Wissen & Meinungsbeiträge

Geld oder Liebe

3. Mai 2020, Warum ich strikt Amateur in Sachen Whisky sein will.

Moin ihr,
seitdem Whisky zu meiner großen Leidenschaft wurde, habe ich viele Jahre einen Traum mit mir herumgetragen – nämlich den, irgendwann mal das Hobby zum Beruf machen und meine Brötchen mit dem Thema, sprich in der Branche, verdienen zu können. Die Vorstellung, mich eines Tages mal nicht mehr nur viele Stunden der Freizeit mit dem Wasser des Lebens auseinanderzusetzen, sondern den Umgang damit meine Erwerbsarbeit nennen zu können, faszinierte mich total.

Über die Jahre – das ist einer der ganz großen Vorzüge an diesem Hobby – habe ich zudem viele großartige Menschen kennengelernt, die der Branche ein persönliches Antlitz geben: Händler*innen, unabhängige Abfüller*innen und Vertreter einzelner Marken, die ich sehr gern zu meinen guten Bekannten zähle.

Sich diesem Kreis irgendwann zugehörig zählen zu dürfen, wäre das Größte. Oder?

In der Zeit, in der ich mich durch etwas aktiveres Blogging tiefer mit Themen und Aspekten der Whiskylandschaft auseinandergesetzt habe, begann diese Traumvorstellung jedoch zu bröckeln. Denn egal in welcher Position, auf welcher Ebene oder in welcher Firma/welchem Konzern auch immer man sich der Branche stellen würde, kristallisierte sich eines ganz deutlich heraus:

Eine finanzielle Abhängigkeit von der Branche bedeutet den Verlust von Unabhängigkeit und Freiheit.

Das beginnt schon bei den Laien, die die eigene Tür nur einen Spalt weit für kommerzielle Tätigkeiten öffnen: bsp. Whisky-YouTuber*innen mit ihren Verkostungsvideos und Whisky-Blogger*innen mit ihren Tasting Notes, die (aus der Branche zumindest mit Samples neu erscheinender Abfüllungen versorgt) ohne Frage durch den Zustrom zeigenswerten flüssigen ‚Contents‘ aus der Industrie befangen sind.

Das geht weiter, wenn ich daran denke, dass die alerte Normaltrinker*in nach fünf Jahren Spaß am Glas anfängt, sich über steigende Preise und sinkende Qualitäten Gedanken zu machen und ggf. zu überzogenen Marketingauswüchsen der Branche eine kritische Haltung entwickelt, während ein offener Diskurs darüber mit jemandem, die mit dem Absatz von Whisky ihr Geld verdient, logischerweise ebenfalls nur eingeschränkt möglich ist – schließlich liegen aktive Verkaufsförderung und Gewinnsteigerung im ureigensten Händler*inneninteresse – ebenso wie die eine oder andere suboptimale Abfüllung irgendwann aus dem Regal und an den Menschen gebracht werden muss.

Und in Umgebungen, in denen wirklich gute Fässer mit tollen Whiskies zu moderaten Preisen seltener werden, stehen unabhängige Abfüller*innen vor der Entscheidung, ob der Fortbestand des Erfolgs im Business oder eiserne Qualitätsstandards zu verträglichen Preisen Priorität haben. Zumal der bei Unabhängigen Abfüller*innen vermehrt stattfindende, kapitalträchtige wie risikoreiche Kauf junger Fässer zum weiteren Problem wird: wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein beliebiges, jedoch blind gekauftes und nun existierendes Fass tatsächlich herausragende Qualität entwickelt? Und was passiert damit, wenn dies nicht der Fall ist? Auch hier gilt: wo finanzielle Abhängigkeit oder Gewinnerzielungsinteresse im Spiel sind, werden hohe Ansprüche aus Liebe zum Whisky mit der Zeit zwangsweise Kompromissen geopfert.

Mit etwas Nachdenken finde ich das alles so wenig überraschend wie schlimm – Geschäft ist halt Geschäft. Und viele gute Freund*innen in der Branche schaffen es auch in Zeiten wie den heutigen tollen Stoff anzubieten – und bringen uns Genießern Spaß in die Gläser.

Andererseits bedeutet Unabhängigkeit dadurch, ‚nur‘ Amateur*in im Whisky-Game zu sein, keinesfalls total neutral oder unabhängig durch die Welt des Lebenswassers zu streifen – ein Blick auf das Thema ‚Bepunktungen und Sternchen‘ reicht, um sich die Vorstellung selbst final abschminken zu können.

Ach ja: der Amateur ist bitte nie zu verwechseln mit dem Anfänger und dessen etwaigen Vorstellungen vom Whiskygenuss. Wir Amateure sind schon ganz gut informiert … 😉
Foto (unverändert): Invaluable Official, Lizenz: CC BY-NC 2.0

Worauf wollte ich noch gleich hinaus?

