Stammrundentastings

61. regulars-Treffen

12. Januar 2019, »Hat Spuren von gut«, bei ted.striker in Leer

Moin ihr,
man stelle sich mal vor, es sei der zwölfte Tag eines neuen Jahres und zwei von fünf ansonsten arg Whiskybegeisterten gestünden, sie hätten in diesem Dutzend mal 24 Stunden noch keinen Whisky in Händen gehabt. Genau so stellte sich unsere Situation dar, weshalb unsere Stammrundenzusammenkunft gleichzeitig eine Art fröhliches Fastenbrechen darstellte.

Seb hatte eingeladen – und nach dem unvermeidlichen Tee als Aufgebot eines ostfriesischen Whiskyabends darauf bestanden, nach vielen vielen Monden diesen Abend damit zu einzuleiten, mal ein frisches Stammrundenfoto ins Werk zu setzen. Was dann auch geschah:

Kein bisschen müde auch nach mehr als 60 Tastings – die Stammrunde der regulars.
V.l.n.r.: saw (Stefan), krimoldo (Oliver), whisho (Horst), Joschie (Fanjoscha) und ted.striker (Seb).

Sagt selbst: haben die drei Recken aus Gründungstagen sich seit den Anfängen 2012 nennenswert verändert? Nicht wirklich, oder? Alkohol konserviert halt(,) Freunde! 😉

Nach der eingeschobenen Foto-Kuschelminute auf dem Sofa näherten wir uns voller Vorfreude den Drams des Abends. Doch was war das? So bezeichnete ‚Dramratebögen‘ lagen aus – Seb hatte im Sinn, die Gäste vermittels einer Blindverkostung auf eine besondere Reise zu schicken.

‚Dramratebögen‘ lagen aus – alle gereichten Drams wollten blind verkostet und erschmeckt werden.

Welche dann auch direkt beginnen sollte: ein fröhlich-frischer Malt aus einer Destille, die bis dato noch keiner der Anwesenden je im Glas gehabt hatte, sollte den Auftakt machen: ein durchaus leckerer Speyburn von 14 Jahren Alter.

Speyburn 2004

Das besondere an Blindtastings: die (großartige) Respektlosigkeit, mit der sich die Verkostenden den gereichten Whiskies nähern. Keine Hemmschuhe bezüglich großer Destillen- oder Markennamen – es sollte im Folgenden völlig frei, kritisch und skeptisch errätselt und bewertet werden, was in die Gläser floss.

Als zweiter Dram war dies ein 26-jähriger Ire aus dem Hause Maltbarn. Dessen Aromenporte­feuille lag irgendwo in der Mitte zwischen Weingummi und Tropenfrucht und bot im Mund einen unerwarteten Twist aus prickelnder Vielseitigkeit. Nicht einfach, um es für Euch zu beschreiben, aber ein Wohlgenuss für die Verkostenden.

Ireland 1990 MBa

Der dritte Whisky im Glas musste hart einstecken. Die Tipps in Sachen Alter schwankten zwischen 13 und 28 Jahren – die tatsächlichen 40 Lenze hat dem weithin so hochgelobten ‚Vega‘ bei uns blindlings niemand zugeschrieben. Dennoch eine betörende, wunderschön breitbandige Nase – mit deutlichen Abstrichen im Erlebnis am Gaumen.

Vega 1977 NSS

Whisky Nummer Vier wurde immerhin von zwei Gästen zielsicher und korrekt als Springbank erraten. Das durchaus abnorme Fass offerierte vielschichtige Freuden – wenn es auch dem Profil nach eher als Bourbonfass denn korrekt als Sherry Hogshead eingeordnet wurde. Aber immerhin: krimoldo attestierte dem Dram „Spuren von gut“ – was wohl sowas wie das Äquivalent zum verbreiteten „Ist an der Grenze zur Trinkbarkeit“ als nonchalantes Understatement in der Bewertung alter Spitzendrams unter Whiskyverrückten darstellen sollte.

Springbank 1996

Und damit läutete schon der Pausengong. Ein paar handvoll kräuterig-knuspriger Pizzaschnecken wurden für Kurzweil und zur Gaumenneuralisierung aus dem Ofen gezogen und verspeist, bevor die illustre Rätselrunde in der zweiten Halbzeit des Abends weitere vier Aufgaben in den Gläsern vorfinden sollte.

