Messe- & Veranstaltungsbesuche

Das gab’s so auch noch nicht

17. November 2018, »Von einer Whiskymesse (fast) ohne Whisky«, auf dem Bottle Market in Bremen

Moin ihr,
nein, ich möchte mit dem Titel dieses Textes nicht darauf anspielen, dass der Bremer Bottle Market, statt eine eigenständige Whiskymesse im klassischen Sinne zu sein, der parallel stattfindenden „Christmas & More“ als einer gänzlich anders gelagerten Weihnachtsmesse quasi nur angeflanscht ist. Die Tatsache, dass die Tickets wechselseitig für beide Messeteile gültig sind, führt Jahr für Jahr zu illustren Bildern – einerseits von meist grau melierten, meist weiblichen Vorweihnachtsfiebrigen, die sich verlaufend unvermittelt zwischen Whiskyglas-schwingenden, meist männlichen Maltheads in der deutlich dunkleren Whiskyhalle wiederfinden und sich herrlich über die Tatsache pikieren, dass über Tage hier wohl organisiert Alkohol zu sich genommen wird. Schande!

Andererseits sind auch vereinzelt Whiskyenthusiast*innen zu beobachten, die sich mit dem obligatorischen Beuteglas um den Hals auf einmal wie unversehens durch ein Dimensionstor getreten in der schrill beleuchteten, gleichzeitig himmelsweißen und knatschbunten Winterwunderlandsuperzauberweihnachtsgeschenkewelt wiederfinden und inmitten von Rentier-verzierten Stoffballen und Geschenklösungen für jeden Kitschgeschmackshaushalt binnen Sekunden vom Wunsch nach strategischer Absetzbewegung in die dunkle Malthöhle übermannt werden.

Nein, darum also soll es bei der im Titel kolportierten Whiskyabwesenheit nicht gehen – Whisky war weidlich vorhanden. Nein, der Titel spielt auf nichts anderes an als meine arme kleine, persönliche Befindlichkeit.

Spulen wir drei Wochen zurück: am 27. Oktober fand die Aquavitae in Mülheim statt – wir regulars hatten einen spaßigen Trip (die Rückreise explizit ausgenommen, siehe das Ende unseres Reiseberichts 😉 ) dorthin. Am Abend der Rückfahrt war ich sehr heiser, schob das aber auf die vielen Gespräche des Tages. Am Folgemorgen war ich erkältet. Einen weiteren Tag später hatte eine ausgewachsene Männergrippe mich derart in ihren Klauen, dass ich zeitweilig darüber sinnierte, ob ich meine Frau bitten sollte, mir meine Stiefel anzuziehen (um in diesen ehrenhaft aus dem Leben zu treten) und die versammelte Familie ans mutmaßliche Totenbett zu bestellen. Eisern wie ich bin, habe ich das dann nicht getan, sondern schön samt Fieber und allem Drum und dran gelitten und auf einen Weg zurück ins Leben gehofft. Tage. Viele Tage. Und irgendwann dann Wochen.

Als ich nach zweieinhalb Wochen noch immer voll im Schnupfen befindlich mal meinem Hausarzt unter die Augen trat, fiel dessen Entscheid zwischen der Bestellung des Kadaverwagens oder übermenschlichem Vertrauen in Heilungschancen gestützt durch ein Antibiotikum erfreulicherweise auf letztere Option.

Im zweiten fröhlich von Tabletten ins Leben zurückgeholten Tag, aber dennoch verschnuppt wie seit Ende Oktober, stand dann diesen Samstagmorgen die Frage im Raum: in die Stiefel (also nicht die fürs würdevolle Ableben, die für Unternehmungen) oder im Bett bleiben? Es war klar, dass Whisky mir weder Geruch noch Geschmack zu bieten hätte – aber die vielen Gesichter, die man auf Messen so trifft, sind mir doch mindestens ebenso wichtig wie die Drams.

Hart und eisern zu mir selbst wie eh und je – und unter Aufbietung sämtlicher Selbstbeherrschung schob ich mich erst unter die Dusche, dann in einen Satz Klamotten und zuletzt in die besagten Stiefel. Und dann ging es mit erst fünfköpfiger, dann vor Ort wachsender Schar zur Messe.

