Kurz notiert

Ist das (noch) Kunst – oder kann das weg?

4. November 2018, Zum Status quo unabhängiger Abfüller.

Moin ihr,
ich fang mal vorne an: füllt eine Destille Whisky ab und vertreibt diesen unter ihrem Namen, handelt es sich um eine so genannte Originalabfüllung (OA, englisch OB für Original Bottling).
Kaufen freie Händler (so genannte Broker) Fässer von Destillen zum Weiterverkauf an kleinere, freie Abfüller oder kaufen große freie Abfüller direkt Fässer von Destillen, bezeichnen wir sämtliche von diesen Dritten veröffentlichten Produkte als unabhängige Abfüllungen (UA, englisch IB für Independent Bottling).

Die Unterschiede lagen (Achtung: Vergangenheitsform) mal auf der Hand: Originalabfüllungen, allen voran dauerhaft erhältliche, in großen Batches aus vielen Fässern produzierte Standards, standen für ein mehr oder weniger gleichbleibendes Geschmacksprofil: schmeckte uns ein Whisky, konnten wir ihn nachkaufen und wussten, was wir bekamen.

Unabhängige Abfüllungen hingegen machten den Reiz des ganz Besonderen aus: meist als Einzelfässer abgefüllt, öffneten sich uns Kunden einmalige Geschmackserlebnisse: jedes Fass schmeckt anders, als UA erhielten wir zudem meist die unverdünnte Fassstärke, keine Kühlfiltrierung und keine Färbung – mithin die oberste Stufe an Rarität und Reinheit in Sachen Whiskygenuss für Kenner.

Für uns Genießer waren OAs und UAs stets nebeneinander zwei berechtigte Stilarten. War zwar die gern verbreitete Mär von unabhängigen Abfüllern, die durch die Lagerhäuser der Destillern stromern, frei probieren und sich die besten Fässer zum Kauf aussuchen konnten, schon immer ein Zerrbild, an das niemand mit Verstand so Recht glauben konnte, so waren doch viele extrem hochqualitative Fässer im Markt, die als UAs veröffentlicht wurden, zu deutlich attraktiveren Preisen als OAs vergleichbaren Alters.

Für die Destillen, die jahre- und vor allem jahrzentelange Lagerzeiten in Kauf nehmen mussten, bis aus Kosten für den Rohbrand, die Fässer, die Lagerung und kontinuierliche Prüfung endlich Gewinn durch Verkäufe fertiger, abgefüllter Whiskies entstand, war der Verkauf junger Fässer an unabhängige Abfüller ein Segen: Geld floss in die Kassen und besserte das betriebswirtschaftliche Bild von einer Destille als Investitionsgrab, welche immer erst nach viel Vorlauf Renditen erwirtschaften konnte, deutlich auf.

Irgendwann jedoch kam der Whisky-Boom. In den 90ern beginnend, deutlicher nach der Jahrtausendwende, richtig heiß laufend in 2010 ff. stieg die Nachfrage nach Whisky am Markt deutlich an. Mit Konsequenzen, die uns bekannt sind: steigende Preise, das Verschwinden von geliebten Standardabfüllungen mit großen Alterszahlen und die NAS-Schwemme (zur Entwicklung von Whiskypreisen und -Qualität habe ich hier etwas mehr ausgeführt).

Zwar versuchten die Destillen und deren Besitzer, wo finanziell möglich, dem Boom folgend ihre Produktionskapazitäten signifikant auszubauen, da dies jedoch erst nach Jahren Effekte zeigte und es schnell steigende Bedarfe zu decken galt und gilt, war eine der spürbaren Auswirkungen, dass viele der beliebtesten Destillen keine Fässer mehr an Broker und unabhängige Abfüller verkauften.

Die Landschaft von UAs heute bietet uns (gegenüber der vor einer Dekade) also mehr „B-Destillen“ statt der ganz großen Namen. Auch haben schon unabhängige Abfüller wegen der Probleme, qualitativ ansprechende Fässer ankaufen und abfüllen zu können, die Segel gestrichen: C&S Dram bsp. kündigte 2017 die Geschäftsschließung an und zog in letzter Sekunde zurück, Abfüller wie Kintra Whisky kaprizieren sich zusehends auf das Abfüllen von Rum und Gin; Adelphi als unabhängiger Abfüller hat mit Ardnamurchan eine 2013 eröffnete, eigene Destille gebaut – wohl wissend, dass die Zukunft für UAs düster aussieht. Ich würde nicht darauf wetten wollen, wer in fünf bzw. zehn Jahren noch am Markt ist und wer verschwunden.