Ach ja: das über lange Zeit geformte Bild der Schnapslandschaft und ihrer Akteure vor Augen veranstalten wir regulars seit Anfang 2018 öffentliche Whiskytastings. Und das strikt nicht kommerziell. Wir lieben es, uns mit je 25 Gästen einen Abend lang über ein bestimmtes Thema oder eine Destille herzumachen und dabei ganz frei Schnauze und unabhängig in die Auswahl der Drams gehen zu können. Hier steht nichts in Regalen, das abverkauft werden muss. Hier sind wir niemandem Gefälligkeiten schuldig. Wir feilen etwas aus und beschaffen unsere Whiskies dann ganz so wie du und ich. Ebenso steht uns dabei frei, einen Whisky problemlos kritisieren oder verreißen zu können.

Parallel habe ich persönlich mir einige Zeit lang hier im Blog die Freiheit genommen, die oben angerissenen Themen und manches mehr kritisch zu hinterfragen (was unendlich Spaß macht und die Freude am Thema Whisky keine Sekunde trübt, das sei nochmal ausdrücklich erwähnt 🙂 ).

Und dann kam dieses Angebot.

Anfang des Jahres 2020 erreichte mich die Anfrage eines Hotels hier in der Gegend. So á la „Moin auch, wir würden hier gern mal was mit Whisky machen: Tastings bei uns im Haus. Können Sie uns da was anbieten?“.

Erster Gedanke: Tastings? Klaro, gern, machen wir doch eh alle zwei Monate mit viel Spaß und Freude. Da mal eines on top, vielleicht in einer schönen Location in einem Hotel? Why not?

Zweiter Gedanke (mir Gott sei Dank sofort im regulars-internen Gedankenaustausch entgegengehalten): warum sollte man das machen? Hätten wir Lust öfter Tastings zu veranstalten, könnten wir unsere Hütte sicherlich auch in anderem Turnus füllen. Und das mit unserem Konzept – ganz so, wie es uns beliebt. Warum also die Tür für eine kommerzielle Verzahnung öffnen und für einen Veranstalter antreten, der mit diesen Tastings (ganz legitim) Geld verdienen möchte? Nee, danke.

Ich ließ also meine Finger davon und passte.

Kurze Zeit später setzte das besagte Hotel tatsächlich ein Whiskytasting an. Mit einem regionalen Whiskyhändler als Referenten. Das Tasting sollte die Teilnehmer*innen 49,90 € kosten.

Neugierig ließ ich mir das Lineup schicken.

Und musste tüchtig schlucken: verkostet werden sollten sechs Drams. Allesamt preismäßig aus dem Einsteigerbereich. Spaßeshalber warf ich die Whiskies des Tastings ohne weitere Preisrecherche schlicht bei einem Onlinehändler in den Warenkorb und musste dafür lediglich eine unabhängige Abfüllung mit einer gleichwertigen Ersatzflasche substituieren.

Dabei staunte nicht schlecht: dieses Lineup (unbeschadet der Frage, ob wir damit gern und erhobenen Hauptes vor ein Publikum treten würden) würde als regulars-Tasting bei einem Ticketpreis von 15,30 € landen – enthaltend alle Nebenkosten inkl. der Raummiete an unserem Veranstaltungsort. Wir sprechen da vom Bruttopreis. Und von Flascheneinkaufspreisen, wie wir sie als ganz normale Endkunden bezahlen – im Gegensatz zu den Einkaufspreisen professioneller Whiskyhändler*innen.

Mit einem Blick auf das Delta von 15,30 € Ticketpreis als nicht kommerzielles Tasting (bei uns der Gemütlichkeit zuliebe limitiert auf 25 Teilnehmer*innen) und 49,90 € im Hotel (Gästelimit nicht bekannt) wurde mir nochmal deutlich klar, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Das hätte ich niemanden guten Gewissens bezahlen lassen können.

Natürlich hinkt der Vergleich zwischen einer ehrenamtlich, sprich ohne Lohnkosten und Gewinnerzielungsabsicht angelegten Veranstaltung und einem kommerziellen Event gewaltig.

Dennoch: bei 25 Gästen sind 1.247,50 € Bruttoeinnahme zu 202,40 € Whiskykosten (nochmal: Endkunden-Einkaufspreis beim ersten Händler, der mir über den Weg lief!) zu verbuchen – und auch 30 Gäste könnten aus den Flaschen problemlos versorgt werden und somit 1.497 € brutto erzielt werden. Da sitzt für die Beteiligten meines Erachtens auch nach Abzug von Personalkosten, adäquater Raummiete und Steuern mehr als ordentlich Fleisch am Knochen. Wiederum alles legitim – aber aus Genießerperspektive könnte ich für etwas, dass ich in Eigenleistung für einen kleinen Euro auf die Beine stellen kann, nie jemandem mehr als das 3¼-fache abnehmen.

Dazu sei abschließend noch erwähnt, dass ich selbst gelegentlich gern professionelle/gewerbliche Tastings besuche. Das Delta von „Wert der Drams“ zu „Tatsächlicher Tastingpreis“ ist hier Gott sei Dank nie derart stark wie im oben beschrieben Fall. Und klar: Händler*innen sollen leben und ihr Brot damit verdienen können. Aber:

Macht ihr man – das wär’ nicht Meins.

