Messe- & Veranstaltungsbesuche

Denk doch mal jemand an die Kleinen!

6.-8. September 2019, beim 11. Maltstock in Overasselt (NL)

Moin ihr,
nach einem phänomenalen Erstbesuch des niederländischen Whiskyfestivals „Maltstock“ im vergangenen Jahr hatten mein Mitstreiter Malt-Rafa und ich uns noch auf der Matratze unserer Holzblockhütte sitzend Tickets für 2019 gesichert. Was bedeutete, dass wir uns ein ganzes Jahr auf das Anknüpfen an ein großartiges Whiskywochenende freuen konnten.

Freitag

Am vergangenen Freitag sollte der Vorfreudescheck dann endlich eingelöst werden – und Rafa machte sich aus Koblenz, ich mich aus Leer auf die 260 bzw. 270 km lange Anfahrt nach Overasselt am Rand von Nijmegen. Wir trafen beide gg. 15.30 Uhr ein, ich bekam für mein elektrisches Gefährt sofort einen Park- und Ladeplatz zugewiesen und wir machten uns auf zum obligatorischen Begrüßungskaffee in einem nahegelegenen Restaurant.

Als sich um 16.00 Uhr die Tore zur Veranstaltung öffneten, meldeten Rafa und ich uns an, nahmen unsere Namens-Badges in Empfang und platzierten unsere Mitbringsel auf einem der drei gewaltigen Sharing Tables.

Das Prinzip dieser Tische: jeder Gast bringt eine Flasche Whisky mit – ganz nach eigenem Gusto. Zudem steuern die Tastingveranstalter*innen und Vertreter*innen der Industrie kartonweise leckere Malts hinzu – sodass für ein Wochenende voller spannender Genüsse ein übergroßes Angebot vorhanden ist.

Mit einem Blick auf das anschwellende Flaschenmeer auf den Sharing Tables sahen wir zu, lieber schnell unbeschadet weiterzukommen, um unser Gepäck aus den Autos zu holen und unsere gemütliche kleine Blockhütte beziehen zu können, anstatt gleich hier kleben zu bleiben. Als das erledigt war, schnappten wir uns Gläser und dann konnte der Spaß losgehen:

Als Begrüßungs-Dram wurde von den Veranstalter*innen ein Whisky der Bimber Distillery aus London gereicht:

Bimber Single Malt London Whisky
Angekommen im entspannendsten Wochenende für Whiskynerds: Maltstock

Nach dessen Zurkenntnisnahme begrüßten wir einige erste Bekanntschaften aus dem Vorjahr und ließen es uns mit ein paar Drams an den Sharing Tables gut gehen:

Glenglassaugh 1986 GM
Dailuaine 2006 SMWS 41.80
Chichibu 2009
Ein genialer japanischer Whisky – eingeflogen zusammen mit Yumi von Chichibu selbst.
Glendronach 1992
Ein Schwefelmonster aus der Hölle. Tatsächlich der schlimmste Dram des ganzen Wochenendes für uns.
Glenallachie 2006
Die neue Abfüllung von Ralfy anlässlich des 10-jährigen Jubiläums von ralfy.com – easy to drink, wunderbar ausbalanciert – eine verführerisch süße Portreifung. Genial!

Es gesellte sich ein netter Schotte namens David zu uns. Er arbeitete als Projektingenieur für Forsyths (genau, dem Brennblasen- und Destillenbauer), hatte tonnenweise Geschichten aus der Industrie zu erzählen und wir sollten an diesem Wochenende noch viel Spaß miteinander haben. Seine Mitbringflasche war etwas ganz besonderes: sein Großvater besitzt mehrere Sherryfässer, die er dank persönlicher Bekanntschaft zu George Grant mit New Make von Glenfarclas befüllen lassen konnte. Das ist mittlerweile rund 12 Jahre her und wir konnten einen großartigen Glenfarclas aus „Grandpa’s Cask Number 17“ verkosten. Superlecker!

Mit dieser ersten Rutsche leckerer Malts intus wurde es Zeit für das Abendessen: ein schönes Buffet wartete auf uns und wir stärkten uns nach Kräften – hatten Rafa und ich doch um 20.00 Uhr ein Masterclass-Tasting mit Mark Watt von Cadenheads sowie Joshua Hatton und Jason Johnstone-Yellin vom US-Abfüller Single Cask Nation. Die drei lieferten sich einen illustren „Pillow fight“: in vier Runden wurde je ein Cadenhead-Whisky gegen einen von SCN verkostet und das Publikum sollte entscheiden, welcher im direkten vergleich besser ankam. Die drei Moderatoren ließen großartige Drams springen:

Hazelburn 2007 CA
Teaninich 2005 JWC
Mortlach 1987 CA
Bowmore 1989 JWC
Clynelish 1990 CA
Ledaig 13-year-old JWC
Paul John 2011 CA
Ledaig 2004 JWC

Ein geniales Tasting mit großartigen Drams und einer extrem hohen Schlagzahl an Gags. Am Ende hatte Mark Watt der Publikumsmeinung nach die Nase leicht vorn.

