Öffentliche Tastings

Öffentliches Tasting „Ein Abend bei McLarsen – der ‚Springbankier‘ tischt auf“

9. April 2021, im Internet

Moin ihr,
zwei unserer bis dato schönsten Tastingerlebnisse hatten wir mit Whiskys aus dem kleinen Städtchen Campbeltown. Im Februar 2019 präsentierte uns Oliver Ferdinand einige Abfüllungen aus dem Ort, während René Lüpges uns im August 2020 tolle Drams des ortsansässigen unabhängigen Abfüllers Cadenhead ausschenkte.

Nun haben wir regulars das Glück, mit Lars ‚McLarsen‘ Pechmann einen weiteren, heillos in Campbeltown verliebten Whiskygenießer zu unseren Freunden zählen zu dürfen. Der Berliner setzt sich seit einem Vierteljahrhundert mit dem Wasser des Lebens auseinander und betreibt mit dem Offside im Wedding einen Pub, der eine nahezu obszöne Whiskyauswahl feilbietet.

Pub-Besitzer und Whiskynerd: Lars Pechmann vor der Bar seines ‚Offside‘

Lars’ tiefe Leidenschaft für Campbeltown im Allgemeinen sowie die Springbank Distillery im Speziellen verliehen ihm den Spitznamen ‚Springbankier‘. Und als solcher hatte Lars sich dankenswerterweise bereit erklärt, aus seinen persönlichen Beständen ein exklusives Tasting für uns zusammenzustellen.

Ein Abend mit sechs Abfüllungen aus allen drei aktiven Destillen in Campbeltown, gestaltet durch einen maximal versierten und bereisten Campbeltown-Liebhaber? Das klang spitze, dachten wir. Doch nicht nur wir: beim Publikum stieß die Tastingankündigung auf ein großes Echo, sodass wir diesen Abend in nur 25 Stunden und 36 Minuten ausverkaufen. Rekord! 🙂

COVID-19-bedingt musste dieses Tasting online stattfinden, doch das sollte uns die einmalige Gelegenheit verschaffen, zumindest virtuell direkt Gast im Offside zu sein und die Drams des Abends mit Lars zu genießen.

Es war Freitagabend. Es war halb Acht. Licht aus, Spot an!

Zur Begrüßung sprang Lars aus der Barkulisse seines Pubs und verkündete zur Melodie der ZDF-Hitparade: „Es ist 19.30 Uhr, hier ist Berlin!“. Unter einer beachtlichen Tanzeinlage bahnte er sich seinen Weg zum vorbereiteten Moderationspunkt. Sensationell! 😂

„Es ist 19.30 Uhr, hier ist Berlin!“ – Lars Pechmann bei seinem Showopener.

Die schon zur Begrüßung gezeigte Energie sollte den Abend über vorhalten: Lars ließ das ostfriesische Publikum eingangs wissen, wo in Berlin sich das Offside befand, um daraufhin den Reiseweg zum Sehnsuchtsort des Abends, Campbeltown, zu beschreiben.

Ostfriesland > Berlin > Campbeltown – alle bereit?

Derart orientiert schenkten sich die Gäste den ersten Whisky des Abends ein, einen 18-jährigen Glen Scotia, eine Bourbonfassreifung, abgefüllt in 46,0% Trinkstärke:

Glen Scotia 2000

Zur Verkostung dieses Starters zeigte Lars zahlreiche Fotos von seinen Reisen aus dem Örtchen Campbeltown und führte uns virtuell bis an den Hafen der Stadt, wo wir den Scotia genießen durften. Lars beschrieb die wechselvolle Geschichte der 4.600-Seelen-Gemeinde, in der zu ihren Hochzeiten Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als 30 Whisky-Brennereien aktiv waren.

Der zweite Dram des Abends entstammte der Springbank Distillery: es handelte sich um einen 11-jährigen Local Barley, 2017 abgefüllt. Eine (wie viele Abfüllungen von Springbank) arg gehypte und damit preislich total entglittene Abfüllung. Wir betrachteten uns als gesegnet, sie im Rahmen dieses Tastings zum Ausgabepreis probiert haben zu dürfen:

Springbank 11-year-old

Bei diesem wie auch den weiteren Drams des Abends stand Lars mit Xander sein versierter Barkeeper zur Seite, der bei der geschmacklichen Einordnung half und Deutungsansätze für die komplexen Aromen bot.

Wir verbuchten den Local Barley als einen sagenhaft getreidigen, cremigen und mundfüllenden Dram – dabei rein Bourbonfass-gereift, schlicht (wie ein Gast dazu festhalten sollte): „Ein Whisky, der nach Whisky schmeckt“. Kein Chichi, sondern die reine Lehre Campbeltownscher Maltkunst.

Wie wird das Zeug eigentlich hergestellt?