Beginnend mit einem Dram, dem blindlings niemand so richtig auf die Schliche kam – naja, auch dem Etikett nach ist der dahinter befindliche Highland Park als „Cask Orkney“ schließlich gut getarnt.

Cask Orkney 18-year-old DR

Mit der sechsten Abfüllung des Abends sollte es Zeit für Rauch werden. Auf Bowmore als Destille zu kommen, gelang im Einzelnen – der Genusswert war jedoch in aller Augen abzulesen. Ein Spitzendram!

Bowmore 2001 CA

Wo Rauch ist, ist dem Sprichwort nach ja auch Feuer. In unserem Fall glücklicherweise nicht, dafür war da jedoch noch mehr Rauch: ein 19-jähriger Laphroaig wurde vom Panel fast unisono knapp daneben als Ardbeg getippt, wusste jedoch im Glas ebenfalls zu gefallen.

Laphroaig 1998 CA

Nach dem Ausspülen der qualmenden Nosinggläser nahte schon der letzte Dram des Abends – wie die Zeit nur verfliegt bei solchen Tastings mit guter Unterhaltung …

Für den Schlussdram mit der Nummer Acht liefen die Tipps (abgesehen von Islay als korrekt erkannter Region) wirklich wild – dass mit dem nur fünf Jahre jungen Octomore ein in Château Petrus Weinfässern gefinishter, satter 61%er Nase wie Gaumen erstürmte, war in der Tat alles andere als leicht zu erraten – jedoch eine genussvolle Freude für alle Beteiligten. Man kann von den zumal teuren Rekordrauchexperimenten aus dem Hause Octomore ja halten, was man mag – diese spezielle Ausgabe war durchaus klasse und das Probieren mehr als wert.

Octomore Edition 02.2 / 140

Am Ende angelangt schwirrten die Blicke ratlos umher, als der Sieger des Abends gekürt werden sollte. Keine Chance auf Einigung: Der Ire, der Springbank, der Bowmore und der Octomore fanden regen Zuspruch und auf der Erster-Platz-Stufe des virtuellen Siegertreppchens drängte sich damit gleich die Hälfte der verkosteten Malts. Was vielleicht ja ein ganz gutes Zeichen für das Niveau der getroffenen Whiskyauswahl war.

In jedem Fall bleibt festzustellen, dass es (aus Ausrichtersicht) ein hartes Brot ist, aus einem normalen Tastingabend eine Blindverkostung zu machen. Kommen doch die eigenen Sinneseindrücke der Verkostenden mal ganz unverblümt zustande, anstatt sich nach dem obligatischen Blick auf ein Flaschenlabel mit Erfahrungen und Marketingeinflüssen zu einer Erwartung zu paaren, die dadurch verfälscht auf die tatsächlichen Eindrücke trifft. Das führte dazu, dass bsp. der 40-jährige Vega für seine traumhafte Nase viel Begeisterung erntete, in Gaumen und Abgang in Teilen der Runde jedoch nahezu verrissen wurde. Und auch sonst wurde mit starker und genauer Kritik für die einzelnen Drams nicht gespart – und genau so sollte man mit Whisky umgehen. Keine falsche Ehrfurcht, keine Erwartungshaltungen, keine verklärende Romantik: blind ran an den Dram und (bis auf die Farbe im Glas) unvoreingenommen genießen und urteilen – das sei zur Nachahmung weiterempfohlen.

Tja, und damit fand ein weiterer heimeliger Tastingsabend im nächtlichen Leer sein Ende – nach dem Octomore-Rauch wäre kein Post-Show-Dram bei den Verkostenden mehr auf arbeitsfähige Geschmacksknospen getroffen. Den Abschied versüßten sich alle daher lediglich mit der Vorfreude darauf, dass der nächste Stammrundentreff im März gleichzeitig das jährliche (und nun schon siebte) Raritätentasting darstellen wird – Traditionen können ja etwas Wundervolles sein. (Kommando zurück – aus Gründen wird der Märzabend ein reguläres Stammrundentasting, während die Rarirunde im Mai stattfinden wird.) Das allzumal, wenn dort auch das Eine oder Andere mit ordentlich ‚Spuren von gut‘ in die Gläser gelangen sollte …

Einen schönen Sonntag wünschen Euch,
Seb und die regulars

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