Kurz notiert

Das ‚richtige‘ Whiskyglas

2. September 2018, Was man von einem Glas erwarten sollte und welche Modelle aus meiner Sicht wie abschneiden.

Moin ihr,
ich liefere mein Fazit mal gleich vorweg: ‚das richtige‘ Whiskyglas gibt es nicht. Zumindest nicht in der Form, alsdass es ein Glas gibt, welches für jeden Genießer das Richtige ist. Oder als da ein Glas in der Welt wäre, welches für jeden Whisky das Richtige ist. Deshalb soll dieser Text keine Hinleitung auf die beste der besten der besten Trinkscherben werden, sondern ich zeige Euch, mit welchen Gläsern ich gern hantiere und welche Vor- wie Nachteile ich jeweils in Ihnen sehe.

Fünf ganz unterschiedlich Whiskygläser: wo liegen deren Vor- und Nachteile?

Die Ausgangsfrage: welche Anforderungen sollten wir an ein Whiskyglas stellen?

a) zuvorderst möchte man seinen meist ja hübsch-güldenen oder kräftig-bräunlichen Whisky gern ausführlich beäugen, also spielt das „wie zeigt mir das Glas den Whisky, wie setzt es ihn in Szene?“ eine zentrale Rolle.

b) noch deutlich wichtiger ist mir der zweite Punkt: wir nennen rund 10 Millionen Riechzellen unser Eigen – unsere Nase ist deutlich leistungsstärker als unser Gaumen. Mithin muss unser Glas ideal dafür geeignet sein, den Whisky zu verriechen, seine Aromen im so genannten ‚Kamin‘ zu bündeln und uns möglichst detailliert in diese eintauchen zu lassen.

c) dritter Aspekt ist, wie das Glas durch die Formgebung seiner Trinklippe den Whisky über unsere Zunge fließen lässt. Im hinteren Bereich der Zunge, primär mittig, schmecken wir Bitterkeit. Das sind genau die Geschmackseindrücke, die wir tunlichst minimieren möchten. Eine breit nach außen gewölbte Glaslippe schickt den Whisky breit über unsere Zunge, während eine ungewölbte Lippe den Strahl ungünstig eher mittig in unseren Mund schickt.

d) als Letztes sei uns noch das Handling wichtig: lässt sich das Glas gut und bequem halten, liegt es angenehm auch über längere Zeit in der Hand? Hier ebenfalls von zentraler Bedeutung: ist der Kelch einfach zu umfassen, um den enthaltenen Whisky zur stärkeren Aromenabgabe schnell auf Handtemperatur erwärmen zu können?

Diese vier Eckpunkte als Bewertungskriterien heranziehend schauen wir uns nun an, welche Gläser ich in Verwendung habe – und wie sie in den einzelnen Disziplinen abschneiden. Als Wertungen vergebe ich in jeder Kategorie Sterne: von ★☆☆ (mau) über ★★☆ (solide) bis ★★★ (großartig).

Ⅰ. Das ‚Spey Dram‘ Glas

Das ‚Spey Dram‘ ist ein robuster und schnuffiger kleiner Begleiter für unterwegs.

Präsentation: ★☆☆   Nosing: ★★☆   Trinkfluss: ★☆☆   Handling: ★☆☆

Das ‚Spey Dram‘ ist herrlich barrierefrei: es ist klein und robust, dickwandig und passt in jede Tasche. Ansonsten immer eher der vorsichtige und pflegliche Typ, stecke ich das ‚Spey Dram‘ gern sorglos in in die Jackentasche und bin für den kleinen Schluck draußen im Freien bestens präpariert. Es ist ein preiswertes Industrieglas welches bei genauem Hinsehen wie aus aufeinander aufgebauten Glasringen zu bestehen scheint und einen extrem dicken, tumblertypischen Boden hat. Der Kamin (also der Innenraum) ist sehr klein, detailliertes Verriechen klappt nicht optimal. Das Glas besitzt keine nach außen gewölbte Lippe, weshalb der Trinkfluss unglücklicherweise zur Zungenmitte neigt. Durch den dicken Glasboden und die dicke Wandung erwärmt sich Whisky im Glas nur langsam, selbst wenn ich das kleine Glas fest umschließe. Es liegt stets suboptimal in der Hand, bequemes Halten über längere Zeit ist nicht möglich.
Mein Fazit: das ‚Spey Dram‘ ist meine ‚Gefechtsscherbe‘ für den legeren Whiskygenuss im freien Feld. Nicht mehr, nicht weniger. Gekauft 2013 zum Stückpreis von 2,99 €.

