Wissen & Meinungsbeiträge

Das richtige Whiskyglas

2. September 2018 (zuletzt bearbeitet am 14. März 2020), Was man von einem Glas erwarten sollte und welche Modelle aus meiner Sicht wie abschneiden.

Moin ihr,
lange habe ich gedacht: ‚das richtige‘ Whiskyglas gibt es nicht. Zumindest nicht in der Form, alsdass es ein Glas gäbe, welches für jede Genießer*in das Richtige wäre. Oder als da ein Glas in der Welt wäre, welches für jeden Whisky das Richtige ist. Mittlerweile denke ich, dieses perfekte Glas gefunden zu haben.
Dennoch zeige ich Euch, mit welchen Gläsern ich viele Jahre gern hantiert habe, welche Vor- wie Nachteile ich jeweils in ihnen sehe und wo ich auf meiner Suche nach dem perfekten Whiskyglas am Ende gelandet bin.

Die Ausgangsfrage: welche Anforderungen sollten wir an ein Whiskyglas stellen?

a) zuvorderst möchte man seinen meist ja hübsch-güldenen oder kräftig-bräunlichen Whisky gern ausführlich beäugen, also spielt das „wie zeigt mir das Glas den Whisky, wie setzt es ihn in Szene?“ eine zentrale Rolle.

b) noch deutlich wichtiger ist mir der zweite Punkt: wir nennen rund 10 Millionen Riechzellen unser Eigen – unsere Nase ist deutlich leistungsstärker als unser Gaumen. Mithin muss unser Glas ideal dafür geeignet sein, den Whisky zu verriechen, seine Aromen im so genannten ‚Kamin‘ zu bündeln und uns möglichst detailliert in diese eintauchen zu lassen.

c) dritter Aspekt ist, wie das Glas durch die Formgebung seiner Trinklippe den Whisky über unsere Zunge fließen lässt. Eine nach außen gewölbte Lippe schickt den Whisky breit über unsere Zunge und bringt ihn füllig in den Mundraum, während eine ungewölbte Lippe den Strahl eher spitz und mittig in unseren Mund fließen lässt. Für ein angenehmes Trinkgefühl ist Ersteres deutlich zu bevorzugen – unbeschadet der Frage, wie wir den Whisky weiter im Mundraum kreisen lassen.

d) als Letztes sei uns noch das Handling wichtig: lässt sich das Glas gut und bequem halten, liegt es angenehm auch über längere Zeit in der Hand? Hier ebenfalls von zentraler Bedeutung: ist der Kelch einfach zu umfassen, um den enthaltenen Whisky zur stärkeren Aromenabgabe schnell auf Handtemperatur erwärmen zu können?

Diese vier Eckpunkte als Bewertungskriterien heranziehend schauen wir uns nun an, welche Gläser ich in Verwendung habe – und wie sie in den einzelnen Disziplinen abschneiden. Als Wertungen vergebe ich in jeder Kategorie Sterne: von ★☆☆ (mau) über ★★☆ (solide) bis ★★★ (großartig).

Ⅰ. Das ‚Spey Dram‘ Glas

Das ‚Spey Dram‘ ist ein robuster und schnuffiger kleiner Begleiter für unterwegs.

