Öffentliche regulars-Tastings

Tasting „Therapeutisches Entkorken: ein Griff in Sebs Trinkreserve“

16. Oktober 2020, im Internet 

Moin ihr,
es gibt viele Whiskysprüche – manche mehr, manche weniger tiefsinnig. Einer, über den ich des Öfteren nachdenke lautet

A closed bottle of Whisky is like an absent friend.

Ein stückweit stimmt das sicherlich – auf eine Flasche zu schauen, ohne sie zu genießen, hilft nicht wirklich weiter … dennoch schließt sich dem Genuss dann noch unvermeidlich das Problem des Verlustes an. Ich würde mein persönliches ‚Whiskydilemma‘ wie folgt umschreiben:

Whisky ist – die Vorfreunde ausgenommen –
nur dann von Wert,
wenn er genossen wird.

Doch ist er genossen,
ist sein Wert – abgesehen von Erinnerungen an den Genuss –
dahin.

Seb

Und so lege ich seit dem Beginn meiner Whiskyleidenschaft – seit nunmehr über zehn Jahren – Tropfen, die mich nachhaltig begeistern in meine ‚strategische Trinkreserve‘. Ich weigere mich nach wie vor, das als Sammlung zu bezeichnen, ist das alles doch schließlich zum Genuss bestimmt und nicht als Wertanlage oder museales Stillleben.

Dennoch lebe ich im Regelfall eigentlich ausschließlich von Samples, aus denen ich neue Abfüllungen verkoste. Und meine Flaschen? Die öffne ich ob oben beschriebener Verlustangst nur seltenst – eine Selbstdiagnose bezüglich dieses verschrobenen Tics habe ich hier ausführlich niedergelegt. 😉

Aber kommen wir mal zum Thema – es geht hier ja um ein Tasting …

Doch für vergangenen Freitag lud ich 25 Gäste ein, mich beim Kurieren dieses Spleens zu begleiten: ich hatte unter Schmerzen sechs (hoffentlich) nette Flaschen aus einem Jahrzehnt Sammelei Entkorkungsstau ausgewählt, um sie im Kreis der Teilnehmer*innen aufzureißen und zu genießen.

Das würde Überwindung kosten … aber Seb schickte sich an, ein paar Flaschen aus zehn Jahren Hortung zu öffnen.

Die Vorbereitungen – und wie last minute alles über Kopf geschmissen wurde …

Durch unser letztes öffentliches Tasting im August waren wir regulars bereits geübt im Umgang mit den Notwendigkeiten in Sachen COVID-19: wir aktualisierten unser Hygienekonzept, reichten es (erfolgreich) zur Genehmigung beim Landkreis ein, ließen unsere Gäste das Check-in samt Kontaktdatenabgabe für die Veranstaltung durchlaufen und freuten uns sehr auf den gemeinsamen Abend.

Bis am Dienstag, 13. Oktober, der Landkreis Leer feststellte, dass in den vergangenen sieben Tagen der Wert von 35 SARS-CoV-2-Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner überschritten worden war. Womit neue Regeln auch für Veranstaltungen in Kraft traten. Wir lasen uns ein und stellten fest, dass unser Tasting würde stattfinden können. Wenn – ja wenn dieser Wert in den folgenden Tagen nicht die Marke von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner übersteigen würde – denn dann wären private Veranstaltungen wie die unsere mit mehr als zehn Teilnehmer*innen nicht mehr erlaubt, unser Tasting nicht mehr durchführbar.

Am Abend des 14. Oktober hielten wir die aktuelle Entwicklung der Infektionszahlen in Händen:

8.10.9.10.10.10.11.10.12.10.13.10.14.10.
15,220,522,826,431,632,239,8
Die Zahl der SARS-CoV-2-Neuinfektionen je 100.000 Einwohner je in den vergangenen sieben Tagen im Landkreis Leer (8. bis 14. Oktober 2020).

Die Gefahr, bis zum Freitagabend die 50 zu sprengen, war aus unserer Sicht extrem hoch. Was würde passieren, wenn dies am Donnerstag (15.10.) zwar noch nicht geschehen, aber am Freitag, am Tag des Tastings passieren würde? Wir würden von dieser um 15 Uhr fixierten Zahl am späten Nachmittag erfahren und müssten unseren Gästen nur wenige Stunden vor Veranstaltungsbeginn absagen bzw. sie an der Tür des Schützenhauses Loga abweisen und nach Hause schicken.

Nachdem wir im April ein Tasting COVID-19-bedingt haben ausfallen lassen müssen war uns klar: das riskieren wir nicht. Also zogen wir am Donnerstagmorgen die Notbremse und gestalteten das Tasting zu einem Online-Tasting um. Unsere gebeutelten Gäste durften uns ihre Anschriften übermitteln sich darauf vorbereiten, per Zoom Meetings aus dem heimischen Wohnzimmer am Tasting teilzunehmen.

