Kurz notiert

Oooh, that’s a bingo!

20. Januar 2019, Von Whisky-Verkostungsvideos und der Frage nach dem Mehrwert.

Moin ihr,
so ziemlich niemand von uns würde sich wohl in einer Geschmacksfrage zu einem Gespräch hinreißen lassen, dessen Ziel die Festlegung der einen, richtigen Position ist. Der Einen läuft beim Gedanken an eine gebratene Rinderleber das Wasser im Mund zusammen, dem Anderen kommt bei genau demselben Gedanken das Würgen an. Geschmack halt: du so, ich so.

Dass man oftmals nur für sich selbst erkunden kann, was einem wie und warum mundet und dass anderer Menschen Urteil einem nur sehr begrenzt Hilfestellung sein kann, war bereits in einem vorangegangenen Artikel über Bewertungen in der Whiskywelt meine These. Der Whisky, der dir schmeckt, muss mich nicht begeistern. Was du so lala findest, kann mich total umhauen.

Ich möchte mich heute einem speziellen Feld des Whisky-zentrierten Meinungsaustausches Empfehlungsmarketings widmen: Verkostungsvideos. Wer hat noch nicht einem mit 99%iger Wahrscheinlichkeit männlichen, mit 90%iger Wahrscheinlichkeit in einem Sessel hockendem Whiskyfreund auf YouTube dabei zugesehen, wie er schnüffelnd, schlürfend und schmatzend einen Whisky probiert und für den Betrachter eingeordnet hat? Die Zahl von Verkostungsvideos steigt rasant an, neue Verkoster tauchen auf und derartige Videos erreichen immer größere Zuschauerzahlen.

Die Frage nach dem Warum

Nehmen wir zuerst einmal einen jungen, fröhlichen Whiskyfreund als Beispiel, der ohne kommerzielle Interessen schlichtweg seine Begeisterung für Whisky mit der Welt teilen möchte und uns virtuell an seinen Geschmackserfahrungen teilhaben lassen möchte. Kein kritikwürdiger Ansatz, oder?

… geht über studieren!

Aber welchen Wert bieten uns derartige Verkostungsvideos? Kann uns das von stetigem Kopfnicken und einem himmelwärtigen Augenverdrehen untermalte, raumgreifende in-der-Luft-Gefuchtel als nonverbaler Ausdruck der unschlagbaren Qualität des noch im Mund befindlichen Whiskies als Kaufempfehlung dienen?

Kann uns weiter das (im Regelfall recht oberflächliche) Herunterrattern errochener oder erschmeckter Eindrücke eines Anderen auf der Suche nach einem Whisky helfen? In meinem Fall lautet die Antwort hier eindeutig nein.

Psychologie bites

Es gibt genau einen Grund, aus dem ich hin und wieder das eine oder andere Verkostungsvideo schaue: nämlich, um mir (es ist wieder die blöde menschliche Psyche mit ihren Schwächen 😉 ) bei einem Whisky, der mich selbst im Glas begeistert hat und von dem ich eine Flasche im Vorrat stehen habe, vom YouTube-Verkoster bestätigen zu lassen, dass ich da eine ganz ganz tolle Wahl getroffen habe und mein Whisky ein absolutes Superstöffchen ist. Kommt der Verkoster zu diesem Urteil, bin ich erleichtert (und überwinde eine etwaige Kaufreue); kommt er nicht, spreche ich ihm instantan jede Eignung zum Abgeben einer durch mich ernst zu nehmenden Bewertung ab. Haha, so sind wir Menschen halt gepolt, wenn wir uns mal ehrlich machen.

Es geht nicht um geheime Machenschaften – diese liegen auf der Hand

Neben der Krux, dass eigenes Probieren durch nichts zu ersetzen ist, gibt es noch ein deutlich größeres Problem mit der Schwemme von Verkostungsvideos: viele der erfolgreicheren Verkoster werden aus der Whiskyindustrie oder von Whiskyhändlern mit Proben für ihre Videos versorgt. Ob ein Urteil über einen gesponserten Whisky so neutral (neutral nur aus der Innensicht des Verkostenden – normativ ist da gar nichts neutral, das versteht sich) ausfällt, als wenn die verkostete Flasche bzw. das Sample selbst gekauft worden wäre, darf bezweifelt werden. Ist für unseren YouTuber doch super, wenn morgen weitere spannende Whiskies in der Post sind – da will man es sich doch durch Verrisse nicht mit den Absendern verscherzen.

Läuft auf YouTube: Sympathische Typen, gemütliche Sessel, gesponserte Whiskies.
Screenshot: aus © Talking Malts / YouTube

Noch deutlicher ist diese Verzerrung logischerweise, wenn es sich bei den Verkostern selbst um Whiskyhändler handelt. Dass ich das, was ich dem Konsumenten verkaufen möchte, unabhängig von meiner eigenen Meinung nicht kritischst-möglich verhandele, sondern tendenziell immer etwas über Gebühr lobe, ist mein Kerninteresse als Händler. Wer schießt sich schon selbst in den Fuß? Außer vielleicht in einem von 50 produzierten Videos, wo eine einzelne, deutliche Negativkritik mir als Beweis für Kredibilität und Unabhängigkeit dienen kann, obwohl diese nicht existiert.

