Wissen & Meinungsbeiträge

Der Dachbodenfund, Teil 1

7. April 2019, Von einer E-Mail, einer Flasche Whisky und einem Stein, der ins Rollen kam.

Moin ihr,
ist man in den großen Whiskyforen aktiv, begegnet einem ein Muster unangenehmerweise immer wieder: eine neue Benutzer*in registriert sich, stellt sich nicht (wie in den Foren üblich) vor, sondern postet genau einen Beitrag mit einem Titel wie „Kellerfund: was tun?“ oder „Beim Renovieren alten Whisky entdeckt: was ist der Wert?“.

Wann immer ich auf solch einen Beitrag stoße, lächele ich mittlerweile nur noch müde und lese ihn höchst selten. Denn in 99 % der Fälle steckt dahinter dasselbe Muster: jemand Whiskyunkundiges ist auf eine alte Flasche Whisky gestoßen und versucht nun mit pochendem Herzen herauszufinden, was diese denn genau Wert ist und wieviel Geld sich damit machen lässt. So mancher wähnt intuitiv einen einmaligen Sensationsfund in Händen und sieht sich gedanklich schon fröhlich im Porsche-Konfigurator herumklicken, wenn der alte Schatz zu Geld gemacht ist.

Wunsch vs. Wirklichkeit

Tatsächlich ist die Wahrheit hinter den meisten Funden ernüchternd: in den Sechzigern und Siebzigern gab es in Deutschland wenig, ja sehr wenig wirklich guten Whisky. Mithin ist das, was beim Aufräumen, Umräumen, Renovieren oder Durchstöbern eines Nachlasses in die Hände der Finder fällt, nur allzuoft so etwas wie ein simpler Standard-Blend wie etwa ein Johnnie Walker Red Label oder ein Vat 69. Was die grußlos und hektisch in eines der Whiskyforen gestellte Frage nach dem Wert angeht, so wird die Antwort von erfahrenen (und in Sachen Kellerfundsensation!!!-Anfragen leidgeprüften) Whiskygenießer*innen oft sehr nonchalant dazu genutzt, die vom Geldregen Träumenden hart auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Ist so eine alte Flasche Johnnie oder Vat tatsächlich auch nicht von großem Wert. Kommt ein schlechter Zustand hinzu (nicht stehend gelagert, also wahrscheinlicher Korkschaden; durch brüchigen Korken schlechter Füllstand oder gar geöffnet und angetrunken), ist der Wert gleich null. Mag (von einem guten Zustand ausgehend) vielleicht jemand geneigt sein, 50 € dafür auszugeben, ist das schon viel. Der gute Rat in den Foren lautet deshalb meist: „Öffne sie, probiere sie, genieße sie. Reich wirst du damit nicht.“

18. Februar 2019 – Hier nun beginnt unsere Geschichte

Am 16. 2. berichtete die lokale Tageszeitung über uns regulars. Heute, zwei Tage darauf, erreichte mich eine E-Mail, in welcher uns ein Zeitungsleser wissen lies:

Hallo liebe Whiskyfreunde,
ich habe eine Flasche Whisky, mit folgender Aufschrift. […]

25 Jahre gelagert, kein Datum auf der Flasche. Würde die Flasche eventuell auch verkaufen. Bei Interesse können sie mich auch anrufen. 0491/xxxxxxx Die Flasche habe ich in den siebziger Jahren geschenkt bekommen, zu der Zeit hatte sie aber schon 25 Jahre gelagert
MFG Dietmar W.

Dietmar W.

Meine Erfahrungen mit solchen Funden im Hinterkopf zog ich beim Überfliegen der Zeilen die Augenbrauen hoch und überlegte, dem Absender ein lapidares „Sorry, die ist leider nicht von Wert, probiere sie doch und erfreue dich daran“ mit ein, zwei Links zu ähnlichen Funden und deren enttäuschenden Werteinschätzungen zukommen zu lassen.

Doch dann blieben meine Augen glücklicherweise doch noch an der in Versalien getippten Wiedergabe der Flaschenaufschrift hängen:

MALT SCOTCH WHISKY Eagelsome Ltd
REFORM SQUARE CAMPBELTOW SCOTLAND:

Dietmar W.

