Kurz notiert

40%? 43%? 46%? 50%? Ja was denn nun?

11. November 2018, Welche Alkoholstärke ist die richtige für Whisky?

Moin ihr,
wenn wir über einen Whisky sprechen, ist stets eine der ersten Fragen die nach der Alkoholstärke. Ein lapidares „wieviel Volt?“, welches uns ggf. vorwarnt, bevor wir ganz unbedarft an einer kräftigen Fassstärke schlucken und auf der Zunge unbeabsichtigt Disco angesagt ist.

Das bei der Alkoholstärke jedoch fast jede vermeintliche Regel komplett widerlegbar ist und die Stärkeangabe uns eigentlich viel weniger sagt, als eine sachlich-präzise Zahl das sollte, möchte ich hier aufzeigen.

Steigen wir ein:

Whisky muss, um Whisky heißen zu dürfen, mit mindestens 40% Alkoholgehalt abgefüllt sein. Genau dieser Wert war früher auch der weitverbreitete Standard – auch wenn Whisky im Regelfall je nach Alter das Fass gern mit irgendwas zwischen 45 und 60% Alkoholgehalt verlässt. Spielt doch gerade bei günstigen Spirituosen die Alkoholsteuer eine gewichtige Rolle in der Preisfestsetzung und lässt sich so auch herstellerseitig prima arbeiten, wenn das gereifte Destillat aus dem Fass von seiner Ursprungsstärke mit Wasser auf 40% verdünnt wird und die verkaufsfertige Menge damit wächst.

Dieser Alkoholgehalt ermöglicht zudem den Einstieg – Neulinge, die nicht oft wirklich Hochprozentiges trinken mit weit mehr als 40% im Glas an den allerersten Whisky heranzuführen, birgt wenig Aussicht auf Erfolg.

Also: am Anfang waren da oftmals 40%, bei hochwertigeren, älteren Abfüllungen bisweilen auch 43%. Und heute sehen wir im Regal einen Zoo aus verschiedensten Alkoholgehältern. Wie kam es dazu?

Das erste Stichwort lautet unabhängige Abfüller: diese etablierten höhere Alkoholgehälter (bsp. Cadenhead’s Mitte der 1970er mit seinen „Black Dumpys“, abgefüllt 45,7% bzw. 80° Proof). Auch und vor allem italienische Whisky-Importeure setzten mit Anfragen nach höherprozentig abgefüllten Whiskies Impulse bei den schottischen Destillerien. Alkohol ist Geschmacksträger: mehr Prozente bedeuten mehr Aromenfülle und Genusswert im Glas. Die Aufmerksamkeit für den Faktor „wieviel Prozente?“ wuchs über die Jahre und auch bei Standard-Whiskies fiel auf, wenn Whisky A wie eh und je mit 40% daher kam, Whisky B jedoch auf einmal mit 43% auftrumpfte – ein Faktor im Wettbewerb um uns Kunden.

Das Stichwort Marketing ist das zweite: edelster Anspruch für Whiskygenießer ist es heute, möglichst nicht gefärbte und nicht kühlgefilterte Whiskies ins Glas zu bekommen. Die früher übliche Kältefiltrierung hat einen ganz simplen praktischen Nutzen: Whisky trübt sich so behandelt bei Temperaturveränderungen nicht ein und sieht stets hübsch und appetitlich aus. Jedoch entzieht Kältefiltration dem Whisky wesentliche Bestandteile und potenziell Aromen, weshalb viele Whiskies heute nicht mehr kältefiltriert werden. Damit diese nicht kühlgefilterten Abfüllungen sich nun jedoch nicht nach kurzer Zeit im Kalten auf einmal eintrüben und aussehen wie naturtrüber Apfelmost, werden sie oft bei der dieses Eintrübungspotenzial natürlich minimierenden Alkoholstärke von 46% abgefüllt. Abfüllungen dieser Stärke fanden vermehrt seit den Neunzigern ihren Weg auf die Märkte.

Bei trinkstarken Whiskies ist es heute also eine Frage des Flaschenpreises (dies gilt nur für wirklich billige Abfüllungen), der Art der Filtrierung oder des Wettbewerbs um uns Kunden, ob wir unsere Abfüllung mit 40%, 43%, 46% oder sogar 48% erhalten.

Übrigens: Der frisch produzierte Spirit, der zu Whisky reift, wird in Schottland meist mit 63,5% Alkoholgehalt ins Fass gefüllt. Im Regelfall sinkt bei der Reifung dieser Alkoholgehalt über die Zeit – manchmal sachte, manchmal sehr deutlich.

Die zweite Kategorie sind die eben schon angesprochenen fassstarken Whiskies.
Fass auf, Flasche drunter, zack fertig – fassstarker Whisky. Dessen Alkoholgehalt kann ganz nach Reifezeit, Beschaffenheit des Fasses und den klimatischen Variablen der Umgebung sehr stark schwanken.

Wenn es so etwas wie einen Regelfall bei Whisky-Abfüllungen in der ganzen Bandbreite von drei bis 50 Jahren Alter geben kann, dann, dass fassstarke Abfüllungen sich meist zwischen 50 und 60% Alkoholgehalt bewegen – mit Ausreißern in beide Richtungen.

Ich genoss beispielsweise mal einen wunderschönen Glenfarclas, der nach 45 Jahren im Fass auf einen Alkoholgehalt von nur noch 38,3% gefallen war (und deshalb auch nicht mehr als Whisky, sondern als „Spirit Drink“ verkauft werden musste).