Schokolade, Kaffee und Orangen. Morgens, mittags und abends.

Wenn ich als Zuschauer mich doch überwinde, auf inhaltlicher Ebene (in der es ja um eigentlich nur schwerlich Debattierbares, weil um individuelle Geschmacksurteile geht) mit Verkostungsvideos auseinanderzusetzen, komme ich wieder und wieder zu dem Ergebnis, dass in den Aufmerksamkeitsspanne-optimierten Clips binnen kürzester Zeit das Einschenken, Verriechen, Verkosten und parallel das Bewerten und Einordnen geleistet wird. Wenn es sein muss, wird ein Malt in drei Minuten hinuntergegurgelt und beschrieben. Die gewonnenen Eindrücke bleiben stets an der Oberfläche. Wird ein Sherryfass-gereifter Whisky verkostet, lässt sich mit guter Quote auf „*riech* Orangen! *schnüffel* Schokolade! *schnief* Und Kaffee!“ als aufeinander folgende Aromenbeschreibung wetten. Bei Bourbonfass-gereiften Whiskies geht es oftmals nicht über „Eine starke Süße! Vanille!“ hinaus. Und auch abseits der Aromenbeschreibungen sind die inhaltlichen Lobeshymnen auf das Verkostete bei vielen YouTubern stets wiederkehrend. Glaubt ihr nicht?

Kein Bullshit: hier kommt die Bingokarte

Besonderer Dank gebührt Laird Blonag, der für die Unterstützung beim Erstellen der Bingokarte das Schauen arg vieler Verkostungsvideos auf sich genommen hat.

Die Bingokarte findet sich hier als PDF zum Download: probiert es doch selbst und schaut, wieviel Minuten Verkostungsvideo(s) es braucht, bis es heißt: Oooh, that’s a bingo! Und für jedes Bingo probiert doch zur ‚Strafe‘ einfach mal selbst und blindlings einen Euch unbekannten Whisky – so ganz ohne Vorempfehlung durch irgendwelche YouTuber.

Die Friedenspfeife

Und damit hätte ich mich dann auch ausgetobt. Mit den voreingenommenen und oftmals oberflächlichen Eindrücken fremder Internetvideo-Onkels aus den Tiefen ihrer Sessel weiß ich nicht viel anzufangen – und lade auch Euch dazu ein, sich dieser Causa gegenüber kritisch einzustellen.

Ihr habt selbst Erfahrungen – auch als Einsteiger in Sachen Whiskygenuss! Euch gefällt eine Region? Eine Brennerei? Eine Fassart? Prima! Dann wisst Ihr einerseits, in welche Richtung ihr mit ähnlichen Whiskies relativ ‚gefahrlos‘ weiterprobieren könnt und andererseits, welche weißen Flecke auf der Landkarte der Whiskywelt noch auf die spätere Erkundung durch Euch warten. Nehmt an Flaschenteilungen teil und probiert Euch selbstständig klug.

Aber: damit neben meinem Gemuffel und Gestänker zumindest etwas produktiv-Positives aus diesem Text abfällt und weil sich einjeder (auch in Sachen Verkostungsvideos) meiner Meinung nach tunlichst seine eigene Meinung bilden sollte, reiche ich den hier pauschal Kritisierten gern in der Form die Hand, alsdass ich im Folgenden eine Liste deutschsprachiger YouTube-Kanäle mit Verkostungsvideos (ohne Anspruch auf deren Vollständigkeit) mit Euch teile:

KanalVi­de­osA­bon­nen­ten
A Dream of Sea56158
Daniel Beuthner437.523
Der­Whisky­Club3265.894
Gruftes Whisky­kiste62332
Malt Mariners1172
Marco Bonn Brühler Whiskyhaus1511.775
Pat Hock Whisky5295.765
Talking Malts2052.490
taste.281.014
whic1211.981
Whisky & Vinyl57297
Whisky aus der Sicht eines Amerikaners1.2421.746
Whisky Enjoy3281
Whisky ER­LEB­NIS2852
Whisky Evening101599
Whisky Life238622
Whisky Turn­table2681.633
Whisky Violence64222
whisky- emotions113354
Whisky-Dodo101870
Whisky.de2.03547.​266
Whisky­Babbler2781.047
Whisky­Gold5053.379
Whisky­zone1572.265
Stand: 20. 1. 20​19

Ein Wort zum Schluss: als erfreuliche Abgrenzung zu den meisten Kurzclips empfinde ich übrigens die (englischsprachigen) Inhalte von ralfydotcom, der mit 974 Videos und 115.371 Abonnenten wohl bekannteste YouTube-Verkoster. Seine verhältnismäßig sehr langen Videos thematisieren oft nur zu 5-10% der Zeit seine Eindrücke des soeben probierten Malts und liefern dafür viele tiefe Hintergründe rund um Brennereien, Entwicklungen in der Industrie und vieles mehr – mein ausdrücklicher Tipp zum Reinschauen.

Und damit einen schönen Sonntag Euch,
Seb

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