Messe- & Veranstaltungsbesuche

Ein Wochenende in ‚Camp Whisky‘

7.-9. September 2018, beim 10. Maltstock in Overasselt (NL)

Moin ihr,
schon vor mehreren Jahren bin ich auf Maltstock aufmerksam geworden: ein Whiskywochenende im niederländischen Overasselt – mit Gästen aus aller Welt, darunter viele Größen aus der Industrie und Szene. Das klang vielversprechend. Nachdem mein gebuchter und geplanter Erstbesuch 2017 entfallen musste, da ziemlich genau in jenen Tagen der Veranstaltung das Vaterwerden ins Haus stand, hat es in diesem Jahr erstmals geklappt.

Das Setup von Maltstock ist ganz simpel: 200-250 Whiskyverrückte schließen sich ein Wochenende lang weg und haben gehörig Spaß am Glas. Quasi wie Holdorf – nur mit Fremdsprachler*innen, größerem Tastingprogramm und in einem Schullandheim. Schullandheim? Genau: die Unterbringung erfolgt kernsolide draußen im Grünen.

Wunderschön im Grünen gelegen ist das Buitencentrum in Overasselt die Heimstätte von Maltstock.

Freitag

270 km entspannte Anreise am Freitag(nach)mittag des 7. September führten mich zum Ort des Geschehens. Um 16.00 Uhr startete das Check-in. In einer langen Schlange aus vor Vorfreude feixenden Erwachsenen zu stehen und auf die Ausgabe von Namensschild, Whiskyglas und vor allem Bettbezug zu warten, löste im bis zum Anschlag schullandheimigen Schullandheimsflur eine Welle der Nostalgie in mir aus.

Das Bettzeug gekrallt und ab zur Holzhütte, der ‚Cabin‘ – Unterkunft der nächsten Tage für meinen Mitstreiter Malt-Rafa und mich.

Unsere Cabin.

Dazu zu sagen ist, dass diese Art der Unterkunft die höhere Unterbringungskategorie darstellt: 4-und-mehr-Personen-Zimmer im Haupthaus sind Schullandheim-Standard.

Nach dem Bettenbau ging’s ab zum Innenhof der Anlage, wo als Welcome Dram ein Glenallachie die Honneurs machte:

Glenallachie 12-year-old

Nach dessen Einnahme packten wir – wie alle anderen Gäste – jeweils ein bis zwei mitgebrachte Gastflaschen auf die sich im Laufe des Wochenendes unter dem Gewicht einiger hunderter Flaschen biegenden ‚Sharing tables‘, von denen sich fürdehin jeder bedienen dürfen sollte. Zum Programm bei Maltstock gehören zudem für jede Teilnehmer*in zwei bis drei Masterclass-Tastings. Da die erste Masterclass für uns erst um 19.45 Uhr anstand, nutzten wir die gut drei Stunden, um uns an ein paar leckeren Drams vom Sharing table gütlich zu tun:

Overaged Malt Whisky NAS MCo

The Kurayoshi Pure Malt Whisky

Fettercairn 2011 BD

Glendronach 1993

Glenlossie 1995 GM

Bunnahabhain 1991 CWC

Highland Park 16-year-old

Bowmore 2001 CA

Chichibu 2010

Chichibu 2010

Chichibu MWR

Der alte Highland Park war klasse, der Cream-Sherry-Chichibu war eine Erleuchtung. Sagenhaft, was wir bei netten Gesprächen mit anderen Maltverrückten aus aller Welt so verkosten durften.

Um 19.45 Uhr ging es dann für mich ins Tasting „Scotland vs. Japan“. Was das Programm dazu sagte:

Scotland vs Japan – Jon and Tatsuya are the owners of two of the best whisky bars in Scotland: Fiddlers in Drumnadrochit and the Highlander Inn in Craigellachie. Both have been to Maltstock many times, but this will be their first time hosting a tasting together. Promises to be great fun!