Auf einen Bottle Market, der besser besucht, voller und gedrängter wirkte als in den Vorjahren – die Messe zieht und funktioniert, toll!

Auf einen Bottle Market, der mehr spannende Aussteller als im Vorjahr zu bieten schien – auch für die scheint das Konzept mit angeschlossener Weihnachtsmesse aufzugehen, yay!

Und so durfte ich antibiotika-gestählt ein paar schöne Stunden einfach nur in Gesprächen verbringen. Keine Jagd nach spannenden Drams, keine Flaschenkäufe – einfach nur Pläusche satt. Mit vielen alten Bekannten und zudem neuen Gesichtern (Ostfriesland darf sich freuen, so zwischen Oldenburg und Rhauderfehn hat so mancher Pläne, uns Whiskyliebhaber*innen Gutes zu tun – ich bin gespannt, was daraus wird und werde mit Freuden berichten, wenn hier und da aus Gack tatsächlich Ei werden sollte).

Einzig neu, etwas verwirrend und ein ganz klein wenig gruselig war es, von mehreren mir gänzlich Unbekannten ob des leicht erkenntlichen regulars-Poloshirts angesprochen oder angerufen zu werden, die sich zum Händeschütteln und für ein paar Worte vorstellten und als Blogleser outeten. Oha, das Getippe hier wird also anscheinend tatsächlich gelesen. Ich danke für die Schnacks und freue mich riesig, dass der eine oder andere Text der Einen oder Anderen tatsächlich etwas Plaisir oder auch mal einen Denkanstoß bereitet.

Nun aber doch ein ganz kurzer Schwenk zum Thema Whisky: um zu schauen, ob Nase oder Gaumen zu irgendwas in der Lage wären, habe ich dann doch zumindest einen lang ersehnten SSMC-Bowmore ins Glas genommen:

Bowmore 1996 MC

Und siehe da, ja, doch, das schmeckte nach Bowmore. Leider jedoch auch nach dem 80er-Jahre-Bowmore-Veilchen – und das bei einem 1996er? Hmm, ich plädiere im Zweifel auf schuldunfähig, meine hohen Erwartungen wurden jedoch leider nicht ganz eingelöst.

In der Mittagspause half Callaman mir noch einen unfassbar alten Yamazaki über, der nichts als verschwendet für meine angeschlagene Karkasse war.

Suntory Special Reserve Whisky

Allzumal, da mein Mahl aus Fish & Chips bestand, deren Tunke von den caternden Genies mit reichlich Knoblauch abgeschmeckt war. Dennoch 1000 Dank, Wasja, ich konnte nur erahnen, wie klasse der tatsächlich gewesen sein muss!

Jo, und mehr gibt’s fast nicht zu erzählen. Ich habe viel von einer tollen Atmosphäre aufgesaugt und bei ein paar fantastischen Cloudy Ciders (man soll ja zur Genesung möglichst viel trinken) einen tollen Tag verlebt. In unserer Gruppe aus ingesamt zehn Nasen (freut mich riesig, dass ihr wieder oder gar zum ersten Mal mit von der Partie wart) und mit vielen alten wie neuen Bekannten.

Und mit der Stimmung möchte ich enden: in einer sehr dunklen, nur leicht von den Ständen selbst her beleuchteten Messehalle ist das wabernde Summen vieler hunderter Besucher*innen im Gespräch zu hören. Flaschen klackern aneinander, Gläser klirren und die Atmosphäre umschlingt einen dicht und freundlich. Ich blättere etwas im virtuellen Plattenschrank und hole das 1997er Album „Trouble is …“ von Kenny Wayne Shepherd hervor. Der Titel „Blue on black“ bringt die Stimmung meines (fast) whiskyfreien Whiskymessetags nahezu perfekt auf den Punkt:

Wunderbar.

Und damit verlasse ich Bremen, verlasse die Bahn zurück, trete ins Haus und die Stiefel haben Pause. Ich werd’ jetzt erstmal gesund.

Beste Grüße,
Seb

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