Wissen & Meinungsbeiträge

Der Hermann der Whiskywelt

6. Januar 2019 (zuletzt bearbeitet am 17. Januar 2019), Über das Phänomen der Living Bottle.

Moin ihr,
in meiner frühesten Kindheit, sprich in den späten Achtzigern, geisterte ein landesweit bekanntes Gespenst durch deutsche Haushalte: der Hermann. Ein Sauerteig, der einem (nachdem er mutmaßlich bereits durch hunderte fremder Haushalte und Hände gegangen war) durch Bekannte mit einer lustigen Anleitung zum ‚Füttern‘ und Zubereiten überreicht wurde und zu Brot sowie weiteren Ablegern zum Weiterreichen verarbeitet wurde.
Allein beim Gedanken an diese hygienische Katastrophe der Acht­zi­ger­jah­re laufen mir augenblicklich Schauer über den Rücken.

In der Whiskywelt von heute gibt es ebenfalls eine unter vielen Genießer*innen verbreitete (Un)Sitte, die mir ähnliches Gruseln beschert – und zudem durch die Tatsache, dass sie wie der Hermann auch aus vielen Quellen gespeist wird zu diesem eine weitere faszinierende Parallele aufweist: die so genannte Living Bottle. Trotz meiner arg distanzierten Haltung dazu versuche ich Euch dieses Phänomen im Folgenden mal so sachlich wie irgend möglich zu beschreiben.

Was wird benötigt?

Wer sich nach dem Lesen dieses Textes mit dem Gedanken tragen sollte, eine Living Bottle ins Leben zu setzen, benötigt ein Gefäß – idealerweise eine Sample-, , Whisky- oder Whiskymagnumflasche mit irgendwas zwischen 10 cl und 4,5 Litern Inhalt.

Unser Corpus delicti – hier in liebevoll gestalteter Form: eine Living Bottle. Foto: © Jai

Und diese leere Flasche wird fürdehin befüllt – und dafür gibt es verschiedene Strategien.

Was hinein kommt? Wahlweise:

  • alles, was von der Experimenteur*in an Whisky probiert wird und dieser besonders gut schmeckt
  • alles, was an Whisky probiert wird und überhaupt nicht schmeckt
  • gegebenenfalls werden auch parallel zwei Living Bottles angelegt, wobei eine für rauchige, die andere für nichtrauchige Whiskies genutzt wird oder eine lediglich Bourbons und die andere schottische Whiskies enthält

Wieviel von jedem Whisky kommt hinein? Wiederum wahlweise:

  • der ‚Lusttropfen‘:
    In jeder Whiskyflasche und in jedem Sample sammeln sich nach dem Leeren nochmal ein paar Tropfen. Manche Wohnzimmerblender*innen füllen ihre Living Bottle nur mit derartigen winzigen Resten geleerter Whiskies.
  • das ‚letzte Schlückchen‘:
    Manche hält stets einen letzten Schluck jedes verkosteten Whiskies für die Living Bottle zurück.
  • die ‚Resterampe‘:
    Wer in der Living Bottle nur ‚verklappt‘, was ihr ausdrücklich nicht schmeckt, gibt gegebenfalls ganze Samples oder große Mengen aus probierten Flaschen in die Living Bottle.
  • der ‚Spucknapf-Rest‘:
    Jetzt müsst Ihr tapfer sein, denn das gibt es tatsächlich: aus ausgetrunkenen Gläsern wird das letzte Schlückchen in die Living Bottle gegeben. Bekommt Ihr auch gerade diese fiese Gänsehaut?

Warum das Ganze?

Die Motivlage ist breit gefächert: manche möchte keinen Whisky verschwenden, jedoch alles Ungeliebte in eine solche Living Bottle geben, um nach eifriger Befüllung mit vielen derartiger Abfüllungen herauszufinden, ob die Addition von Minus mit Minus und Minus und Minus irgendwann ein geschmackliches Plus ergeben kann.

Andere schließen kleinste Quantitäten ihrer Lieblingsdrams qua Living Bottle in einer gläsernen Zeitkapsel ein und freuen sich über die Melange aus vielen dutzenden Single Malts in Form des so entstehenden, eigenen Blends. Ein bisschen Spieltrieb gepaart mit Entdeckergeist treibt hier das Experimentieren voran.

