Wissen & Meinungsbeiträge

Freude bis zum letzten Tropfen

7. Oktober 2018, Über die optimale Lagerung von Whisky.

Moin ihr,
man kennt das: wir erwerben eine schöne Flasche Whisky und *uups* fällt uns ein, dass da ja noch über 100 unprobierte Samples im Schrank stehen und auch die Reihe der im Anbruch befindlichen Flaschen eindeutig zu groß ist. Der Entschluss ist klar: der neue Kauf wird nicht ad hoc entkorkt, sondern ist in die strategische Trinkreserve zu überführen.

Wie aber lässt sich Whisky am besten lagern?

Ein paar ganz simple Stichworte:

  • aufrecht stehend:
    im Gegensatz zu Weinflaschen verfügt Whisky über so genannte Gebrauchskorken, welche weder so ideal abdichten, noch etwaigen Eigengeschmack an den Flascheninhalt abgeben sollten (bedingt durch seinen hohen Alkoholgehalt schädigt der Whisky den Korken potenziell und entzieht ihm unfeine Geschmacksstoffe)
  • möglichst dunkel:
    ob auf dem Regal in der mitgelieferten Schachtel oder Tube oder in einem Schrank – nur eben nicht hinter Glas und direktem Sonnenlicht ausgesetzt: Whisky wird zwar poetisch ‚flüssiges Sonnenlicht‘ genannt, Wärme durch Sonneneinstrahlung beschleunigt jedoch die unerwünschte Reaktion von Sauerstoff mit dem Whisky, was den Geschmack negativ beeinflussen kann
  • bei möglichst gleichbleibenden Temperaturen:
    heißen Temperaturen am Tage und Kühle in der Nacht ausgesetzt arbeitet der Whisky in der Flasche wie einst im Fass: Ausdehnung und Zusammenziehen des Flascheninhalts wechseln sich ab, was über den (nie luftdichten) Korken zusätzlichen, frischen Sauerstoff in die Flasche bringt und die angesprochene Reaktion von Sauerstoff und Whisky verstärkt. Eine möglichst konstante Temperatur (optimalerweise bsp. in einem Kellerraum) tut der Lagerung gut

Aber Wein reift doch auch in der Flasche nach!

Das zentrale Faktum: Whisky stellt in dem Moment, in dem er abgefüllt wird, ein fertiges Produkt dar. Er reift nicht wie Wein in der Flasche weiter, gewinnt nicht an Aromenfülle oder Komplexität. Nein – im besten aller Fälle gelingt uns, den Whisky bei sachgerechter Lagerung unbeschadet im Abfüllungszustand zu prä­ser­vie­ren, während andernfalls negative Veränderungen drohen.

Ziel unserer Bemühungen ist also, die Reaktionsprozesse zwischen Whisky und Sauerstoff in der Flasche zu minimieren sowie Verdunstungsverluste zu vermeiden. Im Dienste dieser Absicht lässt sich neben den drei oben genannten Tipps dazu ein wichtiger vierter Punkt addieren:

  • die Flasche sollte bei längerer Lagerung entlang der ‚undichten Schwachstelle‘ aus Kapsel und Korken bestmöglich abgedichtet werden

Ein Ziel, eine Lösung: Parafilm

Wer sich in diesem Bestreben nicht in Schweinereien durch das Tauchen in flüssiges Wachs o.ä. begeben möchte, dem sei der in der Szene der Whiskybegeisterten weitverbreitete Parafilm empfohlen. Dabei handelt es sich um eine sehr dehnbare und perfekt abdichtende Verschlussfolie aus Paraffin-Wachs und Polyethylen, die im Internet absolut preiswert erhältlich ist. Meine letzte Rolle (5 cm Breite, 75 m Länge) habe ich bsp. für knapp 33 € erworben. Beim Versiegeln einer Whiskyflasche nutze ich 7,5 cm davon. Sprich mit dieser Rolle lassen sich theoretisch 1.000 Flaschen versiegeln.

Wenn ich Flaschen von anderen Enthusiasten erwerbe, sind diese oftmals bereits mit Parafilm versiegelt. Und da sieht man, dass jeder Whiskyfreund so seine eigene Technik hat, die Flaschen damit zu versehen. Ob mit der ‚Methode Materialschlacht‘ fünf, sechs, sieben Mal umwickelt oder im Gegenteil arg minimalistisch und nicht einmal die Kapsel ganz umschließend – mir ist da schon alles in die Hände gefallen. Und nicht eben jede Technik schien mir da tatsächlich eine gute Versiegelung zu gewährleisten.

