Kurz notiert

Ein eigenes Fass Whisky

24. Februar 2019, Vom Wunsch nach mehr und der Handhabe von Fassteilungen.

Moin ihr,
in der Antike gab es einen bis heute recht bekannten Philosophen, dem nachgesagt wird, Teile seines Lebens in einem Fass – bzw. einer Tonne – bzw. historisch korrekter wohl eher einem Pithos – verbracht zu haben.

Der gute Mann hörte auf den Namen Diogenes von Sinope und Kern seiner überlieferten philosophischen Theorien ist, dass richtig glücklich nur sein kann, wer sich von überflüssigen Bedürfnissen freimacht und unabhängig von äußeren Zwängen ist. Daraus resultiert für ihn Autarkie: „Es sei göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.“

Diogenes in der Tonne – Gemälde von Jean-Léon Gérôme (1860)

Dazu im direkten Kontrast steht unser heutiges Thema. Hat sich die eigene, per se hedonistische Whiskyleidenschaft gefestigt und beschäftigt man sich tiefer mit seinem Hobby, stößt man im Internet irgendwann zwangsläufig auf Angebote für Fässer.

Ein eigenes Fass Whisky. YES!

Der Gedanke an ein eigenes Fass Whisky (nicht zu verwechseln mit einem eigenen Whiskyfass, um bsp. eine Bar hineinzubasteln, nein, nein, uns geht es weniger um die Nachverwendung der Tonne, sondern primär um die zuvorderst enthaltene, große Quantität Lebenswasser – nur für uns allein!) hat natürlich seinen Reiz. Allein die Vorstellung, eine Single-Cask-Abfüllung zu besitzen, die außer einem niemand hat oder erwerben kann, ist für einige unserer dominanteren Hirnwindungen natürlich großartig.

Betrachtet man die Angebote der nur wenigen entweder ganz jungen oder nicht im Fokus der Beliebtheit stehenden Destillen, die das Potpourri aus Fass, frischem Destillat, Versicherung, Lagerung, Probenzusendung, Abfüllung, Belabelung (ohne die grafische Gestaltungsleistung), Versteuerung, Verzollung und Versand anbieten, landet man sehr schnell wieder auf dem Teppich. Bei Nutzung eines Ex-Bourbon-Barrels (mit ca. 200 l Inhalt) ist summa summarum ganz grob mit Kosten von 6.500-11.000 € zu rechnen, während ein verlockendes Ex-Sherry-Butt (von ca. 500 l) mit 25.000-40.000 € zu Buche schlägt. Dafür hätten wir dann zwar nach sagen wir zehn Jahren Reifezeit bei der Abfüllung rund 220 bzw. 550 Flaschen exklusivsten Whiskies Zuhause, was einem gegenüber der Einzelflasche stark rabattierten Stückpreis entspricht, jedoch sind Ausgaben in diesen Sphären für Hobbyisten wohl in den seltensten Fällen eine Option. Sollen es mehr als zehn, sondern eher 20 Jahre Reifezeit sein und das ganze ohne die lästige Wartefrist, kosten abfüllbereite Fässer je nach Provinienz, Art und Reifeergebnis bei entsprechenden Brokern gern signifikant fünfstellige Summen – und das exklusive aller oben genannten Nebenkosten und Steuern.

Aktuell liegt mir das Angebot eines Brokers vor, der für ein 2006er Laddiefass £19000 haben möchte…oder £65000 für 27yo Caol Ila. Das ist 11x mehr, als ich in 2011 für einen gleichaltrigen ausgegeben habe.
Ich könnte auch Macallan 89 Sherry kaufen…..so für schlappe £165.000
Gefallen mir die Preise? nein!
Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen

Anam na h-Alba, Unabhängiger Abfüller, am 19. Februar 2019 bei fassstark.de

Und diese Zahlenhürde erhebt sich vor dem inneren Auge unbeschadet von der Frage, was mit 220/550 Flaschen ein und desselben Whiskies dann anzufangen sei.

Ein Ausweg: Fassteilungen

Eine deutlich preiswertere Option, sich dem Traum vom eigenen Fass zu nähern, sind so genannte Fassteilungen. Wie läuft so etwas ab?