Ⅱ. Der ‚Bowmore Tumbler‘

Der ‚Bowmore Tumbler‘ ist ein gediegen großer Hochofen zur Verkostung stark rauchiger Whiskies.

Präsentation: ★☆☆   Nosing: ★☆☆   Trinkfluss: ★★☆   Handling: ★★☆

Der seit längerem nicht mehr erhältliche ‚Bowmore Tumbler‘ ist ein dem Volumen nach großes Glas, welches relativ dickwandig daherkommt und einen starken Tumblerboden besitzt. Einen Minuspunkt bekommt das Glas für mich durch seine werbliche Gravur – sowas mag ich gar nicht. Durch den großen Durchmesser steht der Whisky nicht sehr hoch im Glas und kommt deshalb suboptimal zur Geltung – trotz der Tatsache, dass das Industrieglas schlieren- und schichtenfrei aufgebaut ist. Das Nosing stark rauchiger Whiskies gelingt relativ solide, feinere Aromen zu bündeln vermag es jedoch absolut nicht. Geeignet für junge, heftige Raucher, ansonsten nicht zum Verriechen höherwertigerer Drams geeignet. Im Gegensatz dazu ist der Trinkfluss durch die nach außen gewölbte Lippe jedoch relativ gut: ich muss den Kopf schon ordentlich in den Nacken legen, bis der Whisky fließt, dann jedoch rinnt er angenehm breit in den Mund. Das Glas besticht zuletzt durch seine gute Griffigkeit: es liegt toll in der Hand – nur das Anwärmen des Inhalts geht durch den dicken Tumblerboden und die starke Wandung nur sehr langsam vonstatten. Ich nutze es heute nur noch sehr, sehr selten – mag jedoch seine Erscheinung und halte es so trotz seiner eindeutigen Schwächen gern weiter in Ehren. Gekauft 2009 zum Stückpreis von 2,98 €.

Ⅲ. Das ‚TWS-Kristallglas‘

Das ‚TWS-Kristallglas‘ war jemandes Versuch, DAS perfekte Whiskyglas zu kreieren.

Präsentation: ★☆☆   Nosing: ★★☆   Trinkfluss: ★★★   Handling: ★★☆

Ich mag nicht tiefer auf ‚ihn‘ eingehen. Also den Erfinder dieses Glases. Nur soviel: eigentlich mag ich politisch bewegte Menschen, aber mit dem Bajuwaren, der gleichzeitig das Marketing bei Deutschlands mittlerweile größtem Whisky-Versandhandel verantwortet, werde ich auf keiner Ebene warm – trotz der Tatsache, dass ihm zweifelsfrei Respekt für seinen Erfolg im Geschäft gebührt. Nun hat der gute Mann 2015 nach einigen Versuchen und Entwürfen mit einer Glasbläserei zusammen das heute so nicht mehr erhältliche TWS-Kristallglas entworfen. Es handelt sich um mundgeblasenes Glas und es existiert den die damalige Veröffentlichung begleitenden Berichten in Whiskyforen zufolge wohl kaum ein einziges mängelfreies Exemplar davon. Lufteinschlüsse, Bläschen … naja – Handarbeit, die man dem Glas ansieht. Es ist wuchtig geformt und (gleich seinem Schöpfer 😉 eine echte Rampensau auf dem Tisch – was mich freut: der Gedanke gutem Whisky nicht als Beiwerk zu Wasserglas und Karaffe Raum zu verschaffen, sondern ihn seiner Wertigkeit entsprechend prominent in Szene zu setzen, behagt mir. Das Glas zeigt deutliche ‚Schichtrillen‘ und durch sein enormes Volumen findet der Whisky nur im unteren Bereich als Pfützchen seinen Platz, was der Präsentation nicht eben zuträglich ist. Der Kamin ist aus meiner Sicht definitiv zu groß, alsdass im Glas trotz dessen Einschnürung unter dem Kopf die leichten und feinen Töne eines Whisky nicht perfekt zu verriechen sind. Absolut unschlagbar hingegen zeigt sich das TWS-Glas beim Trinken: hier ist noch stärker als beim ‚Bowmore Tumbler‘ der Kopf bis in den Nacken zu schmeißen, bis die Flüssigkeit aus dem Behältnis zu locken ist, dann aber wird durch die stärker als bei allen anderen meiner Whiskygläser gewölbte Lippe der Dram perfekt im Mundraum verteilt. Ebenso großartig gelöst: der kurze Stiel erlaubt (zumindest bei meinen Handdimensionen), ihn mit einem vulkanischen Gruß 🖖 zu umfassen und dann das Glas schön sicher in der ganzen Hand zu halten. Das Anwärmen des Inhalts klappt dadurch ebenfalls gut. Insgesamt ein Glas, welches große Stärken besitzt – lediglich das insgesamt zu große Volumen, die handwerkliche Qualität der Blasarbeit sowie eine Werbegravur auf dem Fuß werten es ab. Gekauft 2015 zum Stückpreis von 15,82 €.