Campeltow? Damit musste gleichnamige Ort in der Whiskyregion Campbeltown gemeint sein. Heimat unter anderem von Springbank, einer Brennerei von legendärem Ruf. Hmm. Mein Interesse wuchs.

Die genannte Eagelsome Ltd bzw. Eaglesome Ltd. war mir kein Begriff. Ich begann, danach zu recherchieren und stieß schnell auf Folgendes:

Eaglesome was a deli and store operating in Campbeltown’s Reform Square. Up until its purchase by J&A Mitchell in the 1960s, it had no real focus on alcohol. Its new owner – which had operated Springbank distillery since 1897 – used Eaglesome as a means of importing cheaper coal for use at its nearby distillery, although it also transformed the business into more of a whisky specialist and independent bottler.

As well as bottling a range of blends, such as Campbeltown Loch and Eaglesome Blended, Eaglesome produced the Burnside single malt using whisky from Springbank – not to be confused with the Burnside Speyside blended malt.

Scotchwhisky.com

Oha, sieh an. Eaglesome war ein Feinkostgeschäft, welches in den 1960ern von den Betreibern der Springbank Distillery übernommen und zu einem Whiskyspezialisten und unabhängigen Abfüller umgebaut wurde. Eaglesome gehörte zu Springbank. Und Eaglesome produzierte einen Single Malt namens „Burnside“, der aus Whisky von Springbank selbst bestand.

Was für ein Whisky war da aufgetaucht?

Wenn das „in den Siebziger Jahren bekommen, zu der Zeit hatte sie aber schon 25 Jahre gelagert“ in der E-Mail stimmte, würde es sich um eine Abfüllung von irgendwann zwischen 1945 bis 1954 handeln, was nicht zu der Tatsache, dass Eaglesome in den 1960ern erst von Springbank übernommen und zum unabhängigen Abfüller umgebaut wurde, passte. Aber mein Interesse war nun voll geweckt.

Ich schrieb dem Flascheneigner eine E-Mail:

Moin Dietmar,
lieben Dank für das Angebot!

Zwei Fragen dazu:
a) ist die Flasche aufrecht stehend gelagert worden?
b) könntest du ein, zwei Fotos davon machen und und mailen?

Gern recherchieren wir danach und schauen, welche Geschichte und auch welchen Wert die Flasche hat.

Wohl an,
Seb

Nach dem Versenden dieser Mail fiel mir (ich schwöre, das ist kein erzählerisch-stilistisches Mittel, um die Geschichte spannender aufzubauen, sondern Tatsache 🙂 ) der Betreff der Mail von Dietmar ins Auge: „Dunaverty“.

Dann-ah-wörr-ti.

Noch ein Stichwort, um weiter zu recherchieren. Sollte das der Name des Whiskies sein, so war dieser benannt nach einer (nahe Campbeltown gelegenen) Burgruine namens „Dunaverty Castle“. Ein Blick in die Whiskybase zeigte drei unter diesem Namen existierende Abfüllungen:

Dunaverty 05-year-old
Dunaverty 08-year-old
Dunaverty 12-year-old

Alle drei schienen höchst selten zu sein: wenig Whiskybase-Benutzer, die diese Flaschen in ihren Sammlungen führten, kaum Bewertungen.

Ich suchte weiter: laut der Auktionshistorie von WhiskyAuction.com war dort noch nie ein Dunaverty gehandelt worden.

Ein befreundeter langjähriger Whiskysammler mit großer Erfahrung in alten Abfüllungen blies ebenfalls ratlos die Backen auf, empfahl jedoch eine für alte Flaschen manchmal geniale Datenquelle namens ‚Whisky Paradise‘ zu konsultieren. Diese lieferte gleich der Whiskybase nur dieselben drei bekannten Abfüllungen als Suchergebnis.

Das waren alles Indizien, die für die Rarität dieser 25-jährigen Flasche sprachen.