Präsentation: ★☆☆   Nosing: ★★☆   Trinkfluss: ★☆☆   Handling: ★☆☆

Das ‚Spey Dram‘ ist herrlich barrierefrei: es ist klein und robust, dickwandig und passt in jede Tasche. Ansonsten immer eher der vorsichtige und pflegliche Typ, steckte ich das ‚Spey Dram‘ gern sorglos in in die Jackentasche und war für den kleinen Schluck draußen im Freien bestens präpariert. Es ist ein preiswertes Industrieglas welches bei genauem Hinsehen wie aus aufeinander aufgebauten Glasringen zu bestehen scheint und einen extrem dicken, tumblertypischen Boden hat. Der Kamin (also der Innenraum) ist sehr klein, detailliertes Verriechen klappt nicht optimal. Das Glas besitzt keine nach außen gewölbte Lippe, weshalb der Trinkfluss unglücklicherweise zur Zungenmitte neigt. Durch den dicken Glasboden und die dicke Wandung erwärmt sich Whisky im Glas nur langsam, selbst wenn man das kleine Glas fest umschließt. Es liegt stets suboptimal in der Hand, bequemes Halten über längere Zeit ist nicht möglich.
Mein Fazit: das ‚Spey Dram‘ war meine ‚Gefechtsscherbe‘ für den legeren Whiskygenuss im freien Feld. Nicht mehr, nicht weniger. Gekauft 2013 zum Stückpreis von 2,99 €, mittlerweile verkauft.

Ⅱ. Der ‚Bowmore Tumbler‘

Der ‚Bowmore Tumbler‘ ist ein gediegen großer Hochofen zur Verkostung stark rauchiger Whiskies.

Präsentation: ★☆☆   Nosing: ★☆☆   Trinkfluss: ★★☆   Handling: ★★☆

Der seit längerem nicht mehr erhältliche ‚Bowmore Tumbler‘ ist ein dem Volumen nach großes Glas, welches relativ dickwandig daherkommt und einen starken Tumblerboden besitzt. Einen Minuspunkt bekommt das Glas für mich durch seine werbliche Gravur – sowas mag ich gar nicht. Durch den großen Durchmesser steht der Whisky nicht sehr hoch im Glas und kommt deshalb suboptimal zur Geltung – trotz der Tatsache, dass das Industrieglas schlieren- und schichtenfrei aufgebaut ist. Das Nosing stark rauchiger Whiskies gelingt relativ solide, feinere Aromen zu bündeln vermag es jedoch absolut nicht. Geeignet für junge, heftige Raucher, ansonsten nicht zum Verriechen höherwertigerer Drams geeignet. Im Gegensatz dazu ist der Trinkfluss durch die nach außen gewölbte Lippe jedoch relativ gut: ich musste den Kopf schon ordentlich in den Nacken legen, bis der Whisky floss, dann jedoch rann er angenehm breit in den Mund. Das Glas besticht zuletzt durch seine gute Griffigkeit: es liegt toll in der Hand – nur das Anwärmen des Inhalts geht durch den dicken Tumblerboden und die starke Wandung nur sehr langsam vonstatten. Ich nutzte es am Ende nur sehr, sehr selten – mochte jedoch seine Erscheinung und hielt es so trotz seiner eindeutigen Schwächen lange in Ehren. Gekauft 2009 zum Stückpreis von 2,98 €, mittlerweile verkauft.

Ⅲ. Das ‚TWS-Kristallglas‘

Das ‚TWS-Kristallglas‘ war jemandes Versuch, DAS perfekte Whiskyglas zu kreieren.