Sowohl der Hazelburn als auch der Paul John waren trotz ihres jungen Alters absolute Granaten. Der 30-jährige Bowmore war eine absolute Veilchenbombe, für Liebhaber von Achtzigerjahre-Bowmores (wie mich 🙂 ) ein Traum.

Nach dem Tasting ging es zurück an die Sharing tables – ein paar kleine Drams passten noch rein:

Laphroaig Cask Strength
Das war meine Mitbringflasche: der brandneue Laphi CS. Wieder mal Topstoff!
Bunnahabhain 2003 vW
Und hier Rafaels Mitbringsel: ein leckerer Bunna.
Clynelish 2010 JWC
Der Clynelish war zum Niederknien gut – wiederum trotz seines jungen Alters. Unglaublicher Stoff und sehr schade, kaum Abfüllungen von SCN in Europa auftauchen zu sehen.
Springbank 2011
Classic Campbeltown NAS CA
Blended Malt Scotch Whisky 2001 TWf
Kilchoman 2012
Speyside Region 1990 Arc
Sagenhaft guter, 28-jähriger Speysider von Archives. Samtigweich und vollfruchtig.

Tja, wie das immer so ist: auch am längsten Tisch der Welt lässt sich nicht beliebig viel konsumieren. Und so strich ich mit dem großartigen Speysider von Archives die Segel und begab mich in die Horizontale – am morgigen Tag stand schließlich auch noch Einiges auf unserem Programm …

Samstag

Nach wenig Schlaf, dafür aber viel Frühstück sollte unser Samstagsprogramm starten. Den gemeinschaftlichen „Retox“-Walk, bei dem in einem großen Spaziergang mit den meisten Maltstock-Besucher*innen in der Heidelandschaft ein erster Dram des Tages eingenommen wird, ließen Rafa und ich links liegen. Wir machten uns wie im Vorjahr auf zu einer ganz privaten Exkursion in die Natur, wo wir und gegenseitig je einen ganz besonderen Starter in die Gläser überhalfen:

Caperdonich 1974 IM
Ein schöner alter Caperdonich von Rafa …
Sailing Seagull NAS RW&W
… und ein Bowmore von Seb.
SO müsste jeder Tag beginnen …

Danach schauten wir nochmal in unsere Tagesplanung: das würde anstregend werden. An diesem Samstag standen viele so genannte Speed Tastings auf dem Programm, in die man sich (vorausgesetzt, man reihte sich früh genug in die Interessent*innenschlange ein und hatte etwas Glück) ganz nach Belieben einschreiben konnte. In jedem dieser Tastings sollten binnen 20 Minuten drei Drams vorgestellt und ausgeschenkt werden.

Das erste Tasting unserer Wahl sollte von 12.00 Uhr bis 12.20 Uhr das von Chichibu unter der Leitung von Yumi Yoshikawa sein. Grandios, was diese kleine japanische Destille so auf die Beine stellt. Verkostet wurde:

Cask Sample Grain, Cask #T332, sampled 3.9.2019, 59,4%

Cask Sample M&G Limited CS Blended Whisky, Cask #T440, sampled 3.9.2019, 57,3%

Cask Sample Ichiro’s Malt, Chichibu Single Malt 2009, 1st Fill American Oak Bourbon Barrel, Cask #430, 62,2%

Sensationell, das blutjunger Grain tatsächlich schmecken kann! Toll, das ein Blend mit mehr als 50% Grainanteil diesen gar nicht herausschmeckbar sauber integriert. Und beeindruckend, wie die Qualität des Chichibu Single Malt ausfällt – ein superleckerer Hausstil!

Wir schrieben uns direkt für das Folgetasting ein: von 12.40 Uhr bis 13.00 Uhr sollte Mark Watt weitere Schätze von Cadenheads präsentieren. Was er dann auch tat:

Tomintoul 2006 CA
Blended Scotch Whisky 38-year-old CA
Tormore 1988 CA

Der 38-jährige Sherry-Blend war der absolute Knaller, ein Megadram!

Die Wartezeit auf das nächste Tasting wurde überbrückt mit ein paar Sandwiches und einem superfeinen weiteren Japaner, der uns von einer guten Seele aus einer PVC-Flasche gereicht wurde:

Nicht mit Eistee zu verwechseln: der Whisky war deutlich besser 🙂

Die Erklärung dafür schien einleuchtend: der frequente Japanreisende füllte seinen Whisky gern derart um, um ihn als Softdrink frei von Steuerfragen preisoptimiert nach Hause bringen zu können. Oha. Aber ein feiner Dram!

Von 14.00 Uhr bis 14.20 Uhr saßen wir im Speed Tasting von Single Cask Nation und konnten nochmals bei Joshua Hatton & Jason Johnstone-Yellin naschen:

Ledaig 13-year-old JWC
Blended Malt 09-year-old JWC
Clynelish 1995 JWC

Den Ledaig kannten wir aus der gestrigen Masterclass, die beiden anderen Drams waren neu. Und gute Güte, der Blend war ein Traum von einem weich-fruchtigen Whisky. Und das mit nur neun Jahren Alter! Irgendwie fiel mir da ein Muster auf: junger Whisky, der dennoch extrem viel bietet, lief mir an diesem Wochenende überproportional häufig über den Weg.