Ein weiteres Puzzlestück

Dann war natürlich noch geboten, bei Whiskyverkostungsmaschine Serge Valentin vorbeizuschauen –  der Mann hatte bereits mehr als 14.000 Whiskies verkostet und in seinem Blog beschrieben – darunter extrem viele Raritäten. Und siehe da: die zwölfjährige Abfüllung des Dunaverty hatte Serge tatsächlich verkostet und mit satten 91 Punkten bewertet (persönliche Anmerkung: ich gebe nichts auf Punkte und Sternchen, aber in diesem Kontext gefiel mir natürlich, was ich sah 😉 ). Spannend war zudem, dass Serge die Abfüllung in seinem Blog nicht unter „Undisclosed/Vatted malts“, also „nicht genannte [Brennereinamen] oder geblendete Malts“ rubriziert hatte, sondern den Dunaverty direkt der Springbank Distillery zugeordnet hatte und ihn in seiner Verkostungsnotiz ganz direkt als „single Springbank“ bezeichnete.

Ein Königreich für ein Foto!

Ich war blitzgespannt auf das bei Dietmar angefragte Foto und fragte mich, um welche der drei Abfüllungen es sich bei seiner Flasche wohl handeln würde. Doch nicht etwa um den 12-jährigen, oder?

Noch am selben Nachmittag erreichte mich dann die Antwort von Dietmar in Form lediglich einer Zeile Text …

Hallo, Flasche wurde aufrecht gelagert. MLG. Dietmar W.

… sowie des ersehnten Fotos:

Foto: © Dietmar W.

Oha. Was war denn das? Eine Altersangabe von > 25 Jahren? Ich durchstöberte das Web von links nach rechts, konnte jedoch nichts, rein gar nichts zu dieser Abfüllung finden.

Na das wurde ja mal richtig interessant

Der Hinweis „[…] bottled […] for the 25th birthday of Constructa“ unten auf dem Etikett wies darauf hin, dass es sich um eine Sonderabfüllung für den Münchener Haushalts-Großgerätehersteller handeln musste.

„Dieser Whisky wurde speziell ausgewählt und abgefüllt in Schottland anlässlich des 25. Geburtstags von Constructa“ – so das Etikett.
Foto: © Dietmar W.

Einfacher könnte die Altersbestimmung wohl nicht sein: Constructa wurde 1951 gegründet, da waren sich die Firmenchronik und die Wikipedia einig. Die augenscheinlich mit Bleistift auf dem Etikett vermerkte Zahl „1975“ passte also fast: 1976 feierte Constructa sein 25-jähriges Bestehen, demnach sollte die Flasche mutmaßlich in diesem Jahr auch abgefüllt worden sein.

Moment. 1976? < 25 Jahre alt? Das wäre also Destillat von 1951 oder vorher, auf welches ich via Foto in der unscheinbaren Grünglasflasche blickte. Und das *könnte* ggf. sogar anteilig oder komplett Springbank sein? Oha. Oha oha.

Zeit für ein Gespräch

Ich nahm nun das in der ersten E-Mail von Dietmar gemachte Angebot wahr und rief ihn an, um ihm in Aussicht zu stellen, dass ich etwas über den Whisky in Erfahrung gebracht habe und mich gern mit ihm treffen würde, um mein Wissen mit ihm zu teilen. Er freute sich über die kurzfristige Reaktion und so setzten wir uns noch am selben Abend dieses 18. Februar 2019 zusammen.

Was sagten die Besitzer?

Die Geschichte des Besitzes der Flasche teilten dann Dietmar und seine Frau mit mir: zwei Versionen der Geschichte hatten die beiden vor Augen:

a) die Flasche gelangte in den 1970er Jahren über einen befreundeten US-Soldaten als Geschenk in die Hände des Onkels von Dietmars Frau, welcher zu dieser Zeit ein Elektrofachgeschäft betrieb. Der Soldat fand den Constructa-Zusammenhang auf dem Zusammenhang wohl witzig genug, um dem Haushaltsgeräte verkaufenden Onkel dieses Geschenk zu bereiten.

b) der seit 1970 mit seinem Elektrofachgeschäft selbstständige Onkel von Dietmars Frau erhielt die Flasche schlichterdings von Constructa selbst im Jahre 1976 als Jubiläumsgeschenk.

