Kurz notiert

Darf’s ein bisschen mehr sein?

21. Oktober 2018, Über die Entwicklung von Whiskypreisen. Und das Problem mit der Qualität.

Moin ihr,
eine der wieder und wieder und wieder im Kreis verlaufenden Diskussionen unter Whiskyfreunden persönlich wie auch in den Onlineforen dreht sich um die zwei Fragen „Wieviel sollte ich maximal für Whisky ausgeben?“ und „Die Preise steigen weiter und weiter – wieviel sollte mir diese und jene liebgewordene Abfüllung maximal Wert sein, bevor ich sie links liegen lasse?“. Dazu ein paar Gedanken.

Schauen wir uns den Whiskymarkt einmal an:

Grobweg seit der Jahrtausendwende entdecken mehr und mehr Genießer Whisky für sich. Bei steigenden Absatzzahlen und der Grundproblematik, dass durch lange Reifungszeiten nicht mal eben binnen weniger Jahre die Produktionsmengen hochgefahren und dem Absatzboom angepasst werden können, sind steigende Preise eine zwangsläufige Konsequenz.

Und es gibt weitere, unschöne Seiteneffekte: ‚Nanu, auf einmal ändert sich das Geschmacksbild meines 18-jährigen Glendingdong, wie kann denn das sein?‘
Die einfache Antwort: eine Altersangabe zeigt stets das Alter des jüngsten in dieser Abfüllung enthaltenen Whisky an. In den ‚guten alten Zeiten™‘ wurden zur Komposition des gewünschten Geschmacksbilds aus den vollen Lagerhäusern stets auch ältere Fässer beigegeben, in unserem 18-jährigen Single Malt war durchaus hochqualitativer, gut gereifter älterer Stoff enthalten – ein Luxus, den sich die Industrie bei reißenden Absätzen und (in Hinblick auf die Bestände alter Whiskies) sich leerenden Lagerhäusern weder mehr leisten muss noch kann.
Und dies ist noch der bessere Fall: Abfüllungen, die stets und ständig verfügbar waren, verschwinden auf einmal zwischenzeitig oder dauerhaft vom Markt.

Glendronach 15-year-old RevivalErst waren deutlich ältere Whiskies im 15-jährigen Glendronach enthalten, momentan ist er nicht mehr zu bekommen. Hier liegt die Ursache nicht (nur) im Boom: die Destille war von 1996 bis 2001 geschlossen, produzierte in dieser Zeit nicht.

Dafür tauchen jedoch sehr viele neue NAS-Abfüllungen auf, die die Produzenten heute aus 7-jährigen, morgen aus 5-jährigen und – wenn es die Lagerhäuser nicht anders hergeben und der Erfolg anhält – übermorgen auch aus 3-jährigen Whiskies herstellen können, ohne an Leistungsversprechen oder Preis etwas ändern zu müssen.

Wie also als Genießer mit diesen Dynamiken und den allenthalben steigenden Preisen umgehen?

Ⅰ. Preisgrenzen: Sky’s the limit.
Probieren wir unsere ersten Whiskies, tippen wir uns instantan an den Kopf, wenn jemand davon erzählt, für diese oder jene Flasche mehr als 100 € bezahlt zu haben. Auch ich.
 Dann finden wir uns in das Thema Whisky weiter ein und entdecken, dass es gewaltige Qualitätsunterschiede bei Whiskies gibt und das 200 € für eine Flasche Whisky auszugeben bedeuten kann, ganze 35 Mal ein himmlisches Genussvergnügen für je nur 5,72 € zu haben. Das klingt auf einmal doch mehr als preiswert, oder etwa nicht?
Was ich damit sagen will: die eigene Preisskala verschiebt sich kontinuierlich, je mehr (und auch je exklusiver) man probiert. Und die Entwicklung des Marktes mit generell steigenden Preisen tut ihr übriges.
Für mich gibt es im Preisgefüge von Whiskies jedoch einen ganz wichtigen Schnittpunkt: da, wo ich nicht mehr für mehr Qualität bezahle, sondern für den Faktor Rarität.
Ein Beispiel: in den letzten Jahren erschienen einige 40- bis 45-jährige Abfüllungen aus der Speyside. Die Namen der konkreten Destillerie(n) durften nicht genannt werden und die Whiskies wurden von Unabhängigen Abfüllern im Preisbereich von 380-420 € verkauft. Für das Alter und die Qualität, also den reinen Genusswert dieser Tropfen waren die Ausgabepreise in meinen Augen absolut preiswert – das war mitunter Götterstoff. Vollkommen okay und allemal ihr Geld mehr als wert.

Speyside Region Malt 1975 SbUnfassbarer Stoff – für 400 € pro Flasche in meinen Augen fast als Schnäppchen zu bezeichnen: eine der sensationellen Undisclosed-Speyside-Abfüllungen der letzten Jahre.

Wäre eines dieser Fässer unter dem Namen der Destille abgefüllt und als Originalausgabe erschienen, läge (das Alter berücksichtigt) der Preispunkt je nach Destille irgendwo zwischen 800 und 2.500 €. Für denselben Inhalt. Bäm.
Das schlicht, weil die Seltenheit einer solch alten Flasche der Destille Glendingdong, also der Faktor Rarität, hinzukommt. Und damit würde ich derartigen Whisky dankend anderen überlassen, das ist nicht mein Preisbereich.