Um 14.40 Uhr hatten wir erneut Glück und fanden uns bei Billy Abbott von The Whisky Exchange wieder:

Glen Moray 1990 TWA
WhistlePig 12-year-old
Kilchoman 2007

Alle drei Abfüllungen wurden anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von TWE abgefüllt. Der Glen Moray fegte mich so vom Hocker, dass dieser die „muss ich haben“-Flasche des Wochenendes für mich werden sollte. Der WhistlePig aus einem raren Amburana-Cask war einer der verrücktesten Whiskies, die ich je im Glas hatte: Zitronengras und Ingwer in der Nase, dazu Tonkabohne. Geiler Stoff – aber bei 200 € Flaschenpreis keinen Gedanken an eine solche Wert. Der Kilchoman rundete ein tolles Speed Tasting ab.

Unser Curriculum sollte noch um einen letzten Punkt erweitert werden: um 16.00 Uhr hatten wir das Riesenglück, bei Tasting Gordon & MacPhail (Steven Cameron) mitten in der Schlange die letzten beiden freien Plätze zu bekommen, während hinter uns weitere Interessent*innen in die Röhre schauen mussten.

Und meine Güte, kamen da Flaschen auf den Tisch:

Glenlivet 1938 GM

Cask Sample Highland Park 2005, Gordon & MacPhail, First Fill Bourbon Barrel, 56,6%

Cask Sample Caol Ila 1997, Gordon & MacPhail, First Fill Sherry Butt, 60,5%

Der uralte Glenlivet war einer der besten Drams dieses Wochenendes, geniale Tropenfrucht, viel Wachs in einer samtig-weichen Mundfülle. Und die beiden Cask Samples waren richtig feine, aus der Art geschlagene Bretter, die mal extravagante Ergebnisse bekannter Brennereien demonstrierten.

Puh, damit hatten wir dann in Summe doch ein ganz klein wenig mehr intus als an einem üblichen Samstag. Wir gönnten uns eine kleine Ruhepause, bevor es zum großen BBQ an die Essenstische ging.

Bei der Gelegenheit holte unser neuer Freund David ein zweites Cask Samples seines Großvaters aus der Tasche. Und so konnten wir zu einer guten Mahlzeit noch „Grandpa’s Sherry Cask Glenfarclas“ aus Cask #14 genießen.

Bis zum abschließenden Lagerfeuer um 21.00 Uhr passte dann auch kein Whisky mehr in uns hinein. Wir entspannten uns weiter in ein paar Gesprächen und einem kleinen Nickerchen.

Das Campfire selbst sollte dann wie im Vorjahr das absolute Highlight darstellen: moderiert von Mark Watt und Sam Simmons wurde eine fast dreistündige Comedy-Show begleitet von sieben Drams daraus.

Zog alle in seinen Bann: das Maltstock-Campfire als Abschlussevent.
Foto: © maltstock.com

Sam erzählte von seinem Scheitern beim Kreieren verschiedener Whiskies und präsentierte Drams, die aus verschiedenen rechtlichen Gründen nie den Weg in den Handel finden werden. Mark schöpfte aus dem reichhaltigen Cadenheads-Stock und brachte ein paar wohl ausgewählte Kracher zum Ausschank:

Highland Park 2003
Creations 1996 CA

Blended Spirit Drink, Atom Brands, 40-year-old (aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht)

North British 1985 CA

Highland Park 26-year-old, Atom Brands, Maple Syrup Octaves, <40,0% (aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht)

Benrinnes 1995 CA

Darkness 8-year-old, Atom Brands, 47,8% (wegen zu heller Farbgebung nicht veröffentlicht)

Und mit diesem Tasting sollte Maltstock für 2019 enden. David und ich buchten instantan eine der begehrten Blockhütte für 2020, während Rafa leider für ein Jahr wird terminbedingt aussetzen müssen.

Dann ging es in die Betten und nach einer Nacht totenähnlichen Schlafes traten wir am Sonntagmorgen die Rückreisen an. Ein Gedanke, der mir dabei über Stunden durch den Kopf ging, war die hohe Qualität bestimmter junger Drams. Vom neunjährigen Chichibu über den 12-jährigen Hazelburn zum siebenjährigen Paul John; vom neunjährigen Clynelish bis zum ebenfalls neunjährigen SCN-Blend: ich muss mal wieder mehr an die „Kleinen“ denken – junger Stoff aus besten Fässern ist das Probieren wert. Was umso erfreulicher ist, wenn wir an die steigenden Whiskypreise denken – junge Ausnahmeabfüllungen sind ein Segment, dem ich mich mehr widmen sollte.

Und damit kommen wir zum Ende: was für ein geniales Wochenende in den Niederlanden, was für tolle Leute vor Ort, was für hammerharte Tastings, was für eine Verpflegung, was für ein tolles Gesamterlebnis – Maltstock, wir sehen uns wieder!

Wohl an,
Seb

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