Wissen & Meinungsbeiträge

Wie viele deutsche Whiskies muss ich trinken, bevor …

12. Mai 2019, Ein Gastbeitrag von Nils

Ganz in Anlehnung an Dylans berühmten Song

How many roads must a man walk down, before you call him a man?

frage ich mich, wieviele deutsche Whiskys ich trinken muss, bevor man mir erlaubt, eine negative Meinung dazu zu haben.

Der Hintergrund

Neulich, auf der Whiskymesse: es ist früh und die Messe noch nicht überfüllt. Mein Blick schweift bei einem Händler/Whiskydealer/Importeur über das Angebot und mein Blick bleibt an einer First-fill-ex-Bourbon-Hogshead-Single-Malt-Abfüllung aus einer von mir geschätzten Speyside-Destillerie hängen. Ich erbitte einen wee Dram, bezahle, rieche, verkoste, genieße. Wir kommen ins Gespräch … wir fachsimpeln … alles gut.

Als das Glas geleert ist, bietet mir der Händler einen Schluck eines deutschen Whiskys an, den er vertreibt: „Wenn Du den Speysider magst, dann ist dieser deutsche Whisky genau das Richtige für Dich!“ Ich lehne dankend ab. Er insistiert: „Probier’ doch mal!“ Ich erkläre, dass ich nur begrenzt Whiskys auf einer Messe verkosten kann, und der nicht zu denen gehört, die ich verkosten möchte. Doch damit komme ich nicht durch: „Geht aufs Haus!“ Ich frage mich, ob ich so aussehe, als ob ich meinen Whisky nicht bezahlen kann, entscheide mich dann doch dagegen, dies zu vertiefen und bemerke, dass ich aufgrund schlechter Erfahrung mit anderen deutschen Whiskys diese Abfüllung lieber nicht probieren möchte. Dann kommt’s: „Du hast Vorurteile! Ohne probiert zu haben, kannst Du keine Meinung dazu haben“.

Der Punkt geht an ihn, er hat mich, zumindest seiner Meinung nach, vollständig ausmanövriert und diskussionstechnisch ins Abseits gestellt. Jetzt muss ich doch probieren! Als ich es dennoch nicht mache, mein Glas für den geschenkten Dram nicht hergebe, mich verabschiede und mich mit einem gequälten Lächeln ab- und einem anderen Stand zuwende, ist es wieder passiert: er hat einen Kunden nicht überzeugen können, weil der verstockt und beratungsresistent an seinen Vorurteilen festhält – und ich fühle mich schlecht, weil ich so unhöflich war, eine durchaus freundliche Einladung auszuschlagen … sowas lässt mich nie kalt, egal wie cool ich tue.

„Wenn du DAS HIER nicht probiert hast, kannst du doch gar nicht mitreden, Junge!“ (Symbolbild).
Foto (unverändert): Gian Franco Costa Albertini, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Ein paar Gedanken dazu.

„Du hast Vorurteile!“ … wenn Du einen Whisky nicht verkosten willst, weil Du der Meinung bist, dass er Dir nicht schmecken wird. Ja, stimmt. Ich habe Vorurteile. Vorurteile sind für mich, entgegen der landläufigen Meinung, nichts Schlechtes an sich. Vorurteile, also Urteile bevor etwas passiert, haben wir alle, brauchen wir alle, denn sie ermöglichen uns, Entscheidungen aufgrund unseres bestehenden Erfahrungsschatzes zu treffen. Wir beurteilen aufgrund unseres mehr oder minder fundierten Vor-Wissens, wie wir uns entscheiden sollen. Vorurteile sind nur dann problematisch, wenn man sich ihre Existenz und ihre Herkunft – und auch ihre empirische Basis – nicht klar macht.

Wie viele Vorurteile habe ich denn nun, auf deutschen Whisky bezogen? Meine private Datenbank zu allen getrunkenen/verkosteten Whiskys hilft mir da enorm weiter: 69 verschiedene Abfüllungen deutscher Whiskys habe ich bislang probiert, davon 5 blind. 62 dieser Abfüllungen haben in meinem persönlichen Ranking weniger als 80/100 Punkte, 51 sogar weniger als 70, immerhin 12 weniger als 60. Nur einer hat mehr als 85 Punkte. Zugegeben, der hat es auf 88 Punkte gebracht und ich habe ihn blind verkostet. Es war übrigens ein Glen Els. Das könnte auf meine Vorurteile hindeuten, denn hätte ich ihn so hoch bewertet, wenn ich gewusst hätte, dass es ein deutscher Whisky ist? Vielleicht nicht.