Präsentation: ★☆☆   Nosing: ★★☆   Trinkfluss: ★★★   Handling: ★★☆

Ich mag nicht tiefer auf ‚ihn‘ eingehen. Also den Erfinder dieses Glases. Nur soviel: eigentlich mag ich politisch bewegte Menschen, aber mit dem Bajuwaren, der gleichzeitig das Marketing bei Deutschlands mittlerweile größtem Whiskyversandhandel verantwortet, werde ich auf keiner Ebene warm – trotz der Tatsache, dass ihm zweifelsfrei Respekt für seinen Erfolg im Geschäft gebührt. Nun hat der gute Mann 2015 nach einigen Versuchen und Entwürfen mit einer Glasbläserei zusammen das heute so nicht mehr erhältliche TWS-Kristallglas entworfen. Es handelt sich um mundgeblasenes Glas und es existiert den die damalige Veröffentlichung begleitenden Berichten in Whiskyforen zufolge wohl kaum ein einziges mängelfreies Exemplar davon. Lufteinschlüsse, Bläschen … naja – Handarbeit, die man dem Glas ansieht. Es ist wuchtig geformt und (gleich seinem Schöpfer 😉 eine echte Rampensau auf dem Tisch – was mich freut: der Gedanke gutem Whisky nicht als Beiwerk zu Wasserglas und Karaffe Raum zu verschaffen, sondern ihn seiner Wertigkeit entsprechend prominent in Szene zu setzen, behagt mir. Das Glas zeigt deutliche ‚Schichtrillen‘ und durch sein enormes Volumen findet der Whisky nur im unteren Bereich als Pfützchen seinen Platz, was der Präsentation nicht eben zuträglich ist. Der Kamin ist aus meiner Sicht definitiv zu groß, alsdass im Glas trotz dessen Einschnürung unter dem Kopf die leichten und feinen Töne eines Whisky nicht perfekt zu verriechen sind. Absolut unschlagbar hingegen zeigt sich das TWS-Glas beim Trinken: hier ist noch stärker als beim ‚Bowmore Tumbler‘ der Kopf bis in den Nacken zu schmeißen, bis die Flüssigkeit aus dem Behältnis zu locken ist, dann aber wird durch die stärker als bei allen anderen meiner Whiskygläser gewölbte Lippe der Dram perfekt im Mundraum verteilt. Ebenso großartig gelöst: der kurze Stiel erlaubt (zumindest bei meinen Handdimensionen), ihn mit einem vulkanischen Gruß 🖖 zu umfassen und dann das Glas schön sicher in der ganzen Hand zu halten. Das Anwärmen des Inhalts klappt dadurch ebenfalls gut. Insgesamt ein Glas, welches große Stärken besitzt – lediglich das insgesamt zu große Volumen, die handwerkliche Qualität der Blasarbeit sowie eine Werbegravur auf dem Fuß werten es ab. Gekauft 2015 zum Stückpreis von 15,82 €, mittlerweile verkauft.

Ⅳ. Das kristallene ‚Glencairn‘

Das kristallene ‚Glencairn‘ ist die Edelvariante des absoluten Whiskystandardglases, dem Glencairn.

Präsentation: ★★☆   Nosing: ★★☆   Trinkfluss: ★☆☆   Handling: ★★★

Das kristallene Glencairn ist ein kleiner Blender: durch den Kristallschliff und sein enormes Gewicht wirkt jeder Dram in diesem Glas direkt wie etwas ganz besonderes. In Sachen ‚Whisky in Szene setzen‘ ist das Glas in dieser Hinsicht ein Traum – andererseits trüben der Kristallschliff und die Panzerglas-gleiche Wandungsstärke die ungehinderte Sicht auf den Glasinhalt. Im Nosing ist das Glencairn nahezu konkurrenzlos: die Größe des Kamins ist ideal, um auch komplexeste Whiskies gut verriechen zu können, die Einschnürung nach oben gewährleistet die Aromenbündelung. Leider jedoch lässt das Glencairn eine Außenwölbung der Lippe vermissen, weshalb der Trinkfluss primär die Zungenmitte erreicht. Das Glas liegt brutal solide und angenehm in der Hand. Durch die Riffelung des Schliffs und das Eigengewicht hatte ich stets das Gefühl, eine Granate zu halten – es war dabei jedoch ein echter Handschmeichler. Mit der Hand umschlossen erwärmt sich der Inhalt in vertretbarer Zeit, die Wandstärke jedoch ist deutlich höher als beim Standard-Glencairn, was ich als leicht abwertend empfand. Insgesamt ein Show-Star sondergleichen. Gekauft 2017 zum Stückpreis von 22,05 €, mittlerweile verkauft.

Ⅴ. Das ‚Eisch Jeunesse Malt Whisky‘

Das ‚Eisch Jeunesse Malt Whisky‘ ist eine handwerklich exzellent ausgeführte Version des klassischen Whiskystielglases.