Ich habe mich deshalb in den Garten begeben (wo es leider arg windig war), um mal meine Art des Parafilmeinsatzes in Form eines Videobeispiels mit Euch zu teilen:

Derart versiegelt sind unsere Trinkvorräte bestens geschützt. Es schwanken die Aussagen, ob Parafilm einmal angebracht nach einigen Jahren ausgetauscht werden muss oder sich eine gut abgedichtete Flasche lange hält. Meine ältesten Flaschen habe ich 2010 versiegelt und der Parafilm darauf wirkt auf mich auch heute noch immer 1a, sodass ich keinen Bedarf zur Neufolierung sehe. Auch haben sich die Füllstande dieser Flaschen nahezu verlustfrei wie einstmals gehalten, sodass ich mehr als zufrieden mit der Kombination aus aufrechter Lagerung ohne Sonneneinfall bei kühl-gleichbleibenden Temperaturen und Parafilm-Versiegelung bin.

Eines muss jedoch noch Erwähnung finden.

Selbst bei idealer Aufbewahrung bildet sich bei sehr langer Lagerung (wir sprechen hier von Jahrzehnten) ein distinktives Aroma. Das so genannte ‚OBF‘ – was für ‚Old Bottle Flavour‘ steht.

„Eine Geruchs- und Geschmackskomponente, die wahrscheinlich durch die lange Lagerung in der Flasche entsteht. Wird meistens als staubig und/oder wachsig empfunden.“
Cutty Sark Scots Whisky Community Lexikon

Das OBF ist jedoch nicht dramatisch und lässt den versierten Genießer eher ehrfürchtig aufmerken: „hoppla, das ist ein Whisky, der vor zwanzig, dreißig oder noch mehr Jahren abgefüllt wurde“. Ich hatte noch keinen Fall, in dem OBF sich vordergründig in den Aromenkanon eines Whisky geschoben hätte, es ist neben den anderen Aromen der Abfüllung eher eine festliche ‚Vorankündigung‘ auf einen wahrscheinlich sehr exklusiven, alten Dram.

Lagern können wir also – wie steht es um den Anwendungsfall? Die Flasche wird geöffnet – gibt’s da was zu beachten?

Ein toller Moment: unsere lang gehütete und gelagerte Flasche wird geöffnet und wir erfreuen uns an ihrem Inhalt. Wer parallel viele Flaschen geöffnet hat oder sich zusätzlich an Samples labt, wird eine frisch entkorkte Flasche im Regelfall nicht binnen Tagen leeren. Schauen wir also, was wir für eine offene Flasche tun können, um die Qualität des Inhalts möglichst unbeschadet zu erhalten.

Vorab sei erwähnt, dass sich bei vielen Flaschen das optimale Genussmoment für mich eingestellt hat, nachdem einer üblichen 70-cl-Flasche rund 10 cl entnommen wurden und die Flasche zwei bis vier Wochen geöffnet (im Sinne von ‚mit dem normalen Korken verschlossen‘ 😉 war. Mancher Whisky ‚atmet‘ sich nach langem Ruhen in der Flasche quasi ‚wach‘ und entfaltet sich erst nach einiger Zeit perfekt – unabhängig davon, dass der einzelne Dram im Glas meist 10-30 Minuten Zeit vor der Einnahme ebenfalls bestens verträgt.

Davon abgesehen nimmt die Qualität unseres Flascheninhalts jedoch spätestens nach dieser kleinen Klimax potenziell permanent ab:

  • unser „Sauerstoff reagiert mit dem Whisky und verändert ihn potenziell negativ“-Problem wird nun akuter: je weiter wir die Flasche leeren, desto mehr Sauerstoff ist in der Flasche

Hierfür habe ich vor Jahren eine Lösung namens ‚Vacu Vin‘ entdeckt: anstelle des normalen Verschlusskorkens wird ein Stopfen in die Whiskyflasche gesetzt und vermittels einer ‚Weinpumpe‘ möglichst viel Luft aus der Flasche gepumpt, also Unterdruck erzeugt.

Hier wird dieser Vorgang schön illustriert:

Pauschal vermag ich nicht zu sagen, wie lange sich ein Whisky damit optimal erhalten lässt. Ich habe damit versehene Flaschen 9-12 Monate geöffnet gehabt, ohne für mich nennenswerte Qualitätsverluste. Dieses gilt aus meiner Erfahrung jedoch mit zwei Einschränkungen:

  • ist nur noch ca. ein Fünftel in der Flasche, empfiehlt sich, diese binnen Wochenfrist zu leeren, da die Veränderung im Whisky sich deutlich zu beschleunigen beginnen
  • bei rauchigen Whiskies findet grundsätzlich eine stärkere Wandlung statt: Raucharomen verändern sich bei Sauerstoffeinfluss viel deutlicher als andere Aromen und Geschmackskomponenten. Da diese Veränderung meist zum Negativen tendiert, versuche ich rauchige Whiskies schon flotter zu leeren, wenn nur noch ein Drittel in der Flasche übrig ist, um dieser Verschlechterung vorzubeugen.

Soviel zu meinem persönlichen Umgang mit lagernden und geöffneten Whiskyflaschen.

Viel Spaß Euch beim Genuss des ‚flüssigen Sonnenlichts‘ (in stets bestem Zustand!),
Seb

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