Wissen & Meinungsbeiträge

92,5 Punkte!!!

16. September 2018, Über ein Whisky-Universum voller Punkte und Sternchen.

Moin ihr,
setzen wir uns mit Whiskies auseinander, kommen wir an Bewertungen nicht vorbei.
Jeder Whiskybase-Eintrag trägt prominent eine Bewertung, in den Whiskyforen werden die neuesten Ratings von Whiskybloggern und YouTubern endlos diskutiert und auch Online-Shops gehen mehr und mehr dazu über, uns Bewertungen ‚zur besseren Orientierung‘ überzuhelfen.

Aber wie kommt es, dass wir in der heutigen Whiskywelt überall von Punkten und Sternchen umgeben sind?

Sie sind überall: wer sich mit Whisky auseinandersetzt, stößt laufend auf Bewertungen.

Bewertungen sind Geld
Interaktionsgetriebene Plattformen leben von User-Aktivität und -Content. Jeder YouTuber, der am Ende seines Videos Eure Meinung abfragt, interessiert sich im Zweifelsfall nicht die Bohne für Euren Senf, eine lebendige Kommentarkultur bringt Euch jedoch öfter und länger auf seine Videos zurück – Verweildauer und Interaktionen sind monetärer Wert auf der Plattform und steigern Relevanz und Reichweite. *ka-ching*

Bewertungen sind verkaufsfördernd
Wer als Whiskyhändler Flaschen an Euch verkaufen möchte, ist interessiert, möglichst simpel möglichst viele Argumente für den Kauf zu liefern. Und da 4,8 von 5 Sternchen an eine Flasche zu hängen, lässt manchen Kauf umso schneller zustande kommen: „Der muss ja gut sein“, „Schnell zugreifen, bevor sich das rumspricht und der verkauft ist“.

Also ICH bewerte ja neutral!
Der Grund, Bewertungen anzuzeigen bzw. zum Bewerten aufzurufen, ist also kein schmeichelhafter. Wenn aber nicht der böse Blogger und der Händler die Bewertungen verfassen, sondern sich Volkes Stimme bsp. bei Whiskybase-Bewertungen Bahn bricht, macht die schlechte Intention doch nichts – schließlich sind die Bewertungen von neutralen Genießern verfasst. Oder?

Ganz und gar nicht.

Zwei fiese Freunde: ‚Confirmation bias‘ & ‚Endowment effect‘
Haben wir einen Whisky angeschafft, neigen wir nicht dazu, ihn auch nur für unsere eigenen Begriffe neutral zu bewerten. Verkosten wir ein Sample und im Keller stehen noch zwei Flaschen der Abfüllung, wird unser Urteil positiver ausfallen, als würden wir die Flaschen nicht besitzen. Haben wir eine rare Abfüllung ergattert, die ausverkauft ist, zeigen wir auch uns selbst gern, was wir da tolles erwischt haben und was anderen entgeht.
Das passiert ganz automatisch und ist niemandem vorzuwerfen – jedoch zu berücksichtigen, wenn wir auf Bewertungen schauen.

Finanzielle Interessen
Deutlich sinisterer wird es, wenn handfeste finanzielle Interessen im Spiel sind. Auch bei uns ‚privaten Genießern‘: verkaufe ich einen Gebrauchtwagen, gehe ich mit den Vorzügen hausieren – nicht den Macken. Whisky, den ich verkaufen möchte, lobe ich, anstatt ihn zu kritisieren. Habe ich limitierte Abfüllungen im Keller, möchte ich, dass diese wertsteigernd glorifiziert werden, anstatt als mäßiger Fusel klassifiziert zu werden. Füllt ein Freund oder Bekannter vielleicht selbst als Unabhängiger Abfüller oder Ladenbesitzer einen Whisky ab, ist doch selbstverständlich, dass ich meinem tatsächlichen, schon per se verzerrt-wohlwollenden Eindruck ein paar Freundschaftspunkte hinzufüge – hat der gute Kerl doch verdient und schadet niemandem, oder?

Und was kommt dabei raus?
Tja, so kommt im folgenden Beispiel der allerletzte Mist (aus dem mir bekannten Teil der Whiskywelt), der je in eine Flasche gefüllt und als Whisky verkauft wurde, in der Whiskybase zu gleich vier Bewertungen zwischen 91 und 98 (!!!) Punkten:

Irish Diamonds 2005 ACDerartige Beispiele gibt es wie Sand am Meer: Bewertungen, die komplett außerhalb jeder nachvollziehbaren individuellen Geschmacksbandbreite nach oben wie auch (Missgunst und persönliche Animositäten sind die Stichworte) bisweilen nach unten herausragen.

Bewertungen sind also prinzipiell nutzlos? Na toll. An Geschmacksbeschreibungen gibt’s dann wahrscheinlich auch was zu kritteln, oder?

Na klar!

Heidekraut? Was bitte soll das denn sein?