Präsentation: ★★★   Nosing: ★★☆   Trinkfluss: ★★☆   Handling: ★☆☆

Wer einmal verstanden hat, dass es sich bei einem Tumbler (🥃) nicht um ein Whiskyglas, sondern um einen Eiswürfelbehälter handelt, lernt neben dem Glencairn schnell die klassische Form eines ‚Whiskysnifters‘ als DEN verbreiteten Standard zum Whiskygenuss kennen. Das ‚Eisch Jeunesse Malt Whisky‘ ist eine großartige Umsetzung dieser Glasform: Mundgeblasen, dennoch absolut makel- und fehlerfrei (im Gegensatz zum ‚TWS-Kristallglas‘ wird bei Eisch der Ausschuss tatsächlich aussortiert) in der Ausführung nimmt es sich filigran und dezent aus. Anders als beim ‚Kristall-Glencairn‘ stellt sich das Eisch auf der Designebene ganz in den Hintergrund, um den Whisky selbst wirken zu lassen – ein verblüffender Effekt. Die Präsentation ist deshalb in meinen Augen ideal, da mit diesem feinen Glas nur ein Hauch von Nichts – per Stiel in ansehnliche Höhen erhoben – den Inhalt birgt. Es ist hochrein und in Sachen Präsentation mein absoluter Favorit. Auch beim Nosing ist das Glas zusammen mit dem ‚Glencairn‘ wirklich gut: eine perfekte Kelchgröße samt Einschnürung macht das Verriechen so einfach wie möglich. Die Lippe ist nach außen gewölbt, sodass der Trinkfluss ebenfalls relativ gut ausfällt. Nur relativ gut? Jau! Gibt es an diesem Glas etwas zu verbessern, ist es in meinen Augen eine weiter nach Außen zu wölbende Lippe für einen noch breiteren Trinkfluss (hier schneidet das ‚TWS-Kristallglas‘ eindeutig besser ab). Zum Anwärmen von Whisky ist das ‚Eisch Jeunesse‘ prima zu halten: ebenfalls per Vulkaniergruß (🖖) den Stiel umfasst erwärmt sich der Inhalt sehr schnell. Der Griff beim Trinken am filigranen Stiel jedoch ist nicht so bequem, alsdass man es permanent in Händen halten möchte – was eine Schwäche in Sachen Handling darstellt.
Das ‚Eisch Jeunesse Malt Whisky‘ war in Summe mein Haus- und Hofglas, welches ich lange nicht missen mochte. In der Serie ‚Jeunesse‘ sind zudem passende, chic-dezente Wassergläser verfügbar und auch in Sachen Wasserkaraffen war ich privat mit Eisch ausgerüstet. Damit ließ sich vortrefflich arbeiten – und genießen! Gekauft 2011 zum Stückpreis von 23,80 €, mittlerweile verkauft.

Ⅵ. Der ‚Spiegelau Whisky Snifter Premium‘

Eine gute Wahl für das Verkosten rauchiger und stark rauchiger Whiskies: der ‚Spiegelau Snifter‘.