In sieben Abfüllungen würden japanische und schottische Abfüllungen verkostet – die beiden Ausrichter lieferten sich einen Schaukampf um die Frage, welches Land denn die besseren Drams zu bieten habe. In die Gläser wanderten zur Urteilsfindung des begeisterten Publikums folgende flüssigen Sachargumente:

Suntory Kakubin

Bulloch Lade's Gold Label

Hakushu Distiller's Reserve

Ben Nevis 1996 PST

Glenfiddich IPA Experiment

Chichibu IPA Cask Finish

Highland Park 2003

Am Ende lief die Frage, ob denn Schottland oder Japan in diesem Tasting die Nase vorn hätte, auf ein faires Unentschieden hinaus. Es war ein geniales Tasting mit großartigen Anekdoten und jeder Menge Spaß.

Hinterher ging es ein letztes Mal für diesen Freitag zurück an die Sharing tables. Meinen Abend rundeten noch ein Glenfarclas sowie ein Ardbeg ab:

Glenfarclas 2005 width=

Ardbeg Corryvreckan

Mit mehr als der nötigen Bettschwere versehen war dann sehr zeitig Feierabend für mich – während mit einem großen Pub Quiz und einer langen Partynacht all diejenigen, die sich noch bei Kräften fühlten, die Nacht zum Tage machen konnten.

Samstag

Der zweite Tag sollte mit einem ganz besonderen Highlight beginnen: Malt-Rafa und ich hatten vor Jahren mal einen obszön-vielversprechenden 1966er-Bowmore erstanden, den wir bei besonderer Gelegenheit gemeinsam ins Glas nehmen wollten. Hierfür schien uns Maltstock nun genau der richtige Anlass zu sein. Um diese Preziose angemessen zu würdigen, hatten wir uns vorgenommen, uns am Samstag nach dem Frühstück in die wunderschöne Overasselter Natur zu begeben und mit noch frischem Gaumen und freier Nase ans Werk zu gehen. Und so kam es dann auch: nach ausführlicher Stärkung bei einem sensationellen Full Scottish Breakfast, serviert aus schottischer Kennerhand vom Hielander Alkmaar verzogen wir uns an einen nahegelegenen See und nahmen uns eine großartige Auszeit mit dem alten Bowie:

Bowmore 1966 HB

Einer der herausragendsten Bowmores aller Zeiten – welch ein Glück für uns …

Eine exzellente Fruchtbombe aus Bowmores größten Tagen – wow!

Die wunderschöne Natur lud uns ein, mehr von der Umgebung zu entdecken und so machten wir uns 30 Minuten später mit den Nachklängen des tropenfruchtigen Super-Bowmore am Gaumen auf den Weg, ein paar Kilometer zu spazieren und die Ruhe zu genießen.

Schottland? Oder tatsächlich ein wunderschöner Flecken niederländischer Erde?

Passend zur Einnahme eines Mittagssnacks kehrten wir später dann zum Maltstock-Gelände zurück und ich nahm mir noch ein paar schöne Malts vom Sharing table vor:

Speyside Region Very Old Selection Sb

Springbank Rundlets & Kilderkins

Springbank 10-year-old

Orkney Islands 1999 BR

So ließ es sich prima aushalten – vor allem, da einem Gespräche und Gesprächspartner*innen bei der versierten internationalen Klientel nie auszugehen drohten. Als nächste „Termine“ standen ein großes gemeinsamen BBQ um 18 Uhr und um 19.30 Uhr eine Masterclass mit Jean Dode für Murray McDavid auf dem Programm, bis um 21.00 Uhr mit einem großen Lagerfeuer samt von Charles MacLean und Alex Bruce veranstaltetem Adelphi-Tasting das Programm zu seinem Ende kommen sollte.

