Stammrundentastings

63. Stammrundentasting

27. März 2021, »It Ain’t Over ‚til It’s Over«, im Internet

Moin ihr,
es ist weiter Niemand-kann-es-mehr-hören, weshalb wir ein weiteres Tasting auf digitalem Wege stattfanden lassen. Gestern fand sich die Stammrunde zusammen, um sich einem gewaltigen Lineup zu stellen – und einen von zwei anstehenden Abschieden zu beprosten.

Das roch nach Arbeit: insgesamt zehn Whiskys standen auf dem Programm des gestrigen Abends.

Beginnen wir mit einer Rückblende

Ein sehr angenehmer Nachtrag sollte gestern den Auftakt für dieses Stammrundentasting bilden: unser Horst hatte im vergangenen Dezember den öffentlichen Tastingwettbewerb des ‚Whiskywettstreits der regulars‘ gewonnen und beschlossen, das ihm an diesem Abend zugedachte Trinkgeld unserer Gäste in ein feines Raritätensample zu investieren, um es mit der Stammrunde zu teilen. Ein feiner Zug – und der lief gestern dann tatsächlich gleich zu Beginn des Tastings in Form eines 44-jährigen Ben Nevis in unsere Gläser ein:

Ben Nevis 1970 FW

Eine stark muffige Nase zeigte das Alter des Drams an. Geschmacklich bot er vor allem extremst viel Holz, dass den Whisky nahezu unter sich begrub – der hätte durch aus 5-10 Jahre eher aus seinem Fass befreit und abgefüllt werden dürfen. Au weia was für ein saurer Holzsaft – aber damit ein hoch interessanter, weil wahnsinnig schillernder Malt, ein richtiges Lehrstück.

Da mit dem Erwerb dieses Samples das Horst zugedachte Trinkgeld nicht ganz versiegt war hatte dieser sich nicht nehmen lassen, der Runde noch ein zweites Rarisample überzuhelfen: ein zweiter Ben Nevis aus den frühen 1970ern floss in die Gläser:

Ben Nevis 1971

Tränende Augen, rote Gesichter: in der Nase Mottenkugeln, ein hämisches ‚riecht wie Omma unterm Arm‘, der wage Verdacht, dass richtig trockener Sherry Bestandteil der Reifung gewesen sein könnte. Die Nase verfing auf ihre Art, ein Probeschlückchen trug den vermeintlichen Muff jedoch sehr aggressiv auf. Votum der Runde: das Glas stellen wir zum Auslüften an die Seite, auf den kommen wir ganz am Ende des Abends zurück …

Was für ein Brett – die von Horst (u.l.) gewählten Raritätenwhiskys entpuppten sich als degustatorische Herausforderung für Rafael, Seb und Oliver (v.l.n.r.u.v.o.n.u. 🙂 )

Dann mal auf zum ‚richtigen‘ Tasting

Stühlerücken, Getrappel, weitere Gläser besorgt und den ersten Whisky des von Ausrichter Matze gestellten Lineups eingeschenkt, einen 17-jährigen Iren:

Coleen 2001 StmD

Oh ja: ein richtig schöner irischer Whiskey: eine tolle Bandbreite an (tropen)fruchtigen Aromen zeigte sich im Mund und am Gaumen, der machte richtig Laune. Zumal er nach den zwei verschrobenen Exzentrikern alter Zeit frisch und lebendig wie der junge Morgen daher kam. Supergut!

Zweiter (bzw. vierter – Himmel!) Dram des Lineups war ein Scapa:

Scapa 2003

Eine nette Bourbonfassreifung, welche jedoch vllt. wegen dem brillierenden Iren zuvor etwas verlor und sich nicht als Komplexitäts- oder Aromenbombe zeigte.

Also ohne Zögern und Zagen schnell zum nächsten Whisky, von einer Brennerei die wir alle höchst selten im Glas haben, Allt-a-Bhainne (ausgesprochen übrigens „aulta-wanje“):

Allt-a-Bhainne 2005 GM

Ein – Verzeihung – saugeiler Dram: hochkomplex, trotz seiner 60,7% ohne jedwede Wasserzugabe prima zu genießen, spitzenmäßig eingebundener Alkohol. Dazu tatsächlich eine (hochangenehme) Note von Holzspänen. Ein verrücktes, tolles Teil!

Auszeit!

Es wurde Zeit für eine kleine Auszeit, bevor wir uns einen Glenallachie aus einem Marsalafass vornehmen durften:

Glenallachie 10-year-old

Hui! Moderner Whisky: eine leckere, dezente Süßigkeit aus dem Marsalafass mit leichter medizinischer Note. Eine schöne Abwechselung.

Immer ein Genuss, sich sich über einen bunten Reigen an Whiskys auszutauschen.

War das die Halbzeit?