Ⅳ. Das kristallene ‚Glencairn‘

Das kristallene ‚Glencairn‘ ist die Edelvariante des absoluten Whisky-Standardglases, dem Glencairn.

Präsentation: ★★☆   Nosing: ★★★   Trinkfluss: ★☆☆   Handling: ★★★

Das kristallene Glencairn ist ein kleiner Blender: durch den Kristallschliff und sein enormes Gewicht wirkt jeder Dram in diesem Glas direkt wie etwas ganz besonderes. In Sachen ‚Whisky in Szene setzen‘ ist das Glas in dieser Hinsicht ein Traum – andererseits trüben der Kristallschliff und die Panzerglas-gleiche Wandungsstärke die ungehinderte Sicht auf den Glasinhalt. Im Nosing ist das Glencairn nahezu konkurrenzlos: die Größe des Kamins ist ideal, um auch komplexeste Whiskies perfekt verriechen zu können, die Einschnürung nach oben gewährleistet die Aromenbündelung. Leider jedoch lässt das Glencairn eine Außenwölbung der Lippe vermissen, weshalb der Trinkfluss primär die Zungenmitte erreicht. Das Glas liegt brutal solide und angenehm in der Hand. Durch die Riffelung des Schliffs und das Eigengewicht habe ich stets das Gefühl, eine Handgranate zu halten – es ist dabei jedoch ein echter Handschmeichler. Mit der Hand umschlossen erwärmt sich der Inhalt in vertretbarer Zeit, die Wandstärke jedoch ist deutlich höher als beim Standard-Glencairn, was ich als leicht abwertend empfinde. Insgesamt ein Show-Star sondergleichen, der bis auf den mangelhaften Trinkfluss eine Empfehlung wert ist. Gekauft 2017 zum Stückpreis von 22,05 €.

Ⅴ. Das ‚Eisch Jeunesse Malt Whisky‘

Das ‚Eisch Jeunesse Malt Whisky‘ ist eine handwerklich exzellent ausgeführte Version des klassischen Whisky-Stielglases.