Um nicht ganz trocken zu fallen, durften auch am Nachmittag noch ein paar weitere, ausgesuchte Whiskies ins Glas – dieses Mal unter anderen auch von einem vor Ort anwesenden Raritätenhändler:

Glenlivet 1981 SV

Springbank 12-year-old

Old Pulteney 1971 SC

Amrut Intermediate

Benromach 10-year-old

Glenfarclas 1970 SMWS 1.73

Millburn 1976 GM

Nichts tat um 18.00 Uhr und nach diesem Lineup dann besser, als sich ausführlich mit Leckereien vom Grill zu stärken – es gab ein herrliches Grillbuffet. Danach war dann Zeit für das Murray McDavid Tasting, in welchem folgende Drams ausgeschenkt wurden:

Tamdhu 1987 MM

Invergordon 1987 MM

Malts of Islay - Àlainn 1989 MM

Young & Old 2011 MM

Ledaig 2001 MM

Dieses Tasting entpuppte sich leider als Flop – sowohl von den Whiskies als auch vom Referenten her für mich eine spürbare Delle in einer ansonsten erstklassigen Veranstaltung. Totgefinishte Whiskies, die allesamt für mich keinen Reiz hatten, präsentiert vom einzigen Marketeer im Präsentationsmodus auf dem gesamten Gelände. Da waren doch sämtliche anderen Eindrücke deutlich relaxter und angenehmer. Aber naja, das war zu verkraften …

Mit schwindenden Kräften ging es nach Ende der Tasting-Masterclass weiter Richtung Amphitheater, wo im Rahmen des Abschlussevents ein Lagerfeuer entzündet wurde. Zum Start gab es einen Glenfiddich ins Glas:

Glenfiddich Project XX

Dann servierten Charles MacLean und Alex Bruce dem gesammelten Rund aus 240 Whiskyfans ein paar echte Leckereien aus dem Hause Adelphi:

Glenborrodale 08-year-old AD

Ardnamurchan Limited Release No. 03

The Winter Queen II 19-year-old AD

Bowmore 1997 AD

Tolle Anekdoten, eine fantastische Stimmung und erstklassige Drams (vor allem die ‚Winter Queen‘ war der absolute Oberhammer) – das Lagerfeuertasting stellte definitiv DAS Highlight als krönenden Abschluss des gesamten Festivals dar.

240 Whiskyverrückte im Zauber von Flammen und vier großartigen Adelphis – beim Lagerfeuertasting

Nach dem Lagerfeuer sollte dann auch der tatsächlich allerletzte Dram für dieses Wochenende folgen, mit dem ich den zweiten Abend ausklingen ließ:

Kilchoman 2010 Spring Release

Puh, damit war’s dann aber auch mal gut: glücklicherweise ohne versehentlich erst in zehn fremde Cabins zu stürmen ward erstaunlich problemfrei die eigene gefunden und dringlich benötigte Nachtruhe gesucht, bevor am Sonntagmorgen Maltstock für 2018 Geschichte sein sollte.

Sonntag

Erstaunlich frisch schälten wir uns am Sonntagmorgen aus den Betten und erhoben uns – denn mit einem nicht weniger bombastischen Frühstück als am Vortag galt es sich nochmals zu stärken, bevor wir die Sachen packten und uns vom Maltstock-Team, vielen Freund*innen und Bekannten und dem Buitencentrum verabschiedeten.

Allein der wunderschönen Umgebung willen schon jede Reise wert: Maltstock im niederländischen Overasselt

Fassen wir zusammen: drei Tage mit unendlich viel großartigem Whisky, mit Whiskyverrückten nicht nur aus Deutschland, sondern aus aller Welt, mit exzellenten Masterclass-Tastings und mit so vielen weiteren Programmelementen, die wir alle gar nicht in Anspruch nehmen konnten (Pub Quiz, Midnight Café, Detox/Retox-Walk, eine lange Reihe von Speedtastings und, und, und …). Und das alles an einem wunderschönen Ort im Grünen am Rande von Nimwegen. Whiskyherz, was willst du mehr?

Es war ein mehr als nur schönes Wochenende und ich kann jeder, die darüber ins Grübeln verfällt, nur dringend empfehlen, eine Anmeldung für 2019 ernsthaft in Erwägung zu ziehen – wir tun das mit Sicherheit …

Wohl an,
Seb und Malt-Rafa

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