Während erste Beschwerden aufkamen, dass das Drehen so vieler Sampleflaschenverschlüsse schmerzhaft auf die Hände ginge, richteten wir unseren Blick gen Schweden: ein Mackmyra mit Weinfasshintergrund wurde zum fünften/siebten Malt des Abends:

Mackmyra Selma

Bäm! Und wieder ging es geschmacklich in eine ganz andere Richtung: totale Würze, Klebstoff, dazu ein toller, feiner Hagebuttenton. Im Mund eine Mega-Würze, unter der rote Frucht hervorkam. Irgendwie künstlich – aber mit gut eingebundenem Alkohol, der ging prima pur.

Der nächste Dram *doppelthinguck* stammte ebenfalls aus der Mackmyra-Brennerei in Schweden und die Reifung fand (zumindest teilweise) ebenfalls im Rotspon-Weinfass statt:

Mackmyra Alster

Seltsam: auch ein Rotspon, der jedoch roch wie eine Portreifung. Frisch, mentholisch. Mit leichtem Gin-einschlag (Wachholder) und einem feinen Rauch.

„Sind wir bald da?“ „Hoffentlich nicht, oder?“ –
Die Whiskyreise dieses Abends sollte nicht enden – und bot den vier Verkostenden einen Heidenspaß.

Die nächste geschmackliche 180°-Wendung stand an: ein junger Talisker mit einer (recht seltenden, von daher fröhlich erwarteten) Rumfassreifung:

Talisker 08-year-old

Oha. Oha oha. Deutliche Rumsäure in der Nase, hingegen Rumsüße im Mund. Der Talisker-typische Rauch saß eher als Fremdkörper darauf. Ja, nee, nach einhelliger Meinung auch nach Schluck zwei und drei nicht sooo der Winner.

Etwas zum Aufrichten, schnell!

Wir näherten uns dem Ende des Abends – und der Schlussakkord sollte doch wohl hoffentlich ein Highlight darstellen? Wir drückten die Daumen – nein, wir rieben unsere leicht schmerzenden Daumen nach dem Öffnen der 492. Sampleflasche und setzten mit einem 14-jährigen Ben Nevis den letzten Dram aus dem Lineup des Abends unseren Nasen aus:

Ben Nevis 2005 MBl

Hallo! Was für ein aparter Fruchtmix! Eine richtig schöne Refill-Sherry-Reifung. Beim Verkosten zeigte sich ein richtig toller Dreiklang: der Ben Nevis war uns erst Süßigkeit, schwenkte dann zu einer saftigen Birne, und kippte dann wiederum in die grandiose Fruchtsäure einer Tropenfrucht um. Und der Rauch dieses ‚Heavily peated‘ Nevis breitete sich erst im Mundraum aus, nachdem der Whisky geschluckt war. Ein richtig toller Geschmacksverlauf, ein Spitzenwhisky!

Was sagt das hohe Gericht?

Wir ließen das Lineup Revue passieren, stellten die beiden Raridrams vom Beginn gedanklich zur Seite und fanden daraufhin gleich zwei ebenbürtige Sieger des Abends: der letzte Dram, also der Ben Nevis 2005, sowie der Ire vom Anfang hatten unsere Herzen erobert. Der (leider ausverkaufte) Ben Nevis wurde kurzerhand in Form einer Flasche dem Sekundärmarkt entrissen und wird sicherlich nochmal bei anderer Gelegenheit Freude in unseren Gläsern spenden dürfen.

Da war doch noch was

Ach ja: in jeder einfalls- und lieblos aufgesetzten Geschichte kommt am Ende der unvermeidliche Bogenschlag zu ihrem Ausgangspunkt. Da war ja noch der 1971er Ben Nevis, der nun ordentlich hatte atmen dürfen. Wir nahmen ihn uns ein zweites Mal vor und die Nase sorgte nun wahrlich für Freudentränen: Schuhwichse, Möbelpolitor, alt, alt, alt – aber unendlich gediegen. Ein sagenhafter Schnüffelwhisky!

Im Verkosten fiel er leider ab: eine leichte Parfumnote, dazu arg viel Bitterkeit. Aber eine Nase, die ihresgleichen suchte, traumhaft!

Dank gilt den zwei Beschickern des Abends: Horst für die beiden Raris, Matze für das achtteilige lange und abwechselungsreiche Lineup – das war genial! Und mit der Einnahme dieser Drams verabschieden wir uns von Matze, der unsere kleine Whiskyrunde verlässt. Wie wir das beim kommenden Abend im Mai ebenso mit unserem Joschie werden tun müssen, den wir aus der Stammrunde verabschieden.

Aber nu’ – statt zu zagen schauen wir lieber auf die gemeinsamen schönen Erlebnisse zurück und sehen auch mit Mann über Bord hoffentlich noch vielen weiteren gemeinsamen Stunden im Kreis von Freunden und gern auch mit Gästen entgegen, ob in der Stammrunde oder bei unseren öffentlichen Tastings.

Also, wir sehen uns – und keine Sorge: It Ain’t Over ‚til It’s Over! 🙂

Damit beste Grüße von hier und auf bald!
Seb und die Stammrunde der regulars

Jungs, es wird wieder Zeit für zwei Monate Vorfreude: wir sehen uns im Mai!

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