Sich den Prozess der Herstellung von Whisky zu vergegenwärtigen, ist immer eine kluge Idee. Lars tat uns diesen Gefallen, in dem er uns mit eigenen Fotos und Videos seine hautnahen Beobachtungen in der Springbank Distillery auf sehr lebendige Weise näher brachte – den gesamten Weg vom Wassertropfen, dem Gerstenkorn und des Hefepartikels bishin zum fertigen Whisky.


Das vermeintliche Highlight unserer öffentlichen Tastings ist, wenn ein Referent zusätzlich zum angekündigten Lineup einen Bonusdram aus dem Hut zaubert. Das ließ sich Lars nicht nehmen und reichte eben diesen Bonusdram eingeschoben als dritten Whisky des Abends: es handelte sich um eine weitere direkt bei Ausgabe vergriffene Hypeabfüllung – einen 17-jährigen Springbank, der in Rum- und Bourbonfässern vorgereift und zum Schluss drei Jahre in frischen Madeirafässern gefinisht wurde:

Springbank 17-year-old

Die fruchtige Süße der Madeira-Vorbelegung und der leicht rauchige, malzige Springbank-Charakter griffen Hand in Hand: die Abfüllung war rund und intensiv, ein absoluter Spitzendram.

Mit den Abfüllungen wie dem abwechslungsreichen und kurzweiligen Vortrag traf Lars bei den Gästen voll ins Schwarze: slàinte mhath!

Nach drei verkosteten Whiskies nahmen wir uns eine kleine Pause, bevor Lars im zweiten Teil nochmals näher auf die vielen verlorenen Destillen in Campbeltown einging – von denen eine damals „Hazelburn“ hieß.

In Campbeltown ließ sich zur vorherigen Jahrhundertwende kaum ein Stein werfen, ohne eine Whiskybrennerei zu treffen.

Die Hazelburn-Destille wurde wie viele andere vor langer Zeit geschlossen – aber in den 1970ern wurde bei Springbank ein neues Rezept mit dreifacher (statt wie üblich zweifacher) Destillation und nur ganz marginalem Rauchanteil (7-8 parts per million Phenol) kreiert. Und dieser Brand wurde und wird unter dem Markennamen Hazelburn vertrieben. Whisky Nummer Vier für uns war ein solcher Hazelburn, 9 Jahre alt und gereift in einem Barolo-Fass:

Hazelburn 2007

Die Kombination aus dem weichen Spirit von Hazelburn und der intensiven Würze eines Weinfasses mutmaßlich aus europäischer Weißeiche wusste zu gefallen: ein weiterer schöner Dram.

Lars hatte sich zur Untermalung der Verkostung wirklich einiges einfallen lassen, sodass wir als Nächstes in einem Video einen Rundflug mit Blickrichtung auf die Decke des Offside unternahmen. Lars hatte vor langer Zeit beschlossen, das schlichte Decken schlicht zu schlicht seien und dass Decken doch vielmehr zum Entdecken da sein sollten. Weshalb ein stattlicher Teil der Decke seines Pubs in Form einer Modellbaulandschaft gestaltet ist und sich Gästen beim Blick nach oben unglaublich viele tolle Details zeigen. Spätestens an diesem Punkt fasste ein signifikanter Teil der Gästeschaft den Entschluss, beim nächsten Berlinbesuch eine gewisse Adresse im Wedding fest in das Reiseprogramm aufzunehmen. 🙂

Wieder gelandet galt es, sich einem weiteren Whisky zu widmen: Lars führte aus, warum das Team hinter der Springbank Distillery für einige Wochen im Jahr in der benachbarten Glengyle Distillery werkelte und dort ein Destillat herstellte, welches als Kilkerran vertrieben wird.

Glengyle heißt die Brennerei, Kilkerran deren Single Malt – ah ja.

Und einen eben solchen Kilkerran bekamen wir daraufhin in die Gläser. Im Rahmen eines Warehouse-Tastings vor Ort hatte Lars sich diese Flasche aus einem einzelnen Fass, welches nicht in den öffentlichen Verkauf kam, abfüllen lassen und war nicht davor zurückgeschreckt, diese für uns im Rahmen dieses Tastings zu entkorken:

Kilkerran 2006 CA

Der Kilkerran zeigte sich Bourbonfass-gereift wieder als Whisky der ‚reinen Lehre‘: geradlinig, zitronig frisch, getreidig, mit einer angenehmen Holzwürze und einer leichten Spur Rauch.

Hatten wir’s gut …

Doch dann sollte Lars uns auf eine harte Probe stellen: Springbank stellte neben dem leicht getorften Hazelburn noch stark rauchigen Spirit (55 parts per million Phenol) her, welcher als Longrow vermarktet wird (während die Mischung aus beiden Sorten den so ‚zweieinhalbfach‘ destillierten mit mittelrauchigen Springbank-Brand selbst ergibt).