The Hielanman Spirit Drink 1971 CA

Am anderen Ende der Skala hatte ich mal einen Bourbon mit satten 68,5% im Glas, der unendliche Reserven zum Verdünnen ließ, jedoch tatsächlich auch pur seine Reize hatte.

Elijah Craig Barrel Proof - Release #2

Oder den (nicht wirklich mitzuzählenden, weil nicht im Fass gereiften) Höllen-Spirit namens „Poteen“, der mit 90% Alkoholgehalt daher kam.
Nur bevor jemand fragt: nein, den muss man keinesfalls mal probiert haben.

Knockeen Hills Irish Poteen

Nun aber die spannende Frage: welcher Alkoholgehalt ist der Beste? Der Richtige? Der einzig Wahre?

Tja, ernüchternde Antwort gefällig? Den gibt’s nicht.

Prinzipiell halte ich es für wünschenswert, fassstarke Abfüllungen in Händen zu halten. Sind mir diese zu kräftig, kann ich sie vorsichtig und nach eigenem Gusto mit Wasser verdünnen – was bei Trinkstärken logischerweise andersherum nicht geht, wenn ich mir etwas mehr Druck im Glas wünschen würde.

Ansonsten lässt der Alkoholgehalt mich nicht auf die Qualität von Whisky schließen. Je nach Verlauf der Reifung gibt es Whiskies, die mit 60% und mehr daherkommen und sich seidenweich im Mund geben, wo also kein Alkohol brennt oder hervorsticht. Ich erinnere mich da an einen Tamdhu, der war reines, flüssiges Karamell – trotz 60,2% Alkoholgehalt:

Tamdhu 2005 vW

Auf der anderen Seite gibt es Whiskies, die auch trinkstark abgefüllt sprittig schmecken und mit schlecht eingebundenem Alkohol ganz schön unangenehm werden können.

Zudem muss konzediert werden, dass eine Ursache, heute mit mehr Prozenten abzufüllen als früher die sinkende Qualität heutiger Whiskies ist. Vom erzeugten Destillat einer Brennerei, welches ehedem zu allergrößten Teilen an die Blended-Whisky-Industrie verkauft wurde, wird heute viel mehr (weil profitabler) als Single Malt abgefüllt – damit kommt zwangsweise mehr durchschnittliche oder mindere Qualität auf den Markt als früher. Moderne Whiskies werden deshalb oft in höherer Alkoholstärke (oder gar fassstark) aufgelegt, um durch diese Extra-Prozente etwas mehr Intensität und Genusswert für Nase und Gaumen herauszuholen und den vielleicht mäßigeren Spirit damit auszugleichen.

Sprich: der Alkoholgehalt einer Abfüllung per se sagt erstmal nur wenig aus.

Das treibe ich mal auf die Spitze durch eine Anekdote aus dem allerersten Raritätentasting der regulars: wir hatten fünf fassstarke Whiskies im Glas gehabt, mit 42,9%, 47,6%, 50,1%, 49,3% und 56,0%. Dann folgte ein sehr alter Bowmore, ein mindestens 30-jähriges Destillat aus 1976 (oder früher), mit 43,0% – also eine Trinkstärke – die beileibe nicht unterging, sondern auf der Zunge voll mithalten konnte.

Bowmore Kranna Dubh

Und danach folgt sogar ein noch „schwächerer“ Malt: ein mindestens 30-jähriger, in oder vor 1967 destillierter Ardbeg, abgefüllt mit läppischen 40,0%. Und der verwies alle anderen Malts des Abends in Sachen Intensität, Geschmacksbandbreite und Genussvergnügen gehörig auf die Plätze. Was für ein geschmacksintensiver, druckstarker Whisky. Bei 40,0%! Hach, diese wunderschönen, alten Malts …

Ardbeg 30-year-old

Also: der Alkoholgehalt sagt fast gar nichts aus. Habe ich es mit sehr alten Whiskies zu tun (dem Alter nach oder auch aus alten Flaschen von Sammlern, gereift in alter Zeit), sind bei 40-45% Alkohol absolut genussvolle, intensive Feuerwerke keine Seltenheit.

Lediglich beim Kauf moderner, frischer und jüngerer Whiskies würde ich mir zwei Mal überlegen, ob ich noch zur Flasche mit 40% greife, da die Gefahr, dem trainierten Gaumen etwas zu wässriges zu bieten, dann doch real ist.

Ansonsten kann auch andersherum die Enttäuschung groß sein, wenn ich einen jungen Malt mit sagen wir 58% erwerbe, ihn probiere und als unangenehm sprittig empfinde, ihn mit etwas Wasser mäßigen will und dann feststellen muss, dass er „kein guter Schwimmer“ ist, also bei Wasserzugabe geschmacklich sofort dünn und langweilig wird. Das ist dann auch ein deutliches Zeichen für eine suboptimale Abfüllung.

Schwierig, oder? Da kann man sich also als wegweisendes Qualitätsmerkmal nicht auf die Zahl verlassen, die da manchmal so lockend mit krummer Nachkommastelle und in ihrer andere übertrumpfenden Höhe auf der Flasche steht. Och menno, das Leben als Whiskygenießer ist schon kein Leichtes …

Tja, soviel also zum großen Zahlenbingo auf unseren Whiskyflaschen:
Keine Angst vor nur 40% bei altem Stoff!
Keine Sorge, dass 58% Euch vom Hocker hauen müssen!
Alles kann, nichts muss … 😉

Einen schönen Sonntag Euch,
Seb

PS: Vitaler Input zu diesem Text hinsichtlich „der alten Zeiten“ stammt von macwhisky. Vielen Dank, Bert!

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