Wissen & Meinungsbeiträge

Das Dilemma um die ‚strategische Trinkreserve‘

25. November 2018, Vom Direktverzehr zum Vorrat, vom Vorrat zur Sammlung. Und wann wird geöffnet?

Moin ihr,
es gibt einen vielleicht natürlichen Zyklus, dem viele Whisky-Genießer unwillkürlich folgen, wenn sich ihre Leidenschaft ausprägt – und der oft in einem Dilemma endet.

Denke ich an den Beginn meiner Whisky-Begeisterung zurück, so habe ich von Anfang an neue Malts größtenteils durch Samples probiert, anstatt blindlings ganze Flaschen zu kaufen. Die ersten mich überzeugenden Whiskies kaufte ich schnell in Form ganzer Flaschen nach und öffnete diese zum ausgiebigen Genuss. Je ein Bowmore 12, Bowmore Darkest, Ardbeg Ten, Ardbeg Uigeadail, Bowmore Mariner und Ileach CS bsp. waren meine allerersten gekauften Whiskyflaschen, die ich mit Begeisterung leerte.

Da das „Tagesgeschäft“ mit dem Probieren von Samples, um möglichst viel erkunden zu können mich jedoch sehr schnell stärker einnahm (vulgo ich schnell an viel mehr Flaschenteilungen teilnahm und auch begann, eigene Teilungen durchzuführen), beschränkte ich mich in der Folgezeit darauf, meist nur noch eine oder zwei Großflaschen geöffnet zu haben und ansonsten sprichwörtlich von Samples zu leben.
Weiterhin galt jedoch: was aus Samples probiert wirklich überzeugte (und bezahlbar war), wurde als Großflasche angeschafft, landete als ‚kleiner Vorrat‘ jedoch ‚erstmal‘ im Schrank.

Tja, und dieser Zustand hat sich über die letzten fast neun Jahre eigentlich bis heute gehalten. Bis auf den Umstand, dass ich mich an die letzte geöffnete Flasche Whisky, die ich nicht einer Flaschenteilung zugeführt, sondern komplett allein oder mit Freunden geleert habe, schon nicht mehr erinnern kann. Das muss Jahre her sein.

Interessante Samples finden Ihren Weg zu mir und wollen probiert werden – aus dem Nähkästchen geplaudert sind es beim Schreiben dieser Zeilen genau 0,177009 STE (oder 174 Samples), die noch unangetastet auf mich warten. Flattern heute neue Samples rein, komme ich in frühestens einem Jahr dazu, diese zu öffnen, soweit reicht der Samplestau zurück. Da bleibt kein Raum mehr für das Leeren ganzer Flaschen.

Und was passiert mit all den Flaschen, die ich auf Basis überzeugender Samples gekauft habe? Sagen wir mal, aus dem ‚kleinen Vorrat‘ ist über die Jahre das geworden, was man nonchalant als ‚strategische Trinkreserve‘ bezeichnen könnte. Sprich so anderthalb bis zwei Dekaden könnte ich problemlos ohne Neukäufe durchgehend davon genießen.

Wo liegt nun das Problem?

Einerseits hält mich der Samplestau davon ab, große Flaschen zu öffnen. Andererseits ist er mir auch ein sehr gelegener Vorwand, um nicht über das Öffnen von Flaschen nachdenken zu müssen – denn für mich erhebt sich bei vielen Flaschen die Frage, welches denn wohl der ‚richtige‘ Zeitpunkt zum Öffnen wäre.

Der Knackpunkt im Kern:

Bekäme ich morgen die Diagnose einer binnen Monaten tödlichen Krankheit gestellt, wäre ich geliefert. Einerseits des Ablebens und dessen Implikationen wegen, ebenso jedoch, weil ich nicht mal einen Bruchteil der leckeren, gehorteten Whiskies mehr würde genießen können.
Das Gegenszenario: würde ich einhundert Jahre alt werden, aber morgen ein paar meiner Schätze köpfen, wären diese unwiederbringlich verloren – ebenfalls kein erbaulicher Gedanke für mich.

Bei Samples sehe ich dieses Dilemma übrigens nicht: Samples nutze ich schlicht zum Probieren neuer Whiskies – und ich bin neugierig auf neue Geschmackserlebnisse. Es kann sich also hier keine Verlustangst bilden, da in Sampleform nur Unprobiertes auf mich wartet.