Trotzdem, das Etikett bewertet man immer mit, wenn man es kennt. Das geht mir bei schottischen, irischen oder japanischen Whiskys nicht anders – ein „Glen Flagler“ auf dem Etikett weckt bei mir andere Erwartungen als ein Karuizawa oder Glenmorangie. Aber darf ich einfach so ein ganzes Land abschreiben? Deutsche Whiskys generell für unterdurchschnittlich (verglichen mit schottischen, irischen oder japanischen) halten? Nun, meine persönliche subjektive Meinung bleibt meine persönliche subjektive Meinung – so weit, so gut. Dennoch bleibt die Frage: kann ich mir eine fundierte Meinung über deutsche Whiskys erlauben, auch wenn ich nicht mehr als 70 von wahrscheinlich mittlerweile weit mehr als 1.000 verschiedenen deutschen Whiskyabfüllungen verkostet habe? Ich meine: ja!

Lasst es mich aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Wie oft muss ich saure Nieren probieren, bevor ich ohne schief angeschaut zu werden sagen darf: „Ich mag keine sauren Nieren, sie schmecken mir nicht, verglichen mit anderen Fleischrezepten finde ich sie weit unterdurchschnittlich schmackhaft.“ Dabei habe ich hunderte saure Nieren-Varianten von irgendwelchen Spitzenköchen gar nicht probiert, sondern nur eine zufällige Auswahl von zwei deutschen, einem französischen und einem englischen Koch (die von dem Engländer war übrigens die noch am wenigsten ungenießbare). Es geht mir mit den meisten Innereispeisen ähnlich: „it’s not my cup of tea“, wie der Engländer sagt. Ich lehne Innereien grundsätzlich ab, auch wenn ich anderen Fleischgerichten gegenüber sehr aufgeschlossen bin. Bin ich also kein echter Karnivore, weil ich keine Innereien esse?

Bin ich kein Whiskyliebhaber, kein Whiskyconnaisseur, weil ich deutschen Whisky aufgrund meiner bisherigen Erfahrung ablehne?

Ich möchte sicher nicht alle über einen Kamm scheren. Ich kann durchaus anerkennen, dass es die Brennerei „Blaue Maus“ lange vor dem Whiskyboom gab, dass bei Glen Els zumindest ein hervorragender Whisky produziert wird, dass in Bayern (und mittlerweile nicht nur dort) eine echte Pot-Still-Destille steht, die Whisky wie in Schottland brennt und nicht nur einen Rectifier an eine Obstbrennblase anschließt, dass es auch in Deutschland Brenner mit echter Hingabe zum Whisky gibt. Dennoch bleiben das für mich Ausnahmen. Die Masse an regionalen deutschen Whiskyproduzenten sehe ich persönlich als dem Whiskyboom folgende Schnapsbrenner, die gemerkt haben, dass sie ihr Produkt für das Zigfache verkaufen können, wenn nur „Whisky“ draufsteht.

Es gibt mittlerweile jährlich so viele neue Abfüllungen, dass niemand mehr auch nur die Hälfte davon wirklich verkosten kann (und schon gar nicht so ein Whiskybibelgott, der es wacker versucht). Wenn ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen die Meinung habe, dass ich bei bestimmten Regionen und Destillerien mehr Chancen habe, für mich Perlen zu finden als bei anderen, dann finde ich es logisch, mehr von jenen und weniger von diesen zu probieren. Und den anderen nur hin und wieder mal zu verkosten, nur um neue (Vor-)urteile zu sammeln.

Warum aber polarisiert deutscher Whisky so sehr?

Es mag viele Gründe geben, aber einer ist für mich sicher der, dass kein Whiskyverkäufer mir schottische und japanische Whiskys derart penetrant aufzuschwatzen versucht, wie deutsche Whiskyverkäufer deutschen Whisky in Deutschland. Wenn ich einem Whiskyverkäufer sage, Bourbon mag ich nicht so gern (es gibt sicher Ausnahmen), ich mag lieber Scotch, dann diskutiert meiner Erfahrung nach kein Whiskyverkäufer mit mir, sondern bietet mir Scotch an. Nur bei der Bewerbung von deutschem Whisky wird mir suggeriert, mit meiner Haltung, meiner „Kennerschaft“ oder meinem Geschmack stimme etwas nicht, wenn ich dies ablehne. Doch warum ist das so? Lokalpatriotismus? Weil deutscher Whisky „neu“ ist und deswegen aggressiv beworben wird? Kontraproduktive Erfahrungen der Whiskyverkäufer? Ich bleibe letztlich ziemlich ratlos zurück ob solcher wie oben beschriebenen Erfahrungen.

Mit besten Grüßen
Nils

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