Präsentation: ★★☆  Nosing: ★☆☆-★★☆   Trinkfluss: ★★☆  Handling: ★☆☆

Dieser Snifter wirkt im Vergleich zu seinen typgleichen Artgenossen wie eine steroidal aufgepumpte Variante. Satte 280 ml fasst dieses Glas – lange habe ich gern darüber geunkt, dass es in Bar-Situationen prima eingesetzt ist, um Laufwege zu sparen, da in einem Schwung bequem ⅓ einer Whiskyflasche hineinpasst 😉 . Dennoch hattee ich mir einen Satz dieser Gläser angeschafft – und einen guten Einsatzzweck gefunden: rauchigen und vor allem stark rauchigen Whiskies gibt der Spiegelau Snifter genügend Raum zum ‚abdampfen‘. Da wo der ‚Bowmore-Tumbler‘ sehr nett aussieht, ist der ‚Spiegelau-Snifter‘ funktional überlegen – bündelt er in seiner Cupa die Aromen deutlich besser und lässt uns schwere Drams schön sezieren. Normale Whiskies jedoch kommen zu dünn in die Nase und lassen sich schwer verriechen – da sind Gläser wie das ‚Eisch Jeunesse‘ dem ‚Spiegelau Snifter‘ um Längen überlegen. Für rauchige Whiskies vergebe ich in Sachen Nosing also zwei Sterne, ansonsten lediglich einen.
Als maschinell hergestelltes Industrieglas kommt der Snifter in Sachen Verarbeitungsqualität solide daher, erreicht jedoch bsp. bei der Stielstärke nicht die Filigranität eines ‚Eisch Jeunesse‘. Deshalb sah ich im Snifter ein solides Glas für den gezielten, gelegentlich Einsatz – erhältlich zum fairen Preis. Gekauft 2018 zum Stückpreis von 5,85 €, mittlerweile verkauft.

Ⅶ. Das ‚1920s‘ Professional Blender’s Whisky Glass‘

Optisch ein Werkzeug ganz außer Konkurrenz – funktional ebenso: das ‚1920s‘ Professional Blender’s Whisky Glass‘.

Präsentation: ★☆☆  Nosing: ★☆☆-★★★   Trinkfluss: ★☆☆   Handling: ★☆☆

Meine ersten Kontakte zu diesem 2018 neu erschienenen Glas hatte ich einerseits im Juni 2018, wo ich in einem Blogbeitrag davon las, mich dieser jedoch nicht zu einem Blindkauf verführte – sowie andererseits im Oktober desselben Jahres auf der Aquavitae in Mülheim an der Ruhr, wo ich von einem sehr klugen Händler einen an seinem Stand erworbenen Dram in dieses spezielle Glas eingeschenkt bekam und es damit ausprobieren konnte – mit dem Fazit, dass ich im Anschluss eines kaufte.
Das ‚1920s-Glas‘ wurde dem Hersteller zufolge nach dem Muster von Verkostungsgläsern entworfen, die in den 1920er-Jahren von Kreateuren von Blended Whiskies in ihrer Arbeit eingesetzt wurden. Es ist hoch und relativ schwer. Mit seinem extravaganten Look zieht es alle Blicke auf sich – wirkt jedoch eher wie ein wuchtiges Laborinstrument als denn den enthaltenen Whisky in den Vordergrund zu stellen. Ein Stern in der Kategorie Präsentation.
Die große Stärke dieses Glases ist sein großer, kugelartiger Kelch. Dieser bündelt die Aromen extrem stark. So stark, dass eingeschenkte Whiskies mit einem Alkoholgehalt von über 50 Vol.-% extrem scharf in die Nase steigen und nur nach sehr langer Standzeit verrochen werden können – weshalb ich es dafür auch nicht empfehlen würde. Für trinkstarke Whiskies, alte Drams mit Fassstärken von unter 50 Vol.-% oder entsprechend herunterverdünnte Malts ist dieses Glas jedoch ein machtvolles Werkzeug. Man sollte es stets einen Hauch von der Nase entfernt halten, anstatt diese in die Öffnung zu halten. Dann lässt es die Genießer*in völlig neue, feine Aromenkomponenten entdecken, die mit anderen Gläsern nicht auffindbar sind. Mancher lang bekannte Standardwhisky zeigt in diesem Glas ganz neue Aromen – und es machte mir riesige Freude, mit ihm geeignete Whiskies ausgiebig zu verriechen.
Für das Nosing gibt es eine Wertung über die ganze Skala: würde man einen 65 Vol.-%er hineingießen, wäre dieser unverriechbar und würde der Genießer*in lediglich gefühlt die Nasenhaare versengen – für Whiskies unter 50 Vol.-% erhält das Glas von mir jedoch drei von drei möglichen Sternen.
Leider endet mit dem Verriechen der Spaß mit diesem Glas: um aus ihm trinken zu können, muss man den Kopf arg weit in den Nacken werfen, sodass ich tatsächlich nach dem Verriechen im ‚1920s-Glas‘ meist ein separates Glas anderen Typs zum Verkosten verwendete. Für den Trinkfluss also nur ein Stern.
Der lange Stiel ist gut geeignet, das Werkzeug an die Nase zu führen, dennoch fühlt es sich keinen Moment natürlich in der Hand an, sondern tatsächlich im Wortsinn nach einem Werkzeug, welches man führt. Ebenfalls nur ein Stern also für das Handling.
Conclusio: so limitiert, wie der Einsatzzweck auch erscheinen mag, so ungeeignet es auch zum Trinken sein mag – für das Verriechen von Whiskies kann dieses Glas so Unglaubliches leisten, dass ich diese ‚Geruchslupe‘ klar weiterempfohlen habe. Ich selbst hatte mich mit einem ganzen Satz davon eingedeckt. Gekauft 2018 und 2019 zu Stückpreisen von 19,90 € bis 25,00 €, mittlerweile verkauft.

