Öffentliche regulars-Tastings

Tasting „Standard bedeutet nicht Standard – meine Lieblings­whis­kies bis 50 €“

9. August 2019, im Wallhecken-Umwelt-Zentrum Ostfriesland in Leer

Moin ihr,
höher, schneller, weiter – wer die Liebe zum Whisky entdeckt, lockert mit der Zeit fast zwangsläufig seine Budgetlimits, um immer ältere, spannendere und seltenere Abfüllungen probieren zu können. Das beschert Liebhaber*innen zwar besondere Genüsse – lässt uns jedoch Gefahr laufen, irgendwann Whiskies in gemäßigten Preisbereichen als vermeintlich uninteressant zu ignorieren.

Dabei gibt es sie trotz des gewaltigen Whiskybooms der letzten Jahrzehnte auch heute noch: absolut fantastische Malts, die als dauerhaft erhältliche Standardabfüllungen jede Menge Genuss ins Glas bringen – und das zu Flaschenpreisen von unter 50 €.

Genau diesem hochinteressanten Thema haben wir uns im Wallhecken-Zentrum Ostfriesland in Leer in unserem August-Tasting am vergangenen Freitag zugewandt.

Als Referent führte Seb Bley durch den Abend. Nach mehr als 2.000 verkosteten Whiskies aller Couleur freute er sich, auf besondere Erlebnisse seiner Whiskygeschichte zurückblicken und ein Tasting mit sechs seiner ganz persönlichen Highlights unter den Standardabfüllungen bestücken zu können.

Zuerst ein Dank

Es gibt keinen schöneren Dank für die (nichtkommerziellen) Anstrengungen, die zweimonatlichen öffentlichen regulars-Tastings zu organisieren, als zwei Monate nach Ticketvorverkauf vor 25 gut gelaunten Gästen zu stehen, die vollzählig und voller Vorfreude auf einen Whiskyabend in gemütlicher Runde zusammenkommen. Genau das gelang am Freitag einmal mehr – Dank dafür allen Gästen!

In medias res

Nach ein paar einführenden Worten zu den Themenkreisen „Wie entwickelt sich das Probierverhalten, wenn man sich tiefer mit Whisky auseinandersetzt“ und „Preis- und Qualitätsentwicklung“ blieb eine erfreuliche Quintessenz: es gibt sie noch! Wirklich tolle Standardabfüllungen zu moderaten Preisen, die bis heute mit ihrer Qualität überzeugen. Das betrifft ein paar der wirklich großen, berühmten Abfüllungen. Und es gibt einige Abfüllungen aus weniger bekannten Destillerien, die nicht so im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit stehen und deshalb großartige Whiskyqualität zum erschwinglichen Preis bieten.

Und als erster Dram dieser Gattung floss sodann die 10-jährige Standardabfüllung aus dem Hause Benromach in die Gläser.

Benromach 10-year-old

Eine sagenhaft süß-fruchtige Nase lud das Publikum ein, sich diesem ersten Whisky des Abends zu nähern. Das erste Probieren geriert zur großen Überraschung: war die Nase sehr süßlich, so brachte der Benromach am Gaumen eine starke Eichenwürze und deutlich dumpfere Töne aufs Tapet. Ein janusköpfiger, sehr leckerer Dram, der gleich zu Beginn das Motto des Abends „Standard bedeutet nicht Standard“ eindrucksvoll untermauerte.

Die zweite Abfüllung des Abends war der zehnjährige Ben Nevis. Leider mittlerweile nur noch selten zu bekommen, da der japanische Mutterkonzern Nikka, zu dem Ben Nevis gehört, sehr viel der Bestände ins asiatische Heimatland abzieht.

Ben Nevis 10-year-old

Das Tastingpublikum hatte jedoch das Glück, sich an dem lakritzig-würzigen, vielschichtigen Dram alten Stils erfreuen zu können. Was für eine Menge Eichenfracht bei nur zehn Jahren Reifung, was für eine getreidige Geschmackstiefe! Wie Seb scherzte, war der Ben Nevis zweifellos geeignet, ein gesamtes Corn-Flakes-Frühstück ersetzen zu können.

Genusswert und Ausgefallenheit der vermeintlichen „Standards“ überzeugten die Gäste beim Tastingabend im Wallhecken-Umwelt-Zentrum Ostfriesland.

Ein gänzlich anders ausgeprägter Whisky sollte als Dram Nummer Drei folgen: der zwölfjährige Kilkerran. Die ursprünglich 1872 gegründete Destillerie Glengyle in Campbeltown wurde vor langer Zeit geschlossen und erst 2004 wiederbelebt. Seit Ende 2016 ist nun der zwölfjährige Standard namens Kilkerran erhältlich – und im Glas eine wahre Wucht:

Kilkerran 12-year-old

Deutlicher Rauch und eine kreidig-mineralische Kopfnote fassten einen blitzsauberen Spirit ein, der frisch wie der junge Morgen zu überzeugen vermochte. Lecker!

Zeit für eine Pause

Nach dem Leeren der Gläser ward auch schon die Halbzeit erreicht: eine viertelstündige Pause bot Raum für Gespräche und Luftschnappen, bevor der zweite Teil des Abends mit drei weiteren Abfüllungen beginnen sollte.

Und dieser zweite Teil sollte ausschließlich mit rauchigen bis sehr rauchigen Whiskies besetzt sein.

Den Auftakt bildete der zehnjährige Talisker – ein solider, dauerhaft erhältlicher Standard von der Insel Skye.