  • Ein Fassteiler stellt ein Angebot und dessen Bedingungen bsp. hier oder hier in eines der großen deutschen Whiskyforen ein.
  • Ein konkretes Beispiel: zur Teilung kommt ein Fass der Destille „Glen Garioch“. Es handelt sich um ein im März 2011 befülltes (also bereits in Schottland lagerndes) Ex-Bourbon-Barrel (mit ca. 200 l Inhalt), welches mindestens bis März 2021 (also zum Alter von dann zehn Jahren) weiterreifen und in Fassstärke abgefüllt werden soll. Das Fass wird in 40 Anteile aufgeteilt, ein Anteil kostet 92 €. Zudem schätzt der Teilende, dass jeder Anteil am Ende sechs Flaschen Whisky ergeben sollte.
  • Interessierte können nun Anteile zeichnen. Ist das Fass erfolgreich aufgeteilt, kommt die Teilung zustande. Die Teilnehmer erreicht daraufhin eine erste Abrechnung über in unserem Beispiel 92 €, mit der der Ankauf des Fasses sowie im Regelfall auch die Lagerzeit bis zum Erreichen der anvisierten zehn Jahre Reifedauer abgedeckt sind.
  • Motivierte Fassteilende lassen sich nicht nehmen, den Teilnehmern nach Begleichung der ersten Rechnung hübsch gestaltete Fassanteilsscheine in Urkundenform zukommen zu lassen.
  • Am Ende der Reifezeit folgt dann eine zweite Abrechnung, in unserem Beispiel würden nochmal ca. 150 bis 180 € fällig, mit denen das Abfüllen, Belabeln, Versteuern sowie der Versand aus Schottland zum Teilenden und dann vom Teilenden zum Teilnehmer beglichen werden.
  • Im Ergebnis erhaltenden unsere Teilnehmenden also Mitte 2021 ein Paket mit bestenfalls sechs Flaschen Whisky aus ‚ihrem‘ Fass, die dann insgesamt einem Kaufpreis von rund 40-45 € je Flasche entsprechen. Damit hätten Teilnehmende (nach heutigem Stand) 35-40% gegenüber dem Verkaufspreis vergleichbarer Abfüllungen gespart. Mit Blick darauf, dass der Kaufpreis mit den Verkaufspreisen von 2021 mithalten muss, tendenziell sicherlich mehr.

Romantisch isses ja allemal.

Ich selbst bin Anfang 2014 auf das Thema Fassteilungen aufmerksam geworden und habe beginnend mit einem ersten Anteil an einem Macduff Sherry Butt für einen Kaufpreis von damals nur etwas über 40 € begonnen, viele Fassanteile zu zeichnen. Voller Freude habe ich nahezu sämtliche Kaufgelegenheiten genutzt und bis Mitte 2017 so über 40 Fassanteile erworben.

Mal ehrlich: könnte es ein aufregenderes Erlebnis geben, als im Schottlandurlaub seinen hier heranreifenden Whisky zu besuchen?

Aber isses klug? Irgendwann kam ich ins Grübeln.

Es war noch keines der Fässer abgefüllt worden, ich hatte lediglich eine hübsche Sammlung von Fassanteilsscheinen und dachte darüber nach, wie mit potenziell weit über 200 Flaschen Whisky, die irgendwann aus den ganzen Fässern abgefüllt und zu mir gelangen würden, umzugehen sei.

Und dann hatte ich einen „Oha!“-Moment.

Ich erinnerte mich, dass früher bis zu 90% der von einer Brennerei produzierten Menge Whisky nicht als Single Malt abgefüllt, sondern an die Blend-Industrie weiterveräußert wurde, wo auch mäßige und missgereifte Fässer mit vielen vielen anderen vermählt und zu etwas (mehr oder weniger) Trinkbarem verwoben wurden.

Dass das heutzutage (allein ob der riesigen Nachfrage) nicht mehr der Fall ist und viel mehr Whisky als Single Malt abgefüllt wird (ohne Frage zulasten der Qualität), wusste ich auch. Und dass ich auf meiner Entdeckungsreise durch die Welt der Whiskies mehr und mehr mäßige Abfüllungen oder durch extreme Finishes am Ende „zurechtgepimpte“ Whiskies, die meinen Geschmack nicht trafen, im Glas hatte, war ebenfalls eine Tatsache.

Wie also schaute es nun aus, wenn jeder Fassanteil bedeutete, dass da in Schottland ein ganz bestimmtes Fass lag, aus welchem ich Whisky erhalten würde? Meine Wahl war blind erfolgt und ich darauf festgelegt.

Es war nicht absehbar, ob ein gezeichnetes Fass ein großartiges Reifeergebnis bringen würde. Oder ein mäßiges. Oder gar ein verheerendes.

Was würde ich mit den vielen Flaschen anstellen?

