Stammrundentastings

62. Stammrundentasting

23. Januar 2021, »Die Birne wird matschig«, bei Malt-Rafa im Internet

Moin ihr,
unser lieber ‚saw‘ wirft alle Energie auf ein Studium und lässt seinen Sitz in der Stammrunde für 2021 ruhen. Da Stefan im Januar Ausrichter des Stammrundenabends gewesen wäre, stellte sich die Frage, wie dieser Abend zu gestalten sei. Unsere liebgewonnene Ausrichterreihenfolge ändern? Wer einmal bsp. ‚Mister Juli‘ ist, gibt diesen Ausrichterplatz natürlich nur ungern auf 😉 .

Koblenz? Bereit!

Gott sei Dank fand sich eine charmantere Lösung: Rafael ‚Malt-Rafa‘ Slawik aus unserem Freundeskreis lud die Stammrunde schlicht zu einem Stammrundentasting virtuell zu sich nach Koblenz ein.

Acht Samples für ein Blindtasting fanden ihren Weg in ostfriesische Gefilde und am gestrigen Samstag war der Rest der Stammrunde gespannt, was man wohl eingeflößt bekommen würde.

Nach warmer Begrüßung und einer schönen Runde Klönschnack wanderten die gleich die ersten zwei Drams in (zwei separate 🙂 ) Gläser: der dritte Whisky des Abends sollte nach Rafas Empfehlung nämlich ordentlich Zeit zum Auslüften bekommen und zur Seite gestellt werden.

Glücklicherweise erwies sich Whisky Nummer eins jedoch als sofort verzehrfertig: eine schöne und frische Birne wehte uns aus den Gläsern entgegen. Der junge, aber intensive Dram aus einem First Fill Bourbon Barrel entpuppte sich als Longmorn:

Longmorn 2009 MD

Wann man zuletzt einen nicht Sherryfass-gereiften Longmorn im Glas hatte, konnte niemand mit Sicherheit sagen – das war länger her. Eine unknackbare Nuss für die zum Blindraten verurteilten Stammrundler. Aber ein schöner Starter!

Nach etwas sinnierender Beschäftigung mit dem Dram ließ sich Horst beim Verriechen noch zu einer tiefgründigen Einsicht ein: „Die Birne wird matschig mit der Zeit!“. Unisono ward Trost aus dem Rund gespendet: „Horst, mit 60 Jahren kommt das zwangsläufig irgendwann vor, du schlägst dich doch noch wacker!“ – bis die Erkenntnis, das hier nicht Selbstreflektion geübt, sondern lediglich ein Urteil über die Nase des Longmorn abgegeben wurde, die Runde ereilte. Ups.

Unser Alterspräsident verträgt das. 🙂

Schnell Themenwechsel. Whisky Nummer drei blieb weiter zum Auslüften im Glas, während das Glas des geleerten Whisky Nummer eins gespült und mit Whisky Nummer zwei befüllt wurde. Kann hier noch jemand folgen?

Der zweite Dram des Abends floss also in die Gläser und wurde fröhlich verrochen: eine spürbar ältere, sherrygeladene und würzige Nase mit einem Hauch von Rauch. Sehr sehr fein, wunderbar! Und schmeckte fantastisch – wenn man für sich für die nur 40,0 Vol.-% jedoch vielleicht ein wenig mehr Hub gewünscht hätte.

In der Raterunde keine klugen Tipps. Rafa ‚half‘ Seb auf die Sprünge:
„Seb, den haben wir schonmal gemeinsam verkostet“.
„Rafa, wir haben 1000 Whiskies gemeinsam verkostet.“
„Bei unserem allerersten Treffen!“
„Das muss kurz nach der Invasion der Normannen gewesen sein! War die Flasche ein Beutestück damals?“

Fröhlich löste Rafa auf, dass er uns einen Highland Park Drakkar übergeholfen habe:

Highland Park Drakkar

Und zeigte sich ein wenig enttäuscht, dass sich Seb an den am 18. August 2014 bereits verkosteten Whisky nicht sofort und zweifelsfrei erinnern konnte o_O . Leicht hysterisches Gelächter im Rund.

Machte die Blindraterunde zu einem spannenden Quiz für alle: Rafael ‚Malt-Rafa‘ Slawik

Als der leckere Highland Park geleert war, sollte die große Stunde für das zweite Glas schlagen: eine gute halbe Stunde hatte der Dram mit über 57 Vol.-% atmen dürfen, nun aber rückten wir ihm beherzt zu Leibe.

Junge, das Ding hatte Hub.

Die Nase ballerte volles Brett: Stroh, Kräuter, eine total tolle Kakaoigkeit und Schokoladigkeit. Supergut! Und schmecken tat er auch noch – nur erraten ließ sich erneut wenig bis gar nichts, da das wieder eine abnorme Abfüllung und Finte von Rafa gewesen sein musste.

Und siehe an:

Glengoyne 2004

Natürlich! Ein Glengoyne aus dem Bourbonfass, als distillery-only-Abfüllung erschienen. Keine Chance auf Rateerfolge. Aber tiptop und superlecker!

Weiter ging es mit Whisky Nummer vier: Sherry, Nussigkeit. Konnte ein Glenfarclas sein. Mandeln, Möbelpolitur. Oder doch ein Macallan? Auf jeden Fall total klasse! Im Mund trug sich die wahnsinnige Nussigkeit fort, etwas harzig zudem. Ein Traumwhisky. Und die Tipps zogen sich am Ende Richtung Miltonduff.

