen Verkostung hatten wir tatsächlich schon die Halbzeit erreicht – und gingen in eine kurze Pause.

Halbzeit

Als wir mit dem zweiten Teil des Abends starteten, verkündete Olli, dass die Qualität der ausgeschenkten Drams nun nochmals deutlich steigen sollte. Der Ansage stellten wir uns gerne und freuten uns auf den White Horse America’s Cup:

White Horse America's Cup

Wir begannen den spürbar von Lagavulin-Malt geprägten Dram zu verriechen, als Robin Laing für ein zweites kleines Stelldichein virtuell bei uns vorbeischaute:

Robin Laing – Building Bridges (EXCLUSIVE PREMIERE)


Ein toller Song, ein toller Dram – Robin und der White Horse machten gleichermaßen arg Freude. Mit einem Stewarts Dundee De Luxe schlossen wir ohne Umschweife an:

Stewarts Dundee De Luxe Blended Scotch Whisky

Zurecht trug der Blend den Zusatz ‚Cream of the Barley‘ – Heu, Toffee, vielschichtigste Getreidenoten – was diese alten Zeitmaschinen an Aromen ins Glas bringen, ist einfach gänzlich anders als heutige Drams. Dazu Cremigkeit und Weichheit – und wieder und wieder angenehme Old-Bottle-Flavour-Noten … *hach*

Slàinte mhath! – Die Freude, endlich wieder ein Tasting vor Ort genießen zu können, stand in gelöste Gesichter geschrieben.

Was fehlte noch in unserer Sammlung? Ein deutlich Sherry-geprägter Whisky. Wie sich die Lagerung in damals noch echten Sherryfässern (im Gegensatz zu heute nur meist Sherry-geimpften Fässern) auswirkte und wie anders als heute dadurch auch dieses Aromenprofil ausfällt, zeigte uns ein achtjähriger White Heather:

White Heather 08-year-old

Was für ein Lineup!

Jeder Whisky des Abends hatte uns eigene Facetten alter Whiskys nahegebracht. Ob perfekt balancierte Rundheit, eine cremige Textur, OBF-Noten, Sherry ganz alter Schule – Olli hatte quasi den ganzen Regenbogen möglicher Ausprägungen exemplarisch in sein Lineup integriert.

Dass die Frage, ob denn vielleicht noch ein unangekündigter Bonusdram dem Abend ein Krönchen aufsetzen dürfe allseitig bejahrt wurde, lag auf der Hand.

Und Olli ließ sich hier nochmals alles andere als lumpen: ein Old Guns wurde entkorkt. Der führende Bestandteil dieser Abfüllung war Malt der 1983 geschlossenen Destille Port Ellen auf Islay – heute allein aus finanzieller Hinsicht Stoff für echte Enthusiasten. Mal sehen, was der für uns bereit halten würde:

Old Guns Finest Scotch Whisky

Und? Tja, dann geschah unfreiwillig etwas, dass die Rundfahrt durch ‚was wirklich alter Schnaps so alles sein kann‘ perfekt komplettieren sollte: der Old Guns hatte einen Lagerschaden. Kein Korkschmecker, jedoch Noten von Kohl und Gemüse, die nicht dem Profil entsprachen, dass die Flasche ins Glas hätte bringen sollen. Olli nutzte die Gelegenheit auf ebensolche Situationen einzugehen: „wer alten Whisky kauft, kann bei einzelnen Flaschen, die viele Dekaden auf dem Buckel haben, auch mal mit Lagerschäden zu tun haben“.

Glücklicherweise war der Dram (im Gegensatz beispielsweise zu einem Korkschmecker) alles andere als ungenießbar und begleitet von Dank und Applaus für unseren Bad Müstereifeler Referenten gelangte der offizielle Teil des Abends an sein Ende. Mit dem Leeren des letzten Glases wartete dann noch eine zusätzliche kleine Überraschung auf die Gäste: ein drittes Mal sang Robin Laing für uns – und das auf Deutsch:

Robin Laing – Ein letztes Glas


Robin bildete einen wunderschönen Schlusspunkt für einen tollen Tastingabend – wenn irgendwann alle notwendigen Gegebenheiten zusammenfallen und passen, werden wir hoffentlich mittelfristig einen Tastingabend in Anwesenheit und mit Live-Musik des sympathischen Schotten anbieten können: der Gute muss Ostfriesland dringlich einmal bereisen. 🙂

Abspann?

Nach dem Tasting blieben wie so oft viele Gäste noch in gegenseitigen Gesprächen und im Austausch mit Olli im Schützenhaus und kosteten das erste vor-Ort-Erlebnis nach so langer Zeit weidlich weiter aus. Dafür war Olli glücklicherweise präpariert und offerierte für Interessent*innen eine Auswahl von drei auf Wunsch erwerbbaren weiteren ‚Post-Show-Drams‘ – ein Old Smuggler, ein 20-jähriger Real Mackenzie sowie der zum Schreien leckere Centenary Blend des Aberlour Curling Club wurden vereinzelt noch ausgeschenkt:

Old Smuggler Finest Scotch Whisky
The Real Mackenzie 20-year-old
Centenary Blend 1885-1985 - Aberlour Curling Club

Um Mitternacht schließlich verließen die letzten Gäste das Schützenhaus – mit ein paar schönen Geschmäckern auf der Zunge und ein paar Takten Musik im Ohr.

Riesigen Dank an Olli für 700 km Fahrerei und das Entkorken der tollen Whiskyauswahl – das war einmalig!
Besten Dank allen Gästen für einen supergemütlichen gemeinsamen Abend – wir hoffen, dass wir uns im August erneut vor Ort sehen können!

Bis dahin eine schöne Zeit Euch allen und Dank für Euer Interesse sagen
Seb und die regulars

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