Beide Varianten münden in jedem Fall darin, dass der besagte Onkel die Flasche schlicht aufhob, bis er sie irgendwann an den Vater von Dietmars Frau weiterverschenkte. Dieser hatte ebenfalls nichts für Whisky übrig, mithin kein Interesse an der Flasche und verschenkte sie weiter an Dietmar. Und so landete der Dunaverty in den frühen 1980er Jahren bei ihm und seiner Frau.

Dietmar trank zwar ab und an einen Cognac, wollte diese besondere Flasche jedoch nicht „mal eben so“ öffnen, sondern beließ sie für eine „besondere Gelegenheit“ in der Kellerbar. Diese Gelegenheit sollte die eigene silberne Hochzeit sein. Doch da verreisten er und seine Frau und *schwups* haben die beiden heute schon ihre goldene Hochzeit hinter sich gelassen – ohne die Flasche bis dato angetastet zu haben.

Durch den Zeitungsartikel über uns regulars als lokale Whiskyrunde kam den beiden die Flasche in Erinnerung und die Idee wuchs, darüber etwas zu erfahren und die Flasche ggf. weiterzureichen. Das also war die Vorgeschichte zur initialen E-Mail von Dietmar.

Ein Blick auf die Flasche

Ich teilte nun im Gegenzug mein bisheriges Wissen mit den beiden, konnte die Flasche in Augenschein nehmen und fügte meinen Erkenntnissen die Tatsache hinzu, dass es sich wie vermutbar um einen „Schrauber“, eine Flasche mit Schraubverschluss und Wachsversiegelung handelte. Der Füllstand war perfekt, die Lagerung in all den Jahren war der Flasche absolut großartig bekommen. Sie trug kein Rückenetikett, mithin keine Angaben über den Alkoholgehalt oder die Flaschengröße. Immerhin: dass es sich um „0,7 l“ statt der UK-üblichen 750 oder 757 ml handelte, war auf der Unterseite erhaben ins Glas gegossen.

Die Banderole im oberen Bereich enthielt die Worte „100% Pure Malt“, verwies also de facto auf einen potenziellen Blend, da sie keinen Single Malt auswies. Immerhin: „Pure Malt“ hieß, dass kein Grain enthalten war. Hmm, kein Single Malt? Das schmälerte meine Hoffnungen über den Inhalt wieder ein wenig.

Die nun im Raum stehende Frage meiner beiden Gastgeber war: „was tun mit der Flasche“?

Ein paar gut gemeinte Ratschläge

Mein erster Rat an Dietmar und seine Frau: „in solch einer Situation sollte niemand auf nur eine einzige Stimme hören – auch nicht auf meine. Sucht Euch jemand unabhängigen, zweiten Whiskyversierten und lasst Euch bei Verkaufsinteresse ein zweites Angebot machen.“

Ich kannte die seltenen Fälle, in denen der Dachbodenfund nicht aus 08/15-Blends ohne Wert bestand, nur zu genau. Feierten sich hier und da doch andere Whiskyverrückte, Nachfahren ihrer Nachbarn oder ältere Leute ohne Ahnung vom Fach für wenige Euro um vermeintlich wertlose Flaschen von hohem Wert erleichert zu haben, die sie dann für dickes Geld weiterveräußerten oder mit ähnlichem Gewinn einer Flaschenteilung zukommen ließen. Diese Fälle waren selten, aber es gab sie.

Meiner Ansicht nach hatten die Zwei vier Optionen

  • Die Flasche stehen lassen. Sie hatte die beiden seit Jahrzehnten begleitet und war exzellent gelagert. Sie würde nicht an Wert verlieren und schlicht ein zeitgeschichtlicher Gegenstand im Leben der beiden bleiben.

  • Die Flasche öffnen und trinken. Ganz einfach. Die Zwei hatten kein Geld dafür bezahlt, mithin wäre die Gelegenheit, evtl. großartigen Stoff aus alter Zeit zu probieren, finanziell kein Verlust, sondern die pure Versuchung ohne Reue.

  • Die Flasche an mich verkaufen. Ich würde 300 € dafür bieten. Ein nackter Schätzpreis, bei dem mich der tatsächliche Wert nicht interessieren sollte. 300 € deshalb, da ich die Flasche für den Preis ohne nachzudenken öffnen und im Rahmen eines Raritätentastings mit möglichst vielen weiteren Whiskybegeisterten seiner einzigen Bestimmung – dem Genuss – zuführen würde.