Dieses illustre Beispiel als Auslöser für mein Bekenntnis zum Amateurtum wollte ich gern mit Euch teilen: viel Liebe für Whisky einerseits, andererseits immer genug kritische Distanz zur Branche selbst stellen für mich die gesündeste Balance dar, mit der ich – und mit der wir regulars – ganz gut fahren.

Ich möchte im Rahmen meines Leib-und-Magen-Hobbies niemals eine Ansicht vertreten müssen, die nicht tatsächlich meiner Überzeugung entspricht. Ich möchte niemals jemandem einen Whisky andrehen müssen, der mich selbst nicht bewegt. Und ich möchte den unbedingten Spaß und die Freiheit, mich mit anderen über das Wasser des Lebens auseinanderzusetzen, von allen Zwängen und Einschränkungen frei halten. Ohne jeden Kompromiss. Für immer Punk!

Is’ schon klar: als extensiv Geld verprassender Whiskykonsument bin ich maximal weit davon entfernt, Punk zu sein – dennoch ziehe ich mir mit Blick auf die Profis für diesen Beitrag gern diesen Schuh an, wenn ihr mich lasst. 🙂

Und damit ein herzliches slàinte mhath auf die Amateure als die weitestmöglich unabhängigen Liebhaber!

Beste Grüße von hier,
Seb


Nachtrag vom 4. Mai 2020

Moin nochmal,
in den Whiskyforen gab es eine recht kontroverse Diskussion über obigen Text. Primär wurde darin wiederkehrend mit Verweis auf betriebswirtschaftliche Grundlagen der Hinweis erteilt, dass der Vergleich zwischen einer ehrenamtlich angelegten Veranstaltung und einem kommerziellen Event gewaltig hinkt.

Schauen wir nochmal in den Text oben:

Natürlich hinkt der Vergleich zwischen einer ehrenamtlich, sprich ohne Lohnkosten und Gewinnerzielungsabsicht angelegten Veranstaltung und einem kommerziellen Event gewaltig.

Öhm. Ja. Dennoch stellt sich aus meiner Sicht die Preis(vergleichs)frage, da sie im erwähnten Beispiel selbst bei zugekniffenem Auge deutlich ins Selbige fällt. Ansonsten möchte ich den Kern meines dazu gehörigen Gedankens nochmal auf den Punkt bringen:

Ich habe viele Gründe gefunden, um für mich final zu entscheiden, Amateur auf dem Whisky-Spielfeld bleiben zu wollen – weil mein Herz sehr am Thema hängt.

Das Beispiel des im Text angerissenen Tastings zeigt das in extremo. Ich brächte es einerseits nicht über das Herz, Euch mit „Hey, schonmal ’nen Fiddich 12 aus der Nähe gesehen? Und hier gibt’s noch mehr Krassheiten ins Glas – Bock auf ’nen Whiskyabend?“ zu einem Lineup zu lotsen, welches mich auch für einen Einsteigerabend wenig begeistert.

Und unabhängig von legitimen Gewinnen, Kosten, Steuern, rah, rah, rah werde ich niemals einer Person an einem Abend Whisky für 6,75 € (Bruttoendkundeneinkaufspreis im erstbesten Shop, hier sind jetzt mal alle Nebenkosten raus – wir sprechen also nur vom Whiskywarenkorb) in ein Glas schenken, während die Person das Ticket zur Teilnahme 49,90 € kostet. That’s it, that’s all.

Generell gilt wie geschrieben: ich mag und besuche gern professionelle Tastings, gebe gern Geld für Whisky aus und auch dort habe ich (zumindest bei dem, was ich so besucht habe) noch nie ein (aus meiner Sicht) so dünnes Lineup zu einem so ambitiösen Preis gesehen. Das war der Aufhänger, um mir zu sagen „Gott sei Dank haste die Finger von dem Angebot gelassen – stell dir vor, man wäre planerisch bei sowas gelandet.“ Es gibt für mich viele Argumente, aus der Liebe nicht den Broterwerb zu machen – aber eben exakt dieses eine spezielle Spezialbeispiel dieses einen Tastings zeigt mir, dass auch ein solches Delta zwischen Whiskywert und Verkaufspreis in Tastings dazu gehört – das sehe ich in diesem Fall nämlich nicht ein.

Also: auch (vor allem) die Händler, die mir erklären, dass betriebliche Kostenrechnung ein komplex’ Ding ist: weiß ich doch, weiß ich doch, passt, alles gut. Ich mach’s nochmal überdeutlich: hat einer von Euch Händlern jemals ein Tasting ohne professionellen Referenten verkloppt, bei dem nur 13,5% (erstbester Straßenpreis für Endkunden, kein Händler-Einkaufspreis!) der Ticketkosten in den Drams landeten? I doubt that. Denn ich mag Eure Tastings – und ihr habt (Gott sei Dank) Ambitionen, was deren Ausgestaltung angeht. Weshalb ich meine Händlerlandschaft auch sehr schätze.

Beste Grüße,
Seb

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