Soweit mein Gläseruniversum, welches ich zwischen 2009 und 2019 Stück für Stück entdeckte. Und welches Anfang 2020 implodierte. Woraufhin sich alle Materie zu einem Punkt zusammenzog – genauer gesagt zu einem neuen Glas:

Ⅷ. Das ‚Eisch Unity SensisPlus Malt Whisky‘

(M)ein neuer Stern am Gläserhimmel – der die Konkurrenz in Scherben schlägt: das ‚Eisch Unity SensisPlus Malt Whisky‘

Präsentation: ★★☆  Nosing: ★★★   Trinkfluss: ★★☆   Handling: ★☆☆

Von der Existenz des ‚Eisch Unity SensisPlus Malt Whisky‘ hatte ich zwar bereits früher gehört. Ich fühlte mich jedoch mit meinem Eisch Jeunesse superwohl und hatte nicht das Gefühl, dass da ein neues, nicht allzu unähnlich wirkendes Glas signifikant Besseres zur Whiskyverkostung beitragen könnte. Zudem schreckte mich die brutale UVP von 43,50 € für dieses Glas ab.
Bis … naja, bis ich Anfang Januar 2020 die einmalige Gelegenheit hatte, dieses Glas zu einem signifikant rabattierten Kurs kaufen zu können. Was ich dann auch tat und eines zur Probe erwarb. Und das haute mich dann aus den Schuhen.
Kombiniert man die perfekte Glasbläserqualität von Eisch, die Eleganz eines filigranen Stielglases und die angenehme Form eines modifizierten/großvolumigen Snifters mit den einmaligen Verriecheigenschaften eines ‚1920s‘ Professional Blender’s Whisky Glass‘, kommt dabei das ‚Unity‘ heraus.
Es holt direkt nach dem Einschenken instantan so viele Aromen an die Oberfläche wie das ‚1920s-Glas‘ – das jedoch, ohne ein Spezialwerkzeug zu sein, sondern schlicht als betörend hübsches Stielglas. Und auch bei Whiskies mit mehr als 50 Vol.-%, wo im ‚1920s-Glas‘ alkoholische Schärfe überbetont wird, präsentiert das ‚Unity‘ zuverlässig die Aromenbestandteile des Whiskies. Weiter lassen sich nach dem Aufwirbeln die ‚Legs‘ herabrinnenden Whiskies an der Glaswand ideal beobachten. Und auch trinken kann man aus dem ‚Unity‘ perfekt.
Kurzum: es bündelt die Vorteile meiner bisherigen Lieblingsgläser famos und ist vom leichten Blend mit 40 Vol.-% bis hin zum fassstarken Islay-Dampfhammer tatsächlich ein rundum geeignetes Glas – ohne Wenn und Aber. Dieses Glas hat für mich alle anderen Trinkscherben deutlich in den Schatten gestellt.
Nach einigem Nachdenken habe ich meine gesamte Whiskyglassammlung in einem Schwung verkauft. Alle Gläser. Jedes. Und habe vom ‚Unity‘ nun sechs Whiskygläser, dazu sechs korrespondierende Wassergläser sowie eine Glaspipette samt Wasserbecher dazu angeschafft. Das vielleicht auch, weil ich den wirklich einmaligen Sonderrabatt habe für die große Bestellung ebenfalls habe nutzen können. Finanziell habe ich dabei tatsächlich rund 60 Gläser gegen zwölf neue getauscht – bereut habe ich es bis heute jedoch keine einzige Sekunde.
Gekauft 2020 zum Stückpreis von 31,76 € (Whisky), 34,71 € (Wasser) und 25,70 € (Wasserbecher & Pipette) – und damit mehr als seelig … 🙂