Präsentation: ★★★   Nosing: ★★★   Trinkfluss: ★★☆   Handling: ★☆☆

Wer einmal verstanden hat, dass es sich bei einem Tumbler (🥃) nicht um ein Whiskyglas, sondern um einen Eiswürfelbehälter handelt, lernt neben dem Glencairn schnell die klassische Form eines ‚Whisky-Snifters‘ als DEN verbreiteten Standard zum Whiskygenuss kennen. Das ‚Eisch Jeunesse Malt Whisky‘ bietet die perfekteste Umsetzung dieser Glasform, die ich kenne. Mundgeblasen, dennoch absolut makel- und fehlerfrei (im Gegensatz zum ‚TWS-Kristallglas‘ wird bei Eisch der Ausschuss tatsächlich aussortiert) in der Ausführung nimmt es sich filigran und dezent aus. Anders als beim ‚Kristall-Glencairn‘ stellt sich das Eisch auf der Designebene ganz in den Hintergrund, um den Whisky selbst wirken zu lassen – ein verblüffender Effekt. Die Präsentation ist deshalb in meinen Augen ideal, da mit diesem feinen Glas nur ein Hauch von nichts – per Stiel in ansehnliche Höhen erhoben – den Inhalt birgt. Es ist hochrein und in Sachen Präsentation mein absoluter Favorit. Auch beim Nosing ist das Glas zusammen mit dem ‚Glencairn‘ unschlagbar: eine perfekte Kelchgröße samt Einschnürung macht das Verriechen so einfach wie möglich. Die Lippe ist nach außen gewölbt, sodass der Trinkfluss ebenfalls relativ gut ausfällt. Nur relativ gut? Jau! Gibt es an diesem Glas etwas zu verbessern, ist es in meinen Augen eine weiter nach Außen zu wölbende Lippe für einen noch breiteren Trinkfluss (hier schneidet das ‚TWS-Kristallglas‘ eindeutig besser ab). Zum Anwärmen des Whisky ist das ‚Eisch Jeunesse‘ prima zu halten: ebenfalls per Vulkaniergruß den Stiel umfasst erwärmt sich der Inhalt sehr schnell. Der Griff beim Trinken am filigranen Stiel jedoch ist nicht so bequem, alsdass man es permanent in Händen halten möchte – was eine Schwäche in Sachen Handling darstellt.
Das ‚Eisch Jeunesse Malt Whisky‘ ist in Summe mein Haus- und Hofglas, welches ich nicht mehr missen möchte. In der Serie ‚Jeunesse‘ sind zudem passende, chic-dezente Wassergläser verfügbar und auch in Sachen Wasserkaraffen bin ich privat mit Eisch ausgerüstet. Damit lässt sich vortrefflich arbeiten – und genießen! Gekauft 2011 zum Stückpreis von 23,80 €.

(M)ein Fazit
Es wird niemanden wundern – aber die eierlegende Wollmilchsau in Sachen Whiskyglas gibt es nicht und so habe ich tatsächlich die beschriebenen fünf verschiedenen Glassorten im Schrank, die alle fall- oder stimmungsbezogen ihre Berechtigung haben – wenn auch das ‚Eisch Jeunesse‘ in 90-95% aller Fälle zum Einsatz gelangt.

Abschließend möchte ich erwähnen, dass ich in den vergangenen Jahren viele, viele weitere Gläser angeschafft, durchprobiert und allesamt mit der Zeit wieder aussortiert habe: von einfachen Bugattis (der Günstig-Version des Whisky-Snifters, die man gern zum Eintritt auf Whiskymessen sowie als Geschenk zu Whiskybestellungen bei manchen Händlern erhält) über das ‚Profi-Nosingglas‘ (sehr passender Name, daraus trinken kann man formbedingt nämlich nicht gut), mehrere Gläser von Spiegelau (die sparen Laufwege in Bar-Situationen, da in einem Schwung bequem eine Viertelflasche Whisky hineinpasst ;), das ‚Neat Glass‘ (für das die in einem der Whiskyforen mal gefallene Bespitznamung als ‚Elfenpisspott‘ unfassbar treffend ist), den eher zum Teelichthalter geeigneten grünen ‚Large Tumbler‘ von Ardbeg und so weiter, und so fort.

Lediglich eine besondere Erfindung ist aus meiner Sicht noch die Erwähnung im Kontext Whiskygläser wert: der ‚Kugelbukanter‘. Ein Werkzeug, mit dem sich Whisky wahnsinnig gut verriechen lässt. Jedoch ein rein technisches Utensil für ambitionierte Nasen, denn daraus trinken lässt sich nicht. Ich habe über lange Zeit mit einem Bukanter experimentiert, ihn dann jedoch irgendwann weitergereicht, weil er mir zu unpraktikabel schien. Wer jedoch einen Whisky in seinen Aromen mal reell auseinandernehmen möchte, findet im Bukanter ein großartiges Werkzeug, dessen Beiname ‚Geruchslupe‘ absolut zutreffend ist.

Puh – lang ist dieser Text geworden – hoffentlich aber ein wenig hilfreich. Begleitet hat mich beim Schreiben übrigens (in meinem ‚Eisch Jeunesse‘ 😉 ) ein großartiger Highland Park:

Highland Park 1989 CA

Ich wünsche auch Euch stets einen guten Dram im Glas (in welchem auch immer),
Seb

PS: Falls Ihr das Gefühl habt, selbst ein gutes Whiskyglas entdeckt zu haben, welches ich noch nicht auf dem Zettel habe, freue ich mich über eine Nachricht von Euch – man lernt ja nie aus …

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