Talisker 10-year-old

Weithin bekannt und bebliebt ist dieser Whisky ob seines „Chili catch“, der scharfen Talisker-eigenen Note, die auch das Tastingpublikum erwischte.

Kontext zu den einzelnen Whiskies wurde in Form ausgefallener Verkostungsnotizen geboten, welche vorgetragen und mit den eigenen Geschmackseindrücken der Gäste abgeglichen wurden.

Der fünfte Whisky des Abends sollte ein Klassiker der Insel Islay sein: der zwölfjährige Bowmore.

Bowmore 12-year-old

Deutlicher Rauch und sein lavendelartiger, ganz Bowmore-spezifischer Charakter machten den Dram aus Sicht von Referent Seb zu einem immer wieder empfehlenswerten Tropfen.

Beim letzten Whisky im Lineup handelte es sich um einen weiteren Islay-Klassiker: den Lagavulin 16.

Lagavulin 16-year-old

Nochmals mehr Rauch als in den vorherigen Drams, dazu eine Feinheit, die durch die längere Reifezeit begeisterte – und das in einer Abfüllung, die unterhalb der 50-€-Grenze dauerhaft verfügbar ist. Der Whisky erntete mit seiner Melange aus Rauch und seinem breitbandigen Wechselspiel aus sanft fruchtigen Noten und einem Aromenboden aus Eichenholz großen Gefallen.

Schade in den Augen aller, dass damit ein weiterer Tastingabend sein Ende gefunden zu haben schien. Doch Seb wusste zu trösten – und präsentierte zum guten Schluss noch einen Bonusdram, der dem Abend ein gewaltiges Ausrufezeichen anhängen sollte: den Laphroaig 10 in Fassstärke.

Laphroaig Cask Strength

Mit diesem Whisky wurde mit dem Rubrum des Abends,„Standardabfüllung bis 50 €“, eindeutig gebrochen. War der Cask-Strength-Laphroaig doch nur einmal jährlich erhältlich und meist sehr schnell ausverkauft. Und lag er preislich zwar vor einigen Jahren noch unter der 50-€-Marke, mittlerweile jedoch (wenn überhaupt erhältlich) deutlich darüber.

Diese inhaltliche Unschärfe übersahen die Gäste nur allzu gern geflissentlich – denn mit seinen 58,1% Vol. und seiner phenolischen Rauchdurchschlagskraft setzte dieser Whisky alles Vorangegangene (zumindest in Sachen Intensität) weit zurück.

Bestens beschrieben wird dieser Whisky in der folgenden Verkostungsnotiz, die uns im Tasting viel Spaß beim Nachspüren bereitete:

Was für ein Stoff! Der beste Laphroaig 10y CS seit Jahren. Ein ziemlich kompletter Malt der alles hat, was man von einem Dram erwartet und an Laphroaig so liebt. […] hier meint man […], Sherryfässer dabei zu spüren, auch wenn es bekanntermaßen ausschließlich Bourbonfässer sind. […] Tolle Fassauswahl! Im Laphroaig Bowling Turnier vor ein paar Tagen hat er jedenfalls alles andere weggehauen, und da war auch ein Cairdaes von 2008 oder 2009 dabei.

Geruch
Bam, phenols in ya face! Volle Dröhnung Rauch sofort, absolut Laphi-Style. Bereits nach ein paar Momenten wird er gesetzter und reifer, der Rauch nimmt jetzt ein Profil an, das zu gleichen Teilen Krankenhaus, Lagerfeuer und Kohlenfeuerung im Winter entspricht. Wenn der Wind gut steht und der Rauch der Port Ellen Maltings nach unten gedrückt wird, dann riecht ganz Port Ellen so. Darunter liegt dunkles, sattes Karamell und honeyed Barbecue, auch ein wenig Jod und Granitstaub. Was für eine Dichte! Wärme steigert die Intensität nochmals, noch mehr Barbecue, etwas Desinfektionsmittel und eine Idee Zitrone, dazu wie gehabt Salzkaramell und nochmals Barbecue. Wird noch mineralischer. Hatte ich eigentlich schon Barbecue erwähnt? 

Geschmack
Voll, satt, süß, kräftiger Antritt, Eiche gleich vorne mit dabei, flüssiges Blockmalz und Salzkaramell, dazu nach hinten auch etwas weißer Pfeffer und eine Idee Menthol. 

Abgang
Laaang ist er. Zunächst herb von der Eiche, das reduziert sich aber mit der Zeit und er wird auch im Abgang aschig, salzig  süß. Klebt ewig im Mund das Zeug! 

© rottendon, whiskybase.com

Und mit diesem besonderen Erlebnis kam der Tastingabend dann tatsächlich fast an sein Ende.

Standard bedeutet nicht Standard? Schluss bedeutet nicht Schluss!

Wäre da nicht die obligatorische „Post Show“ gewesen: in gemütlicher Runde ließ ein Teil der Gäste den Abend noch länger in Gesprächen ausklingen … und wer den Laphi CS mit Baguette und Knedewaffeln erfolgreich neutralisiert hatte, konnte bei Interesse aus drei weiteren Drams wählen, um das Beisammensein auch geschmacklich bis zuletzt auszukosten.

Kurz nach 23 Uhr schloss dann das WUZ seine Tore – um am 11. Oktober erneut für 25 Gäste Austragungsort eines weiteren öffentlichen regulars-Tastings zu sein.

Bis dahin sagen wir allen Besucher*innen vielmals Dank für den wunderbaren Abend!
Seb & die regulars

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