Ein wenig Handarbeit

Joschie und meine Wenigkeit verbrachten den Donnerstagabend damit, insgesamt 220 Sampleflaschen mit den Whiskies des Abends zu befüllen:

220 kleine Fläschchen – hier noch leer …
… und hier fertig befüllt und belabelt.

Am Freitag bereisten wir dann halb Ostfriesland und stellten von Rhaudermoor bis Moordorf und von Tergast bis Beningafehn die Samplepakete zu. Alles man eben so just in time – aber es klappte.

Showtime!

Ein beschauliches Wohnzimmer verwandelte sich am Freitagabend in ein von zwei Plätzen bespieltes Studio, aus dem Joschie und ich das Tasting senden sollten.

Um 19.30 Uhr waren tatsächlich alle Gäste online und mit der Feststellung, dass trotz all der Wirren der aktuellen Corona-Situation Ostfriesland stabil war 🙂 und wir gemeinsam versuchen würden, aus diesem dezentralen Abend das Beste herauszuholen, starteten wir ins Tasting.

Vorhang auf!

Die erste Flasche, die zur Verkostung gelangte, war ein 2006 abgefüllter, 12-jähriger Bushmills. Ein sanfter Ire, der in Bourbon-, Oloroso-Sherry- sowie karibischen Rumfässern reifen durfte und trotz nur 40,0 % Volumenalkohol eine eindrückliche Portion tropischer Früchte in Nase und Mund lieferte.

Bushmills 12-year-old

Der zweite Whisky des Abends stammte von BenRiach: der rauchige ‚Dunder‘ hatte ein langes Finish in dunklen Rumfässern erhalten. Ein richtiger Feger der zwischen fülligem Rauch und markanter Rumsüße ein schönes Aromenspektrum präsentierte.

BenRiach 18-year-old - Dunder

Dritter Dram des Abends wurde dann eine schlichte, reine Bourbonfassreifung. Würde das funktionieren? Könnte nach einem rauchigen Malt ein nichtrauchiger Whisky ohne besonderen Süßwein-Fasseinfluss voll zur Geltung kommen und den Raucher übertrumpfen?

Jo, das ging.

Ein 21-jähriger Tobermory in Fassstärke von 50,9% zeigte, wie hervorragend die ‚reine Lehre‘ einer gediegenen Bourbonreifung geschmacklich funktionieren und welchen aromatischen Druck sie aufbauen kann.

Tobermory 1995 MBl

Nach diesen drei Whiskies stand die obligatorische Pause an – und auch dezentral nutzte ein jeder eine kleine Auszeit, bevor wir in den zweiten Teil des Abends starteten.

Die zweite Halbzeit

Mit einem Experiment sollten zwei gänzlich unterschiedliche Ausprägungen von Sherryreifung aufgezeigt werden: zuerst ein Miltonduff, abgefüllt von Malts of Scotland, der 2015 als Weihnachtsabfüllung des Paderborner Abfüllers erschienen war. Gefinished in einem Pedro-Ximenez-Sherry-Hogshead war Weihnachten tatsächlich Thema in diesem Dram: Früchtekuchen und eine unglaubliche Süße kennzeichneten dieses Sherrymonster.

Miltonduff 1998 MoS
Ein Korkenzieher zum Öffnen einer Whiskyflasche – eine Seltenheit

*ratsch*

Sehr selten, aber das kann passieren: der zweiteilige Korken der Malts-of-Scotland-Flasche war schlecht verklebt und der Korkenkopf scherte beim Öffnen ab. Unter Zuhilfenahme eines Kellnermessers konnte der Whisky behutsam für die beiden Moderatoren des Abends befreit werden.

Zurück zum Thema

Bei Whisky Nummer fünf handelte es sich um eine Vollreifung aus dem Sherryfass – in diesem Fall jedoch um einen trockenen Oloroso-Sherry in einem Fass aus europäischer Eiche. Ganze 29 Jahre verbrachte dieser Single Malt, der aus rechtlichen Gründen als Blend gekennzeichnet ist und den Namen seiner Brennerei nicht tragen darf, in seinem Fass. Und diese Zeit hinterließ Spuren: ein vollmundiges, trockenes Sherryprofil, eine absolut dezente Menge Holz und ein insgesamt extrem breites Aromenspektrum zeichneten diesen Dram aus.

Blended Malt Scotch Whisky 1988 VM
25 Gäste, Joschie und Seb – zwar dezentral, aber dennoch alles andere als allein.

Ein letztes Highlight sollte noch folgen.