  • Die Flasche in eine Auktion geben. Ebenfalls geschätzt in der Spanne von „es ist wohl ein Blend, es könnte Springbank darin sein, muss aber nicht“ bis „es könnte ein Springbank Single Malt sein“ tippte ich, dass eine Auktion irgendwas zwischen 150 € im keiner-nimmt-sie-wahr-Fall und vllt. 1.500 € im zwei-spezialisierte-Sammler-entdecken-bewerten-und-prügeln-sich-darum-Fall bringen würde. Minus plattform- und ergebnisbedingt irgendwas zwischen 17,5 und 30 % an Gebühren. Sowie bei einem Erlös von 600 € oder mehr ggf. abzüglich Steuern.

Da saßen Dietmar und seine Frau nun und überlegten: selber trinken fiel aus. Beide waren keine Whiskyliebhaber, andernfalls wäre die Flasche schon vor Jahrzehnten entkorkt worden. Stehen lassen hingegen wäre natürlich eine valide Option – wobei das fast zum Inventar gewordene Stück eigentlich auch gut aus warmer Hand das Haus verlassen dürfe.

Blieben die zwei Verkaufsoptionen – gleich einer Wette

300 € auf die Hand und die Gewissheit, dass die Flasche nicht im Tresor eines Sammlers am anderen Ende der Welt verschwinden würde, sondern hier in Leer geöffnet, genossen und damit ihr Dasein als Genussmittel zur Erfüllung gelangen würde? Oder die Aussicht auf einen Auktionserlös irgendwo zwischen gut 100 € und 1.250 € (ggf. abzüglich Steuern) setzen und hoffen, die sicheren 300 € von mir zu knacken?

Ich riet nochmal dazu, in jedem Fall eine zweite Meinung einzuholen und keine Entscheidung aus dem Bauch zu treffen – nach so vielen Jahren mit der Flasche war ja nun wahrlich keine Eile geboten.

19. Februar 2019 – Der nächste Tag

Am folgenden Tag ging ich nochmal alle Daten und Fakten durch, die ich zusammengesammelt hatte. Ich studierte die Fotos der drei anderen, bekannten Dunaverty-Abfüllungen nochmals genau. Und bewertete die Lage für mich neu.

Trugen doch alle drei Dunaverties nur den Hinweis „100% Pure Malt“ ohne sich als Single Malt zu outen – was laut Serge Valentin beim 12-jährigen definitiv der Fall sein sollte. Dunaverty wurde weiter von Eaglesome, einer hundertprozentigen Springbank-Tochter abgefüllt. Es lag doch nahe, dass hier Bestände der eigenen Destille abgefüllt wurden. Standen die Chancen auf einen echten, alten undisclosed Springer von 1951 oder früher doch nicht so schlecht, wie ich zuletzt gedacht hatte?

Alle Fragen, die durch meinen Kopf schwirrten, nach dem tatsächlichen Inhalt zwischen Blend und Springbank Single Malt, nach der Anzahl der damals abgefüllten Flaschen usw. ließen mich nicht los.

Bei einer nochmaligen Netzrecherche fiel mir schließlich eine weitere Quelle in die Hände – die verrückterweise nur wenige Kilometer von meiner eigenen Haustür entfernt lag: Scoma, der in Jever beheimatete erste Whiskyversandhandel Deutschlands, schreibt in seiner Firmenchronik:

Bereits in Gießen erfolgten Ende 1974 erste Importe direkt aus Schottland – von der SPRINGBANK Brennerei, die uns aber den Malt nicht mit dem Originaletikett liefern wollte, sondern nur unter dem Bastard-Etikett DUNAVERTY. Mir war das Etikett egal – ich wollte endlich direkt aus Schottland beziehen.

Dr. Jürgen Setter, scoma.de

Noch ein Indiz dafür, dass Dunaverty schlicht ein Handelsname für reinen Springbank und nicht für einen Springbank enthaltenen Blend zu sein schien. Bingo! Mein Gefühl sagte mir nun wesentlich deutlicher als am Vortag, dass dies eine wirklich bedeutende Flasche mit einer wirklich bedeutenden Abfüllung sein könnte.