Und was kommt dabei heraus?

Begeisterte Erfahrungen von großartigen Ergebnissen lassen sich bei Forumsdiskussionen zum Thema Living Bottle reichlich finden – es gibt eine Fangemeinde, die mehr als überzeugt vom Konzept der lebendigen Whiskyflasche ist.

Die schönste Conclusio auf Basis eigener Erfahrungen mit einer Living Bottle bietet aus meiner Sicht dieser Forumskommentar:

Ich hatte einmal eine living bottle mit 300ml.
Da waren Teile von über 25 Malts drinne und das Endresultat war besser als die hälfte davon einzeln.

Psyk0man, Whisky.de-Forum

Ja wer hätte das gedacht? 😉
Ich möchte gern die Annahme beisteuern, dass das Endresultat zudem mit Sicherheit schlechter war, als die Hälfte davon einzeln.

Es mittelt sich logischerweise aus, was zusammengeschüttet wird. Spitzen flachen ab, Ecken werden gerundet und es entsteht die Mitte der geschmacklichen Möglichkeiten, die die enthaltenen Single Malts uns einzeln bieten konnten. Für mich klingt der zwangsläufige „aus vielen Polen kreieren wir eine diffuse Mittelmäßigkeit“-Ansatz offen gestanden jedoch eher langweilig denn verlockend.

Selbst wenn ich den (Hermann-artig unhygienischen) Fall der aus angenippten Gläsern befüllten Living Bottle wegdenke, habe ich mich über all die Jahre, die ich mich mit Whisky auseinandersetze, nie mit dem Gedanken anfreunden können, selbst mit einer Living Bottle zu experimentieren oder den Inhalt aus jemand anderes Living Bottle zu probieren (oh ja, es gibt bisweilen Flaschenteilungen, in denen Interessenten Samples aus Living Bottles angeboten werden).

Ich habe einen Heidenrespekt vor dem Handwerk der professionellen Whiskyblender*in – aus vielen individuell ausgeprägten Fässern ein bestimmtes, gewünschtes Geschmacksprofil für einen Whisky zu kreieren ist eine große Leistung. Auch gibt es einzelne Blended Whiskies, bestehend aus Fässern ganz unterschiedlicher Destillerien, die ich sehr verehre.

Ein wunderbares Positivbeispiel für einen Blend: der (leider vom Markt genommene) Dewar’s Signature. Vermählt wurden hierfür Whiskies im Alter von 29 bis 41 Jahren, führender Malt in der Melange ist Aberfeldy – ein traumhafter Dram, ein toller Whisky.

Dewar's Signature

Aber schlicht „alles was schmeckt“ oder „alles was nicht schmeckt, aber nicht in den Ausguss soll“ wahllos in einen ‚gläsernen Schweineeimer‘ (sorry, mir gelingt einfach nicht, hier neutral zu bleiben 😉 ) zu schütten, hat in meinen Augen keine großen Chancen auf überzeugende Resultate verglichen mit der Herangehensweise professioneller Whiskyblender*innen.

Deshalb umgebe ich mich für meinen Teil nur mit einer ganz spezifischen Spielart der Living Bottle:

So war das Prinzip Living Bottle wohl nicht gedacht – beim Autoren dieses Textes ist eine gläserne Kleingeldspardose jedoch die einzig anzutreffende Form der ‚lebendigen Whiskyflasche‘

Soviel dazu von mir – und es lasse sich bitte niemand von der etwaigen Idee des eigenen Experimentierens abbringen: vielleicht macht nur der eigene Versuch ja wirklich klug …

Damit einen schönen Sonntag Euch,
Seb


Nachtrag vom 10. Januar 2019

In den Whiskyforen entsponnen sich großartige Diskussionen rund um diesen Text. Einen Erklärungsansatz für ein wirklich vielversprechend besseres Living-Bottle-Ergebnis als nur die Summe seiner Bestandteile möchte ich hier mit Euch teilen:

Mit einer kleinen Menge Bitterkeit (ich meine Nusshaut, Gerbsäure, viel Holz, nicht angebranntes Karamel) kannst du einem Malt, der nur süß ist (z.B. pappig-süßer Pedro-Ximénez-Sherryfass-gereifter oder eine Vanillebombe aus dem Bourbonfass), schon mehr Struktur verleihen.
Mit zu saurem Whisky kannst du einen übersüßen Malt auch verbessern. Die ‚Fehler‘ wirken einander entgegen und ergeben einen ausgewogeneren und vielschichtigeren Malt.
Zu alkoholisches Zeug kannst du auch in Zeug kippen, dem es an Pepp fehlt. Oder zu Alkoholisches mit Geschmacksarmem mischen kann auch funktionieren, da du den Gesamtalkoholgehalt senkst und den Whisky öffnest.
Klappt längst nicht immer – aber mit etwas Erfahrung, Talent und Glück kommt schon mal etwas Besseres dabei raus.

Geniesser, Cutty Sark Scots Whisky Community

Weiter ergab sich eine verlockende Wortmeldung eines praktizierenden Living-Bottle-Enthusiasten:

Ich habe neulich mal ein Blind(!)sample meiner Living Bottle (alle möglichen Samplereste von Laphroaig, Ardbeg, Lagavulin, Bowmore, Ledaig, Glenfarclas, Glenlivet u.a..) an eine „bekannte Whiskypersönlichkeit aus dem süddeutschen Raum“ 😉 verschickt, mit der Bitte um Feedback. Zurück kam dann: „Was ist das denn geiles? 92 Punkte! Ich tippe auf 70er Bowmore“.

Da kommen übrigens natürlich keine angesabberten Tropfen rein sondern nur beste Reste aus Samples.

chrizthewiz, Cutty Sark Scots Whisky Community

Auf die Aussage konnte dann natürlich nur eine mögliche Reaktion folgen: ich habe meinen Schatten übersprungen und lasse mir ein Sample aus Chris’ Living Bottle schicken.

Ich sollte also bekehrt werden. Mit einem Schluck aus dieser liebevoll befüllten Living Bottle. Foto: © chrizthewiz

Nachtrag vom 17. Januar 2019

Das Sample aus chrizthewiz’ Living Bottle hat mich erreicht und wurde gestern (in Gesellschaft zweier Freunde) geköpft. Was gilt es nun dazu zu sagen?

Zuvorderst: wow! Eine betörende, rauchgeprägte, fruchtige Nase, die mit der im Whisky enthaltenen Melange von u.a. von Ardbeg, Bowmore, Laphroaig etc. süßeste Rauchnoten am ehesten im Stil von Kilchoman anbietet. Schnüffelwhisky, den man gar nicht ansetzen mag.

Als wir das dann doch taten, die Überraschung: ein Feuerwerk aus Tönen, als schlüge jemand die gesamte Tastatur eines Klaviers mit einem Besenstil an. Eine überfordernde, breitbandige Geschmackskakofonie. Puh. Undeutbar. Überfordernd. Von allem etwas.

Mit den weiteren Schlucken wandelte sich dieser Eindruck zumindest ein wenig: der Dram aus der Living Bottle ist klar sherry-geprägt, das jedoch nicht überbordend. Komplex und sehr vielschichtig – dabei jedoch ohne führende Noten, sondern fast ein wenig beliebig wirkend voller feiner Geschmackselemente.

Alles in allem eine der großartigsten Nasen, die man sich vorstellen kann. Sherry und Rauch in hoher Komplexität. Im Mund dann jedoch ‚Gewusel‘, man meint tatsächlich eine wilde, (zu) vielteilige Mixtur aus Dingen wahrzunehmen, anstatt eines einortbaren Profils.

Ein Fazit? Das war eine hochinteressante Erfahrung und was auch immer Chris da Gutes reingeschüttet hat: es hat sich (für die Nase) mehr als ausgezahlt, während der Whisky am Gaumen diese Extraklasse nicht ganz erreicht, jedoch dennoch sehr lecker ist, mit jedem Schluck mehr. Vielen lieben Dank für das Sample!

Wohl an,
Seb

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