Die ‚Hebridian Hydra‘ von Whisky Tales enthielt Spirit von Ardbeg, Bowmore und Laphroaig. Gleich drei der beliebtesten Destillen der Insel Islay, weltbekannt für ihre rauchigen Whiskies. Und die wurden in diesem Whisky mal mutig gemeinsam geblendet – der jüngste enthaltene Whisky von ihnen 16 Jahre alt. Ein beeindruckender Malt: Die Ardbeg-Süße als auch der Bowmore-Rauch waren in der Nase deutlich zu erspüren, während im Mund das medizinische Laphroaig-Profil führte. Ein harmonischer Tropfen, dessen drei Bestandteile wirklich klasse zusammenpassten – allzumal er mit 57,5% Volumenalkohol keinesfalls alkoholisch wirkte. Topstoff!

Hebridean 16-year-old WT

Auch bei einem Online-Tasting durfte zum Abschluss die schon fast obligatorische Überraschung in Form eines Bonusdrams nicht fehlen: ein 11-jähriger Bruichladdich, abgefüllt von Whiskybroker.co.uk, setzte in Sachen Ausdrucksstärke nochmal ein Ausrufezeichen hinter die Reihe der anderen Drams. Ein hochintensiver Sherryvertreter.

Bruichladdich 2006 WhB

Feedback-Time!

Für uns Moderatoren wurde es dann spannend: reihum wurden die Gäste befragt, welche Whiskies sie als den oder die Favoriten des Abends für sich sahen.
Und zu unserer großen Freude gab es eine starke Verteilung: nahezu alle Whiskies wurden mehrfach genannt, sprich die Drams schienen qualitativ durch die Bank satisfaktionsfähig gewesen zu sein. Die Nase vorn hatte am Ende jedoch der 1988er Blend – ein Votum, dem wir uns nur anschließen konnten.

Mit einer gediegenen Post Show bestehend aus drei weiteren ebenfalls vorab erwerbbaren Whiskies ließ ein Teil der Gäste den Abend weiterhin gemeinsam ausklingen, bis das Tasting dann sein Ende fand.

Was blieb als Erkenntnis dieses Abends?

Sich von lieb gewonnenen Flaschen zu trennen, tut gar nicht mal so weh. Sie ihrer Bestimmung zuzuführen und mit interessierten Genießer*innen zu teilen, ist eine feine Sache. Das hat sich gelohnt, das machen wir gern mal wieder – ich betrachte mich in Sachen Aufreißhemmung als kuriert 🙂

Was den Abend abschloss: eine kleine Vorschau auf das nächste öffentliche Tasting im Dezember – in diesem wird es nach Dezember 2019 einen zweiten Whiskywettstreit der regulars geben, bei dem das Publikum zur Jury wird. Wir freuen uns riesig darauf!

Und ob wir uns vor Ort sehen können oder auch dieses Tasting online stattfindet – unsere oberste Prämisse steht fest: wir lassen uns den Spaß am Whisky nicht nehmen und wir sehen uns definitiv, um ein paar tolle Whiskies miteinander zu genießen – am liebsten Auge in Auge, ansonsten digital.

Oh ja, und dann war da ja noch was.

Wir regulars hatten uns einige Gedanken über ein Gastgeschenk gemacht, mit welchem wir externen Referent*innen eine Freude machen könnten. Und aus einer kleinen Idee dafür wurde im Hintergrund ein *etwas* größeres Projekt. Das Ergebnis: wir lassen einen Muck produzieren. Was das ist und was das soll, ist hier nachzulesen. Wir sind hochgespannt, was ihr dazu sagt 🙂

Nun kommen wir aber mal zum Schluss hier …

Wir vermissen Euch – und sehen uns wieder! ♥

Damit dann genug der Worte – ein wirklich schöner Tastingabend liegt hinter uns. Wir hoffen ihr alle, Tastinggäste, Freunde, Leser, seid und bleibt gesund. Wie lange auch immer die COVID-19-Situation uns begleiten und in unser Leben eingreifen wird – es wird Räume geben, in denen wir das uns Verbindende, die Leidenschaft zum Whisky, miteinander teilen können. Und diese Räume sind vielleicht eine zeitlang zu unser aller Schutz virtuell – doch wie twitterte Satiriker Jan Böhmermann so treffend:

Ich habe NOCH weniger Bock auf tote Omas und Opas als auf Urlaubsreisen absagen und Restaurantbesuche vermeiden.

@janboehm

In diesem Sinne: passt auf Euch und Eure Lieben auf – wir sehen uns wieder! Das hat im August geklappt, das wird wieder klappen. Und solange sind wir Leben rettende Superheld*innen schlicht dadurch, uns auf dem heimischen Sofa statt in engem Kontakt mit vielen Menschen aufzuhalten. Es war wohl noch nie so einfach, eine Held*in zu sein. ✌️

Mit den besten Grüßen,
auf bald,
Seb, Joschie und die regulars

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