Löste auf, dass es nichts aufzulösen gab: Rafa.

Die Wahrheit blieb dann offen, denn es handelte sich um einen 26-jährigen undisclosed Speysider, dessen Herkunftsdestille nicht bekannt war:

Secret Speyside Distillery 1994 Ma

Allemal jedoch ein wirklich grandioser Dram – nochmal vorzüglichen Dank dafür, Rafa!

Nach vier fordernden Ratesessions wurde es Zeit für …

… eine Gaumenpause. AUSZEIT!

Nach etwas Durchatmen und neutralisierender Knabberei starteten wir in den zweiten Teil des Abends.

Wieder eine Herkulesaufgabe: süße Zitrus trieb dicken, vollen Sherry. Holz war dazu ordentlich präsent und der Dram mit seinen 45,0 Vol.-% hatte die perfekte Stärke, als grenzenlos supersüffige Sherrybombe Garant für schnelles Leeren einer Flasche davon zu sein.

Alle Rateversuche gingen erneut ins Leere, auch über die Frage „Wer füllt denn mit 45,0% ab?“ gelang keine Näherung. Natürlich nur, bis aufgelöst wurde, denn dann fiel es manchem wie Schuppen von den Augen:

Special Vatting Peaty Malt Whisky MCo

Natürlich! Ein Couvreur! Die kamen des Öfteren mit 45% daher, boten zudem stets schönen Old-Style-Sherry. Wir einigten uns darauf, das lediglich das komplette Fehlen der ansonsten so Couvreur-eigenen, verräterischen Liebstöckel-Note uns den Rateefolg verwehrt hatte.

Und schon stand Whisky Nummer sechs in den Gläsern: Zitrone, Limette, Limoncello, etwas Minze, etwas Holz. SO sollten Erfrischungstücher riechen! Ein Hauch von Anis, Cantaloupe-Melone. Wunderbar! Und eine wunderschön cremige Textur. Boah!

Und was sollte das sein? Wieder ein Totalausfall in der Raterunde, also aufgedeckt:

Kilkerran Work in Progress

Sieh an, ein fassstarker Kilkerran WIP. Superteil und jau, natürlich, den hatten die meisten von uns schonmal im Glas aber hier war er (Rafa reichte uns die Hand, in dem er meinte, die Flasche habe ziemlich lang offen gestanden und der Whisky sich merklich verändert in der Zeit *hust hust* – danke für die Ehrenrettung! 🙂 ) für uns nicht zu identifizieren.

Aber egal – die Raterei war ohnehin nur nettes Beiwerk, der Genuss und ein paar gemeinsame Stunden mit viel Blödeleien und Spaß standen ja im Vordergrund. Ab ins Glas mit dem letzten Whisky des normalen Lineups:

Rauch. Süße. Geeeeeil: Bowmore-Style! Na endlich! Der wurde klar erkannt und verhaftet als Bowmore. Sehr leckeres Teil:

Bowmore 2003 CA

Yes, und wir lagen richtig. Ein Weißweinfass-Finish, dass tatsächlich funktioniert hatte, die Nase bot etwas davon und geschmacklich harmonierte das prima mit dem Bowie-Stil, ohne diesen zu überlagern. Megadicken Dank, Rafa, ein weiterer wirklich toller Dram!

Schwamm drüber, Strich drunter.

Damit hatten wir den Spießrutenlauf von Rafa erfolgreich gemeistert – wenn der Erfolg in brav geleerten Gläsern bemessen werden würde. Wenn ‚erkenne was du da in dich reinschüttest‘ Teil des Kriterienkatalogs sein würde, würden wohl selbst schlecht fotokopierte Teilnehmerurkunden im Bundesjugendspiele-Stil in den Shredder anstatt in unsere Hände gehören.

Rafa zeigte sich gnädig und schien an der wilden Raterunde seinen Spaß gehabt zu haben. Zur Belohnung war tatsächlich noch ein Post-Show-Dram mitgeschickt worden, den wir uns natürlich auch noch gefallen ließen:

Einigkeit, dass dies von Islay sei. Port Charlotte? Nö. Komischer Ardbeg? Nö. Laphi isses aber nicht! Stimmt! … keine Ahnung. Außer Joschie, der auf Kilchoman tippte.

Ein seufzender Rafa – und eine Auflösung:

Kilchoman Sanaig

Ein Kilchoman Sanaig! Wenn man wusste was man da trank, war der leckere Kilcho-Stil auch für den Rest von uns auf einmal eindeutig identifizierbar: „Na logisch, schmeckste doch, ist doch klar!“

Dazu witzig genug: vor fast genau einem Jahr hatten Joschie und Seb von genau diesem Batch probiert und ihn als etwas metallisch und unreif in Erinnerung behalten. Nun jedoch, als Whisky Nummer acht und nach einem solchen Abend war er uns allen flüssiges Manna ohne jedweden Makel 🙂 .

Beste Grüße gehen nach Koblenz: vielen Dank für die Gestaltung eines mehr als würdigen Stammrundentastings.
Und Dank an die Stammrunde: ein toller Abend, auf dem Spaßlevel halten wir problemlos weiter per Zoom durch, bis wir nach all dem Corona-Unbill frisch geimpft und guten Gewissens wieder in persona an einen Tisch können.

Wohl an, auf bald,
Seb

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