Stammrundentastings

69. regulars-Treffen

7. März 2020, »Die Sache mit der 94. Ein Debüt.«, bei Matze in Moormerland

Moin ihr,
gestern fanden sich abseits der beherrschenden Nachrichtenthemen folgende Schlagzeilen in den Tagesmedien:
„24 Infizierte in Berlin – 94 Desinfektionsflaschen gestohlen“,
„94-Jährige verläuft sich – Polizei rettet sie unterkühlt“ sowie
„USA schieben 94-Jährigen ab“.
Die Menschheit hatte ernste Probleme – und irgendetwas an diesem Tag hatte mit der Zahl 94 zu tun.

Doch was? Und was hat das alles mit einem Stammrundenabend unserer kleinen Whiskyrunde zu tun?

Ich persönlich, an dieser Stelle Debütant als regulars-Stammrunden-Gastgeber und Tastingabendblogger, verbinde mit der 94 positive Erinnerungen. Vor allem die Rockmusik des Jahres 1994 hat mich im Alter von 13 Jahren wohl am Stärksten geprägt. Noch heute höre ich die 94er Alben besonders gern.

Glaubt man der Zahlenmystik, werden der 94 diese Bedeutungen nachgesagt:
„Nummer 9 steht für universelle Liebe, Gelassenheit, Ewigkeit, spirituelles Erwachen und Freiheit.“
„Nummer 4 ist ein Symbol für gute Organisation, Konzentration, Entschlossenheit, Selbstvertrauen und Ausdauer.“

Klingt doch ganz gut soweit.

Was da gestern passiert ist, will so gar nicht dazu passen. Nicht in der Welt da draußen. Nicht bei unserem Whiskytasting. Sämtliche positiven Konnotationen mit der 94 verschwanden. Für immer.

Der Tastingabend begann so, wie ich es zuvor als Gast gelernt hatte: erstmal ein paar Tassen Tee. Danach wurden acht Sampleflaschen auf den Tisch gestellt. Ohne Aufschrift. Nur durchnummeriert. Von 92 bis 99. Ein Blind-Tasting stand den Gästen ins Haus.

Warum gerade diese Zahlen?

Ganz einfach: es sind acht aufeinanderfolgende Zahlen, die die Reihenfolge der Verkostung bestimmten. So ist das eben.

Die Auflösung wollte ich bis zum Ende des Tastings für mich behalten. So auch kundgetan.

Erster Whisky im Glas. Nummer 92. Trinkstärke.

Stimmen: „Ist ein Blend.“ „Mit Grain, aber kein Single Grain.“ „Kaugummi.“ „Schmeckt aber wohl.“

Nummer 93. Fassstärke. Das hatte nur einer richtig mitbekommen.

Nase: „Dosenpfirsich.“ „Ein Hauch Rauch.“ „Sehr jung.“ „Irland.“
Mund: „Scharf.“ Mit etwas Wasser ging’s dann.

Nächster. Die Nummer, die nicht mehr genannt werden darf. Ihr wisst schon welche. Die Farbe dunkler als die ersten beiden. Oh Gott, was passiert hier? Die Gesichtszüge entgleiten den Teilnehmern.

Ist das Whisky? „Modrig“, „Käsig“, „Buttersäure“, „Rumaroma“.
Einer meinte, der Dram röche wie 40 Jahre alter Cognac. Es wurden Vergleiche mit Hundekotze angestellt. Oder mit dem Teer-Färbemittel Beinn Dubh. Ob ich irgendwas gefärbt und da reingetan hätte?
Schließlich fiel der Begriff Surströmming. Die holten jetzt alles raus, was ihnen einfiel.
Im Geschmack kam er dann etwas besser weg. Außer bei einem Gast, der sich standhaft weigerte, das Glas zu leeren.

Die 94 kann ich mir fürdehin auf die regulars-Visitenkarte schreiben, soviel ist sicher.

Das wird mir noch ewig nachhängen. Von nun an wird sich alles an der 94 messen lassen müssen. Herrlich war’s.

Vor der Pause schnell noch die 95 ins Glas kippen. Den Geschmack loswerden. Und den Würgreiz. Vorher ausspülen. Nochmal. Noch etwas.

„Hm. Das geht gar nicht mehr aus dem Glas raus.“
„Soll ich ein paar neue bringen?“
„Ich kann die hier ja wegwerfen. Oder besser gleich ins All schießen.“

Nun also die 95. Ich war gespannt. Sollte sich das wiederholen, gar noch schlimmer werden? Ich hatte Grund zur Annahme. Siehe Auflösung. Aber nein. Parallelen zum letzen Whisky gab es, diese „Säuerlichkeit“ etwa. Ansonsten „Hauch Schwefel, aber gut“ und „Sherry“.

Pause. Durchatmen. Wasser trinken. Etwas Käse mit Brot geht vielleicht.  Ja, bleibt drin. Glück gehabt.

Kann weitergehen. 

Einer wollte mich überreden, schon mal eine Teilauflösung zu machen, so gespannt sei man. Nö.