Weiter folgen die unabhängigen Abfüller dem erbarmungslosen NAS-Trend und bringen unter Fantasienamen junge – bisweilen auch sehr junge – Abfüllungen mit und ohne Altersangabe und neuerdings auch immer öfter ohne Nennung des dahinter stehenden Destillerienamens heraus.

Derweil ist in der Landschaft der Originalabfüllungen zu erkennen, dass die Destillen das Leistungsversprechen der UAs aufgreifen und selbst vermarkten: viele Single-Cask-Abfüllungen kommen als OAs auf den Markt (allen voran bei BenRiach, GlenDronach und Kavalan), sodass das Kernargument für UAs, die so sonst nicht erhältliche, unique Einzelfassqualität, zu bröckeln beginnt. Zudem übertreffen UAs vor allem höheren Alters mittlerweile gern die Preise vergleichbarer OAs.

Was bedeutet das?

  • Die Destillen selbst haben den besten, vollen Zugriff auf ihre Lager, Broker und unabhängige Abfüller erhalten von vielen Destillen gar keine Fässer mehr, von anderen in jedem Fall nur höchst selten qualitative Ausnahmefässer im positiven Sinne
  • Immer öfter ist unter der Hand von unabhängigen Abfüllern zu hören, dass Vorverkostungsproben/Fasssamples nicht mehr erhältlich sind, sondern nach den technischen Eckdaten eines Fasses blind über dessen Ankauf entschieden werden muss – was ebenfalls logischerweise alles andere als ein Garant für Qualität ist.

Ich selbst tue mich sehr schwer, aus all dem ein Fazit zu ziehen. Ich liebe UAs und ich sehe, dass bestimmte Abfüller (Cadenhead’s, Maltbarn, Adelphi) in hoher Quote auch heute noch großartige Tropfen anzubieten haben, während ich Abfüllungen anderer (nennen wir exemplarisch mal Murray McDavid mit seinen fast durchweg schlechten Fässern, die qua Überfinishing verkaufsfertig zurechtgepimpt werden oder auch The Lost Destillery Company mit ihren NAS-aber-mit-viel-Marketing-Bullshit-von-verlorenen-Distillen-drumerhum-Abfüllungen) nicht mit der Kohlenzange anpacken würde.

Mein Verstand sagt mir, dass sich die Verschiebungen und Trends fortsetzen werden und wir ggf. ein Sterben unabhängiger Abfüller erleben werden und/oder aber deren Sortimente weiter radikal jünger und qualitativ schlechter werden. Auch der Trend zu atemberaubenden Preisen im negativen Sinne für junge Whiskies von mäßiger Qualität wird sicherlich anhalten.

Soweit mein Blick in Herz und Glaskugel – aber was seht Ihr, wenn Ihr in den Spiegel guckt? Denkt doch mal über folgende Fragen nach:

  • Probiert Ihr heute zehn unabhängige Abfüllungen quer durch das UA-Sortiment, wie viele davon sind geschmacklich aus Eurer Sicht preiswürdige Volltreffer? Hat sich die Leckerschmecker-zu-vertretbarem-Preis-Quote im Vergleich zu vor einigen Jahren gewandelt?
  • Hat sich bei Euch versierten und aktiven Genießern heute das OA-zu-UA-Verhältnis beim Kaufen geändert, shoppt Ihr also mehr OAs als noch vor ein paar Jahren?
  • Welche unabhängigen Abfüller sind nach heutigem Stand auf Eurer „denen kann ich quasi blind vertrauen“-Whitelist, welche auf der „von denen hatte ich derartigen Mist im Glas: nie wieder!“-Blacklist? Haben sich diese Listen in den letzten Jahren geändert?

Ich bin gespannt auf Eure Bewertung der Lage,
einen schönen Sonntag Euch,
Seb

Dieser Text ist als Kolumne in den „Cutty-News“ der Cutty Sark Scots Whisky Community erschienen – dort findet sich auch die zugehörige Diskussion, an der Ihr Euch sehr gern beteiligen könnt.

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