Eigentlich hätte ich diesen großen Bogen der Kritik gar nicht schlagen müssen, denn meiner Meinung nach liegt das Grundproblem von Bewertungen viel näher. Es handelt sich um Geschmacksurteile. Geschmack. Und der ist hochindividuell. Was mir schmeckt, gefällt dem nächsten nicht. Was ich errieche, nimmt die Nächste ganz anders wahr. Bewertungen anderer können für mich also per se kein wichtiges Kriterium sein.
Hinzu kommt, dass jeder ein durch Ernährungsgewohnheiten und Lebenserfahrung in seinem persönlichen Umfeld ein ganz anderes inneres ‚Geschmackswörterbuch‘ ausbildet. Wenn mich ein Whisky an den Geruch von Kinnertön oder die einzigartige Gewürzmelange von Snirtje erinnert, kann kein Mensch, der nicht ostfriesisch geprägt ist, etwas damit anfangen. Geschmacksurteile sind also, wo sie nicht oberflächlich bleiben, schon überregional inkompatibel. Das gilt natürlich umso mehr für Bewertungen vom anderen Ende der Republik geschweige denn von Genießern aus anderen Ländern und Kulturkreisen.

Warum 89 und nicht 88?
Auch das gebräuchlichste Bewertungssystem in Form einer 100-Punkte-Skala halte ich für gänzlich ungeeignet, um ein Urteil über einen Whisky abgeben zu können. Wie bitte sollen sich die vielen spannenden und wichtigen Faktoren, die einen Whisky positiv oder negativ auszeichnen, in eine einzige, simple Zahl aufsummieren lassen?

  • Optik und Viskosität im Glas.
  • Positive und störende Aromen.
  • Angenehme und nicht willkommende Geschmackskomponenten.
  • Die Länge des Abgangs.
  • Die Entwicklung nach 10/20/30 Minuten atmend im Glas.
  • Die ausgelöste Begeisterung beim zweiten, dritten, vierten Verkosten.
  • Das Preis-Leistungs-Verhältnis.
  • An den Kauf oder die erste Verkostung gebundene, ganz persönliche Erinnerungen.
  • Für manchen vielleicht die Aufmachung und das Design von Flasche und Verpackung.

Nur ein paar Beispiele für Faktoren, die das Gesamtbild eines Whiskies beeinflussen. Und das alles steckt am Ende in „89“ als komprimiertem Urteil – für das ich, um die Skala korrekt zu setzen, auch vorab den für mich besten wie schlechtesten Whisky der Welt probiert haben müsste?

Jeder Mensch bewertet nach eigenem Raster
Für manchen fließen Faktoren wie der Kaufpreis oder die Aufmachung einer Flasche in die Bewertung ein – für andere wiederum spielt nur der Genusswert eine Rolle. Wieder andere setzen aus mir unerfindlichen Gründen alles unter 80 Punkten mit „untrinkbar“ gleich und bewerten ausschließlich stoisch im Bereich zwischen 80 und 100 Punkten.

Nicht alles kennen, aber werten wollen?
Die eigene Erfahrung spielt natürlich ebenfalls eine riesige Rolle. Wären wir ehrlich zu uns selbst, müssten wir sämtliche vorgenommene Bewertungen maximal alle zwei Jahre löschen und entsprechend unseres dann aktuellen Erfahrungshorizonts neu vergeben. Am Beginn meiner Whiskyleidenschaft hielt ich den 15-jährigen Bowmore Darkest für den besten Whisky, den es auf dieser Erde geben könnte. Dem hätte ich 100 Punkte verpasst. Probiert man sich klüger und weiter, blickt man lächelnd auf solche Urteile zurück.

Bowmore DarkestDem hier hätte ich mal 100 Punkte verpasst.

Damit lässt sich aber schlicht sagen: wer nicht alle Whiskies der Welt probiert hat, ist gar nicht in der Lage, die Skala zu ermessen. Damit sind sämtliche Punkte oder Sternchen Nonsens.

Aus diesen Gründen möchte ich vor den plakativen wie sinnlosen Bewertungen warnen: diese sind stets subjektiv und aus vielerlei Gründen extrem verzerrt. Ob ein Whisky bei jemandem mit 70 oder 95 Punkten abschneidet, kann mir keinerlei Aufschluss darüber geben, ob und wie er mir munden wird.

Tomintoul Peaty Tang‚Nur‘ 78 Punkte. Macht aber nichts: ich schätze diesen sanften Dram sehr.

Was aber natürlich interessant sein kann, sind beschriebene Geschmackseindrücke
Immerhin: wie oben ausgeführt sind verschriftliche Geschmackseindrücke nicht zwangsweise überregional kompatibel, aber bei manchem Whiskyfreund weiß ich, dass ich dessen Aromenbeschreibungen halbwegs teile und mir so zumindest eine Idee davon verschaffen kann, was mich bei einem Whisky erwarten könnte. Wobei das eigenständige Entschlüsseln von Gerüchen und Geschmäckern für mich einen der schönsten Teile des Genusses darstellt – und das möchte ich auch Euch ans Herz legen.

Probiert also unvoreingenommen und lasst Euch von hochtrabenden Bewertungen nicht nervös machen und zu Impulskäufen verleiten. Auch wenn das sehr, sehr schwer ist – daran arbeite auch ich ständig …

Ich hoffe, Ihr würdet zumindest diesen Zeilen 90 Punkte geben, 😉
beste Grüße,
Seb

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