In Hinblick auf Preisleistung üben bsp. auch die in meinen Augen größtenteils mäßigen jährlichen Special Releases von Ardbeg mit Ihren (bei Ausgabe!) mittlerweile 90-100 € für eine NAS-Abfüllung mit viel umkränzender Marketing-Geschichte drumherum und wenig bestechender Qualität im Glas mittlerweile keinen Reiz mehr auf mich aus. Da ist die Schraube schlichtweg überdreht.

Ardbeg GroovesWas Whisky mit dem Thema Hippies/Blumenkinder zu tun hat? Wohl nichts. Aber hey: es steht Ardbeg drauf, ist limitiert – warum nicht 100 € dafür ausgeben? Na ohne mich …
Ich versuche viel zu probieren, mich aber von derartigen, mehr und mehr wuchernden Marketing-Geschichten nicht einnehmen zu lassen. Was in der Flasche steckt und dessen Bepreisung sollte zählen …

Zudem ist ein leider oft zu beobachtendes Phänomen, dass viele limitierte Abfüllungen direkt bei Erscheinen binnen Stunden oder gar Minuten vergriffen sind und somit für uns nur auf Auktionsplattformen oder bei Händlern, die diese Malts den empfohlenen Ausgabepreis ignorierend zu deutlich höheren Preisen anbieten, zu erhalten sind. Hier stellt sich uns unabhängig von „Wer Glück hatte, hat diese Flasche aber zu Preis xyz geschossen!“ (was unerheblich ist) die persönliche Gewissensfrage: „Was ist mir diese Abfüllung Wert?“
Das Fazit hier also: Limitierungen/Knappheit machen teuer. Alter macht teuer. Große Brennereinamen machen teuer. Und aufregende Marketinggeschichten ohne jeden Wert für den darüber verkauften Whisky machen teuer.

Ⅱ. „Früher war alles besser“ hilft nicht. Null.

Natürlich tut es dem erfahrenen Genießer weh, heute für einen Whisky 10, 20 oder 30% mehr zu bezahlen als noch vor wenigen Jahren. Das persönliche Limit für eine Abfüllung gilt es für jede Flasche abzuwägen und selbst zu setzen. Wie hoch ist mein Genusswert, wieviel bin ich bereit, hierfür auszugeben?
Und schaut man sich um, was man wo für’s Geld bekommt, sind manche Standards in meinen Augen auch bei 150% des ‚vor-zehn-Jahren-Preises‘ noch im Verhältnis angemessen bepreist.

Ben Nevis 10-year-oldEin absoluter Volltreffer im Glas: der Ben Nevis 10. Leider geht das Meiste davon Richtung Japan (die Destille gehört zur japanischen Nikka Whisky Distilling), was ihn hier ebenfalls schon schwerer erhältlich macht – dennoch ist er mit 40-50 € in meinen Augen als preiswert einzustufen.

Ⅲ. „Abseits der Autobahnen“ gibt es viel Schönes zu entdecken.

Der Boom reißt zuvorderst und am stärksten die großen Namen der Branche mit: Macallan, Highland Park, Ardbeg – da wird es entweder arg teuer oder wir müssen uns auf NAS-Abfüllungen von meist fragwürdiger Qualität einlassen. Deshalb lädt eine Marktsituation wie die aktuelle mehr denn je dazu ein, sich nach den Destillen umzuschauen, die nicht so im Fokus liegen. Und da gibt es absolute Schätze zu entdecken, die preislich ganz anders darstehen als die Abfüllungen der vermeindlichen Top-Destillen.

Dailuaine 16-year-oldDailuaine ist seit vielen Jahren meine heimliche Liebe – ein schön trockener Spirit mit viel Charakter. Die 16-jährige Flora&Fauna-Abfüllung ist beispielsweise ein sehr empfehlenswerter Tropfen – ach, jedoch leider auch vor einiger Zeit vom Markt verschwunden …

Ⅳ. NAS ist ein „Nur-Ausgabetags-Standard“
NAS-Abfüllungen sind nicht durch die Bank weg zu verteufeln. Es gibt hier und da leckeren Whisky ohne Altersangabe. Aber, wie oben geschrieben, gibt es gegenüber Abfüllungen mit Altersangabe hier keinerlei Garantie, in einigen Monaten oder Jahren auch nur annähernd dasselbe Produkt zu erhalten wie heute. Deshalb: erscheint eine neue NAS-Abfüllung, probiere ich diese und bin ich angenehm überrascht gilt: kaufen! Der Standard der ersten Batches wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht steigen und ggf. nicht dauerhaft konstant bleiben, sondern tendenziell eher qualitativ sinken. NAS-Abfüllungen sind für mich „Nur-Ausgabetags-Standards“: probieren, kaufen, fertig. Jahre später würde ich dringend aus dann aktuellen Batches probieren, bevor ich kaufe und eine Enttäuschung droht.

Talisker Port RuigheEine typische NAS-Abfüllung, erschienen erstmals 2013: der Talisker Port Ruighe. Damals mundete er mir und ich habe mir ein paar Flaschen davon weggestellt.

Das sollen mal meine paar losen Gedanken zum Thema Whiskypreise und -Qualität gewesen sein. Am Ende wird es bei jedem von uns beim Probieren eines herausragenden neuen Whisky als Grundlage für einen Kaufentscheid auf eine schlichte Frage hinauslaufen: wie sehr hat er mich begeistert und kann/sollte ich ihn mir am Genusswert gemessen leisten? Eine Frage, die es fallbezogen wieder und wieder aufs Neue zu beantworten gilt …

Ich jedenfalls wünsche Euch alle Zeit ihren Preis werte Tropfen aller Preisklassen in Glas und Schrank,
Seb

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