Im richtigen Moment wurde dann per Kurier ein Whiskysample an die Haustür gebracht. Man hätte meinen können, da braucht jemand jetzt sofort einen Dram, dem er noch vertrauen kann. Auf der Stelle. Aber es handelte sich um einen angekündigten Whisky, den der Sieger des letztjährigen öffentlichen „Whisky-Wettstreits“ der regulars ausgeben wollte.

Er wurde blind eingeschenkt, da wir gerade so schön dabei waren. Irre tolle Nase, tief dunkle Frucht. Sehr lecker. Leider mit recht kurzem Abgang. Ausnahmsweise erfolgte die Auflösung direkt im Anschluss.

Der Vatted Malt aus Spirit der Jahrgänge 1959 und 1960 war 1986 zur Vermählung von Prince Andrew und Sarah Ferguson abgefüllt worden:

Glen Grant 1959 & 1960 GM

Weiter ging es mit der zweiten Hälfte des Blindtastings und unserer Nummer 96.

„Mmmh“, „oh“, „ah“. Der gefiel. Sherry. „Fassstärke. Auf jeden Fall.“ Glendronach? Glenfarclas? Kenne ich doch irgendwoher? Glengoyne?

Für Whisky 97 gab es ebenfalls sehr positive Reaktionen. Als hochpozentig wurde er angekündigt. Das war er auch. Vertrug Wasser ohne Ende und verlor nicht. Sherryfass. Lecker, geschätzte 1.000 Vol.-% Alkohol. Wieder wurden Glenfarclas und Glendronach gemutmaßt.

An dieser Stelle wollte der erste schon schlafen gehen.

Doch es sollten noch zwei Drams folgen.

Schnell weitermachen, bevor der mir wegpennt: Nummer 98.

„Fasswhisky.“ „Alt.“ „Jung.“ „Kein Standard.“ „Irgend so ein Single Cask.“ „Sehr eigen.“ Ich meine, ich hätte auch „Bourbonfass“ gehört.

Nummer 99. Erstmals kam ernsthaft etwas Rauch auf.

„Lecker, mmh.“ „Bourbonfass.“ „Zitronenklostein – super!“ „Nicht älter als zehn Jahre.“

Geschafft.

Was vom Abend übrig blieb: ein großartiges Lineup – und im Abseits ein verstoßenes Unding.

Demütige Frage meinerseits: „War einer dabei, der geschmeckt hat?“
Haben sie alle – bis auf den, der nicht genannt werden darf.

Favoriten des Abends?

Drei Stimmen, drei Whiskies: Nr. 95, 96 und 97 gefielen am besten.
Die Auflösungen wurde erwartet.

Nummer 92:

Slyrs 12-year-old
Ein Deutscher, der geschmeckt hat. Na gibt’s denn sowas?

Nummer 93:

Kavalan Solist
Das junge Alter konnte niemanden täuschen. Den Kavalan konnte aber niemand finden. Solist eben.

Nummer 94:

Frysk Hynder 2011
Auf den Cognac war man gekommen. Ein Holländer ist also dafür verantwortlich. Folgenschwer.

Nummer 95:

Frysk Hynder 2011
Nochmal der Holländer. Anderes Fass.  Gehörte zu den Favoriten des Abends. Die können es also doch. Den Port vermochte niemand zu entdecken. Selbst nach Auflösung wurde bestritten, dass da Port drin sei.

Nummer 96:

Glengoyne 21-year-old
Ebenfalls einer der Schönsten des Abends. Der Name der Destille fiel auch im Vorfeld. Der Alkohol von 43% wurde in der Runde deutlich höher eingeschätzt.

Nummer 97:

Deanston 2008 SV
Der Dritte, der als am Gefälligsten durchging, trotz der geschätzten 1.000 Vol.-% Alkohol.

Nummer 98:

Glenfarclas 1988 Edition N°22
Nun kam er doch noch, der Glenfarclas. Aber nicht dort, wo er vermutet worden war. Tolle Kräuternoten und viel Eiche.

Nummer 99:

Secret Orkney Distillery 1999 MBl
Etwas Rauch, schön cremig. Und der Zitronenklostein? Ja, der ist wohl da.

Damit endete dann dieser spaßige Abend.

Geerdet, überrascht, irritiert und angewiedert (angesichts der 94) waren sie. Und ich zufrieden. Mission erfüllt.

Darauf noch einen Nachschlag für die Herren, die noch wollten.
Der Name Glenfarclas war schließlich sehr oft gefallen heute, mithin bestand die Post Show aus einer gediegenen Originalabfüllung der Destille:

Glenfarclas 25-year-old

Mein persönliches Fazit?

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.
Wie weit die Tipps und Einschätzungen der Gäste teilweise von den tatsächlichen Parametern der Whiskies abwichen, war schon faszinierend. Nichts finde ich spannender als Blindtastings, bei denen die Wahrheit tatsächlich im Glas liegt und auf keiner Verpackung, bei keinem Markennamen und bei keinen sonstigen Vorschusslorbeeren durch Marketing oder positive Erfahrungen mit ähnlichen Abfüllungen.

Das machen wir mal wieder 🙂
Euer Matze

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