Für einen anständigen Tisch reicht’s dann ggf. nicht mehr … aber die Gläser sind zum Niederknien: die ‚Eisch Unity‘

Ein Fazit
Abschließend möchte ich erwähnen, dass ich in den vergangenen Jahren viele, viele weitere Gläser angeschafft, durchprobiert und allesamt mit der Zeit wieder aussortiert habe: von einfachen Bugattis (der Günstig-Version des Whiskysnifters, die man gern zum Eintritt auf Whiskymessen sowie als Geschenk zu Whiskybestellungen bei manchen Händler*innen erhält) über das ‚Profi-Nosingglas‘ (sehr passender Name, daraus trinken kann man formbedingt nämlich nicht gut), das ‚Neat Glass‘ (für das die in einem der Whiskyforen mal gefallene Bespitznamung als ‚Elfenpisspott‘ unfassbar treffend ist), den eher zum Teelichthalter geeigneten grünen ‚Large Tumbler‘ von Ardbeg und so weiter, und so fort.

Ich bin gespannt, ob ich mit dem ‚Eisch Unity‘ nun am Ende meiner Reise angekommen bin, oder mir in den nächsten Jahren ein weiterer Evolutionsschritt in die Hände fällt. Festgehalten sei in jedem Fall, dass zwischen einem schnöden Standardglas und einem hochwertigen Exemplar ein großes Gefälle besteht. Wenn wir Genießer uns Whiskies im Wert vieler, vieler Euros einverleiben, darf aus meiner Sicht auch die dazu notwendige Hardware etwas kosten – intensiviert sie doch den Genuss extrem. Und das explizit nicht der Optik wegen: Whiskygläser erfüllen neben der Tatsache, unseren Schnaps nicht in den Boden sickern zu lassen einige immens wichtige Funktionen, wie ich in diesem Text aufzuzeigen versucht habe.

Also: testet Gläser, wann immer ihr die Chance dazu habt. Wenn sich über Jahre bei Euch Whiskies für tausende und abertausende Euro ansammeln, ihr diese aber stets aus Werbegeschenk-Pressgläsern einfachster Güte konsumiert, wartet tatsächlich ein geniales Potenzial unerschlossen darauf, von Euch gehoben zu werden. Entdeckt Eure Lieblingswhiskies ganz neu und findet Seiten und Aromen an ihnen, die Euch bisher verborgen blieben.

Ich wünsche auch Euch stets einen guten Dram im Glas,
Seb

PS: Falls ihr das Gefühl habt, selbst ein gutes Whiskyglas entdeckt zu haben, welches ich noch nicht auf dem Zettel habe, freue ich mich über eine Nachricht von Euch – man lernt ja nie aus …

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