Als sechster Whisky kam ein Longrow von 14 Jahren Alter zum Ausschank, der fahrlässiger Weise keine nähere Reifungsbezeichnung als ‚Refill Oloroso Sherry Casks‘ enthielt. Nun mag technisch korrekt sein, dass es sich um Sherryfass-gereiften Malt handelt. Und auch vor Gericht mag man mit dieser Deklaration durchkommen. Wie eckig, exzentrisch und hochintensiv sich dieser Whisky zeigte, wäre er für einige Tastinggäste aber in jedem Fall warnhinweispflichtig gewesen:

Longrow 14-year-old

Mit der kompletten Bandbreite aus Aromen von Gummi, Schwefel und getragen vom starken Longrow-Rauch zeigte sich der Whisky als absolut dreckiges Teil. Ein Spalter, in den sich Teile der Gäste augenblicklich heillos verliebten, während andere sich geneigt sahen, die Gaumen mit einem Schluck Terpentin zu neutralisieren und zu befrieden.

Schaut, etwas Longrow aus dem Sherryfass. Nichts bemerkenswertes, ich meine würden diese Augen lügen? Slàinte! 😉

Am Ende einigten sich alle darauf, dass dieser Whisky hochinteressant war. Allein um zu verdeutlichen, in welcher aromatischen Bandbreite sich der schottische Landwein so niederschlagen kann. Und trotz der auseinandergehenden Meinungen bleibt die Erinnerung an diesen Malt sicherlich in allen Köpfen lange haften – was für ein Dram!

Dann führte Lars uns erzählerisch durch seinen Besuch der ‚Springbank Whisky School‘, in dessen Rahmen er 2019 eine Woche in der Brennerei in wirklich jedem Arbeitsschritt mitgearbeitet und als Höhepunkt sogar einen eigenen Whisky verschnitten und kreiert hatte:

Eine sagenhafte Geschichte, die Lars übrigens sehr ausführlich und reich bebildert in seinem Blog verschriftlicht hat.

Und dann sollte es Zeit für den letzten Whisky des Abends werden: es ging quasi zurück auf Los. Ein zweiter Glen Scotia, in diesem Fall jedoch stark getorft, schloss als weitere Bourbonfassreifung das Lineup ab:

Glen Scotia 10-year-old Picture House

Wiederum eine tolle, klare und reine Bourbonfassreifung mit einer ordentlichen Portion Rauch darin – wie die gesamte Whiskyauswahl des Abends wirklich fein.

Schloss die Pforten von Glen Scotia – und damit die des Tastings: Lars ‚McLarsen‘ Pechmann

Und auf einmal war irgendwann nach 22 Uhr die Messe für uns gelesen. Wow, was für eine Präsentation, was für ein Vortrag – welchen Aufwand hatte Lars sich da gemacht? Was für Flaschen hatte er ohne mit der Wimper zu zucken für uns aufgerissen? Junge, Junge … Und auch Xander hatte uns durch den Abend begleitet um etwas geschmackliche Einordnung zu bieten – das war klasse!

Abschließend blieben uns nur noch zwei Dinge: einerseits den Abschied hinauszuzögern, in dem alle Interessierten den Abend noch bis Mitternacht im gemeinsamen Klönschnack ausklingen ließen – und andererseits ein kleines Lichtlein dafür zu entzünden, dass wir uns baldmöglichst und bei bester Gesundheit wieder vor Ort im Schützenhaus Loga sehen können. Und dieses Lichtlein brennt – nicht nur als Wunsch in uns, sondern in einem Garten in Bunde in Form einer wunderschön gestalteten Lichterkette aus den Fläschchen einiger unserer Onlinetastings der Coronazeit:


Das ist doch mal ein Schlusspunkt – etwas rührselig, aber hey … 😉

Wir regulars sind dankbar, dass wir dieses Tasting anbieten konnten und Lars und auch Xander sich für uns solche Umstände gemacht haben. Unsere Gäste (das lässt sich sicher pauschal sagen) hatten einen genussreichen, hochinformativen und dabei kurzweilig unterhaltsamen Abend, der wahrhaft erinnerungswürig bleiben wird.

Dicken Dank dir Lars: einige Gesichter werden sicherlich in anderen Zeiten im Offside auftauchen, um an diesen Abend anzuknüpfen. Oder bei Facebook einen Blick auf das Offside halten, denn dort bietest du bisweilen ja weitere Onlinetastings an. 🙂

Für uns hier geht’s in zwei Monaten weiter – mit dem dann schon 20. öffentlichen Tasting der regulars.

Wenn ihr mögt, sehen wir uns dazu im Juni wieder – bleibt gesund!
Seb und die regulars

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