Würde ein Paket voller Flaschen eintreffen, vielleicht mit einem Sample als Vorverkostungsmöglichkeit dabei, bräche der Moment der Wahrheit an.

Waren es 4/5/6 Flaschen extremst guter Stoff geworden? Prima! Ab in die ohnehin zu große strategische Trinkreserve damit und am Liebsten nichts davon rausrücken – vielleicht mal ein Fläschchen entkorken, um anderen davon einen Dram überzuhelfen. Naja, wenn sie nicht schon von einem der je nach Fassgröße bis zu 90 anderen Fassanteilseigner probiert hätten – die Whiskyszene der Aktiveren/Verrückteren war ja keine Insel.

Und wenn das Ergebnis nur so lala wäre?

Mäßige oder wirklich mir nicht gefallende Whiskies hortete ich nicht. Die trank ich auch nicht. Die kaufte ich ansonsten nämlich nicht. Hier hätte ich aber keine Wahl – ich war festgelegt.

Wohin dann damit?

Ich wäre nicht in der Lage, eine Abfüllung, die mir selbst nicht gefiele, anderen anzuschnacken. Mit dem, was ich empfahl, stand ich für nicht mehr als meinen persönlichen, individuellen Geschmack, das musste also nie auf der Empfängerseite Begeisterungsstürme auslösen. Aber ich würde nie etwas, das mir nicht gefiel, anpreisen oder weiterverkaufen wollen.

Ich sah mich gedanklich frustriert nur noch Schrottstoff trinken, um unliebe Abfüllungen zu leeren und dann vergessen zu können. Eine furchtbare Vorstellung.

Und dieses Risiko nur für den Spaß eines solchen ‚ich bin Fassmitbesitzer‘-Spiels sowie eines Preisvorteils?

Am Ende meiner Überlegungen angekommen war klar: das würde mich nicht glücklich machen. Viele, sehr viele der über 40 Fässer würden Ergebnisse liefern, die meinen Ansprüchen nicht genügen würden und das würde mich kreuzunglücklich enden lassen.

Wenn du ein Problem nicht lösen kannst, löse dich vom Problem.

Also fasste ich Mitte 2017 den Entschluss, in einer großen Aktion meine sämtlichen Fassanteile schlicht 1:1 zu meinen vorherigen Einkaufspreisen weiterzuverkaufen. Was ich dann tat. Und was sich bis heute richtig anfühlt.

Mein blinder Fleck

Ich habe nie den sicherlich schönsten Moment einer Fassteilung erlebt: ein Paket zu öffnen und einen Whisky, auf den man ggf. zehn bis 15 Jahre Reifezeit als sein ‚Pate‘ hat warten müssen, zu probieren (und ihn bestenfalls genießen zu können 😉 ). Vielleicht tröstet die lange emotionale Verbindung zum ‚eigenen‘ Fass ja auch über ein mäßiges Ergebnis hinweg. Wobei das auch keine Auszeichnung wäre – guter Whisky muss meiner Meinung nach blind und ohne emotionale Verbundenheit oder andere Marketingtricks begeistern können.

Von Flaschenteilungen aus Fassteilungen heraus weiß ich, dass (logischerweise) solche und solche Ergebnisse dabei herauskommen. Und dass ungleich mehr Flaschen und Flaschenteilungen in den Foren landen, wenn das Reifeergebnis nicht überragend ist. Also: mit dem Ausstieg habe ich, so denke ich, für mich alles richtig gemacht.

Dennoch hatte ich fast drei tolle Jahre mit dem Gefühl, dass in Schottland ein paar Fässer Whisky schlummerten und reiften, zu denen ich eine Verbindung hatte. Und das war auch eine nette Erfahrung – ganz ohne die eventuelle Schattenseite, von den Ergebnissen enttäuscht zu werden. Mit Sicherheit werde ich mich aber, wenn einige ‚meiner‘ alten Fässer zur Abfüllung gelangen, um Samples bemühen und schauen, was ich hier und da und dort verpasst habe (oder nicht 😉 ).

Der Schluss gebührt dem alten Griechen

Am Ende komme ich auf Diogenes Autarkie zurück: „Es sei göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.“ Davon bin ich als Whiskygenießer natürlich meilenweit entfernt. Aber zumindest bescheide ich mich damit, Whisky erst zu probieren und mich beim Kauf auf die Flaschen zu beschränken, die mich ganz und gar begeistert haben.

Ich kaufe weniger, dafür besser. Wenngleich auch teurer und ohne die gemeinsame Verbundenheit während der Reifezeit.

Und damit einen schönen Sonntag Euch,
Seb

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