Die ansonsten vielleicht noch naheliegende Idee, Flaschen zu öffnen und sich am Ende deren Genusses noch ein Sample daraus abzufüllen, um dieses wegzustellen, bietet sich in meinen Augen auch nicht an. Aus den bisher fröhlich lockenden Sampleflaschen würde instantan eine mahnende Grabsteinreihe für verlorene Flaschen werden, die den eigentlichen Verlust nicht im Ansatz kompensieren könnten … au weia, nein danke.

Zum Be­frie­di­gen des Entdeckerdrangs nach neuen Whiskies ideal – als Mahnmale dahingeschiedener Flaschen für meinen Geschmack zu traurig verwendet: Samples

Wozu ist der Whisky da?

Einer der vielen rotierenden Whiskysprüche lautet

A closed bottle of Whisky is like an absent friend.

Dem stimme ich voll und ganz zu: eine Flasche Whisky erfüllt ihre Bestimmung erst in dem Moment, wo sie genossen wird. Bis dahin liegt ihr Wert nur in der Vorfreude auf den Genuss – Selbstkasteiung also.

Was den Trinkvorrat an Großflaschen angeht, laufe ich nicht wie mancher täglich daran vorbei und erfreue mich am Anblick der Flaschen, Derartiges geht mir ab. Ganz im Gegenteil – mein Whisky ist extern gelagert, das meiste habe ich schon Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Auch habe ich keine meiner Whiskyflaschen mit dem Blick auf etwaige Wertsteigerungen gekauft. Eine Flasche zu öffnen, die bei jetzigem Verkauf xyz% an Rendite seit dem ursprünglichen Kauf erbringen würde, könnte mich keine Sekunde vom Öffnen abhalten oder gar tatsächlich zum Verkauf bewegen.

Der Punkt ist schlicht: was ich heute öffne und genieße, ist morgen nur noch Erinnerung.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, eine von nur 47 Flaschen eines wunderbaren 1972er Tomintouls zu öffnen, an dessen Erwerb ich zudem so gern zurückdenke, da dieser das erste Kennenlernen mit Martin Diekmann von Maltbarn markierte?

Tomintoul 1972 MBa

Wie sieht es mit der einen, letzten Flasche Bowmore Mariner aus, die hier noch steht?

Bowmore Mariner

Der ist zwar ‚nur‘ ein simpler Standard, jedoch einer der allerersten Whiskies, der mich nachhaltig begeistert hat. Der zudem seit Jahren nicht mehr abgefüllt wird. Und der mit seiner schrägen Geschichte, Bowmore-seitig mit einer ähnlichen ausgeprägten Abfüllung dem erfolgreichen Lagavulin 16 Konkurrenz machen zu wollen, eine drollige Geschichte hat.

Das also ist mein Whisky-Dilemma

Whisky ist (die Vorfreunde ausgenommen)
nur dann von Wert,
wenn er genossen wird.

Wird er genossen,
ist sein Wert (abgesehen von Erinnerungen an den Genuss)
dahin.

– Seb

Teilt Ihr mein Dilemma? Wie geht Ihr damit um?

  • Stapeln sich bei Euch ebenfalls die Sampleberge, sodass an das Leeren ganzer Flaschen sowieso kaum zu denken ist und Ihr Euch der Frage (momentan) ebenfalls nicht stellen müsst?
  • Zögert Ihr, eine besondere Flasche zu öffnen, die nicht mehr nachkaufbar ist (ggf. in Whisky-Auktionen zu meist horrenden Preisen einmal ausgenommen)?
  • Oder seid Ihr derart im Zen ausgeglichen, alsdass Vorfreude, Genuss und Erinnerung für Euch allesamt gleichen Wert haben, Ihr also stets entspannt und ohne Verlustängste Eure Whiskies entkorkt?

Ich bin sehr gespannt, ob das Thema Euch auch beschäftigt und wie Ihr damit umgeht.

Einen schönen Sonntag Euch,
Seb

Dieser Text ist als Kolumne in den „Cutty-News“ der Cutty Sark Scots Whisky Community erschienen – dort findet sich auch die zugehörige Diskussion, an der Ihr Euch sehr gern beteiligen könnt.

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