Ich fasste zweierlei Pläne

Einerseits beschloss ich, die Geschichte unabhängig von ihrem Ausgang niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Andererseits telefonierte ich mit Dietmars Frau, teilte ihr mit, dass meiner Meinung nach die Chance auf einen hohen Flaschenwert doch größer sein könnte, als zuerst angenommen und riet ihr, unabhängig vom Einholen einer zweiten Meinung die Flasche nun keinesfalls aus der Hand zu geben. Jedes Angebot, das jemand anderes machen würde, würde auch einige Zeit Bestand haben. Würde mehr über die Flasche herauszufinden sein, wäre ihre Provenienz aufgedeckt, würde die Schätzbarkeit des Wertes gegenüber einem stehenden Blindkaufgebot damit nur steigen können.

Ich zog mein Kaufangebot zurück, da die Gefahr, dem Wert der Flasche damit nicht gerecht zu werden, nach der vorgenommen Neubetrachtung in meinen Augen zu groß war. Und ich bot an, „den Fall zu übernehmen“, sprich in den nächsten Tagen und Wochen den genauen Inhalt der Flasche und damit eine Eingrenzung, was deren Wert angeht, aufzutreiben. Ohne Honorar, nur aus Spaß an der Freude sowie um hier darüber schreiben zu können. Die gute Frau willigte ein und freute sich, dass die Angelegenheit für mich von solchem Interesse sei.

Zwei Hilferufe – einer gen München, einer gen Campbeltown

Und damit schlug ich los. Ich tat den Kontakt zur verantwortlichen Kommunikations- und Pressebeauftragten von Constructa auf und schrieb ihr, welches Artefakt der Firmengeschichte sich hier in Ostfriesland aufgetan hatte. Und bat darum, sämtliche vorhandenen Dokumente rund um diese Abfüllung wenn möglich aus dem Firmenarchiv zu bergen und mit mir zu teilen.

Wie großartig wäre es, würde eine Rechnung dazu auftauchen? Welche Quelle hatte den Whisky in deutsche 0,7-l-Flaschen abgefüllt und importiert? Wieviele Flaschen wurden damals abgefüllt? Was hatte der Spaß Constructa damals gekostet? Und – wären noch weitere Daten vorhanden: welche Mitarbeiter*innen und/oder Geschäftspartner wurden seinerzeit mit solch einem herausragenden Präsent von Wert bedacht?

Mein zweiter Anlauf hatte die Springbank Distillery in Campbeltown zum Ziel. Ein Telefonat, ein Kontakt für mein Anliegen, eine E-Mail. Ebenfalls mit Informationen zum Flaschenfund und Fragen über Fragen:

War dies ein Single Malt? War es ein reiner Springbank? Oder doch ein Blend? Falls Letzteres: welche Whiskies waren enthalten? Welche Alkoholstärke besaß die Abfüllung? Welche Informationen zur im Web gänzlich unbekannten Flasche lagen noch bei der Destille als Inhaberin der alten Eaglesome Ltd. vor?

Ein paar Stunden Fleißarbeit – und eine Pause

Mit dem Versenden dieser beiden Anfragen war für den Moment fast alles getan, was getan werden konnte. Ich wappnete mich innerlich (gemäß den alten Vorurteilen gegenüber den etwas anders tickenden Uhren in Schottland) dafür, das Feedback seitens Springbank wohl einige Zeit auf sich warten lassen würde und nahm mir eisern vor, erst nach frühestens zwei Wochen dort nachzuhaken. Aber vielleicht würde mich zum Ende dieser Woche ja bereits eine erste Reaktion von Constructa erreichen.

Das Letzte, was mir für den Moment blieb: den bisherigen Verlauf der Geschichte bis hierhin niederzuschreiben. Und die Spannung zu ertragen, noch einige Zeit ausharren zu müssen, bis sich herausstellen würde, welchen Fortgang das Abenteuer um den „Dachbodenfund“ nehmen würde.

Ende des ersten Teils. Teil Zwei findet sich hier.

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