Wissen & Meinungsbeiträge

Er

12. August 2018, Eine Polemik.

Vorbemerkung: in diesem Blogpost verlasse ich den selbstgesteckten Rahmen meiner ansonsten sachbezogenen Beitragsreihe über verschiedene whiskyzentrierte Themenpunkte und drehe hier mal den Furor- wie auch den Humor-Hahn bis zum Anschlag auf. Ich hoffe, Ihr seht mir das nach – sich das mal von der Seele laufen zu lassen und rauszuschreiben, hat jedenfalls saugut getan … 😉

Nun denn:

Auf Whiskymessen ist es bisweilen voll. Manchmal sehr voll. Manchmal sogar sehr sehr voll. Und dann gibt es da noch den Messesamstag auf der Whisky Fair Limburg. Da ist es dann dergestalt voll, dass der geneigten Besucher*in beim Messerundgang des Öfteren mal die Rückenbehaarung des Vordermanns noch durch dessen Flanellhemd lustig in der eigenen Nase kitzelt. Und genau in dieser Atmosphäre spielt unsere kleine Geschichte. Sie handelt von Ihm.

Als Besucher*in einer Whiskymesse haben wir mit größter Wahrscheinlichkeit alle schon des Öfteren unfreiwillig mit Ihm Bekanntschaft gemacht. Bei ihm handelt es sich nicht um ein Einhorn-gleich rares Fabel- oder Mythenwesen – nein, Er ist als Gattung zu klassifizieren, die sich in stabiler Populationsstärke auf jeder größeren Whiskyveranstaltung tummelt.

Schon von weitem aus wäre Er theoretisch erkennbar – im Dickicht ihn umgebender Menschenansammlungen entdecken wir ihn regelfalls jedoch leider viel zu oft erst, wenn wir uns nur noch einen Schritt hinter oder neben ihm befinden. Was entschieden zu spät ist.

Optisch problemlos auszumachen ist Er an seinem Rucksack. Wir sprechen hier nicht etwa vom nur zigarettenschachtelgroßen Einsteigermodell, welches an Stringtanga-artig dünnen Fädchen befestigt die teigigen Riesenrücken meist weiblicher Trägerinnen von zweieinhalb Zentner Lebendgewicht und aufwärts ziert, sondern vom stahlstrebenverstärkten Modell „Camping robusta XXL“ mit dem Fassungsvermögen eines handelsüblichen Kleinwagen-Kofferraums und entsprechend üppigem Lichtraumprofil.

Nicht ohne Grund wird dieser Trumm durch das Gedränge bugsiert – denn Er denkt voraus! „Auf so ner Messe kannste was kaufen, und was an Beute gemacht wird, muss eingesackt und gesichert werden“. Dass die tausenden von Whiskyflaschen auf Messen sich im Ausgangszustand ja bereits an den Verkaufsständen befinden, mithin dort also genügend Stauraum vorhanden ist, um die eigenen Einkäufe dort weiter bis Messeende zu lagern, anstatt mit zwanzig Extrapfunden an Glas und Alk stundenlang durch die Gegend zu eseln, hält Er für ein schwaches Argument: „Erst was im Tornister ist, ist meins!“.

Weiter vereint Er die kompletten Klaviaturen deutscher Alertheit wie deutschen Einfallsreichtums gleichermaßen dahingehend, alsdass er der von ihm unterstellten Problemlage „hier sind massig Menschen, da wird bestimmt geklaut!“ dahingehend begegnet, jedweden Kleinkram wie Portemonnaie und sogar Taschentücher im Rucksack zu verstauen. Natürlich nicht in einer der 72 enthaltenen Außen- und Zusatztaschen – da weiß man ’ne Minute später ja schon nicht mehr, in welche man das soeben Verstaute gepackt hat – sondern schön direkt in den großen Kofferraum geworfen. Es wird an einem durchschnittlichen Messetag für Ihn im Mittel alle 180 Sekunden eine Notwendigkeit geben, „mal eben an den Rucksack“ zu müssen.

Werfen wir einen Blick ins Getümmel der Messehalle:

‚Dann gibt es da noch den Messesamstag auf der Whisky Fair Limburg‘ – DEN Tummelplatz für Ihn.
Foto: © WhiskyBabbler

Im dichten Gewühl zäher, aber kontinuierlicher Fortbewegung aller Beteiligter nähert Er sich einem Stand, sein trübes Auge entdeckt eine spannende Flasche und blitzartig bleibt Er interessiert auf dem Absatz stehen. Da nur Ihn solitär eben dieser Geistesblitz durchzuckt, läuft der nachfolgende, arglose Messegast zwangsweise in den spontan in der Luft zum Prellbock erstarrten Aufbau seines Rucksacks. Das Er natürlich nicht ohne vier Glasflaschen Gerolsteiner ins Gefecht zieht, hatte ich noch nicht erwähnt, oder? Mit einem hässlichem Geräusch zeigt der eben noch vor dem Bauch der Auflaufenden am Glashalter baumelnde Whiskysnifter zersplitternd an, beim Schnick-Schnack-Schnuck gegen die Wehrhaftigkeit von 4,4 Kilo Normbrunnenflaschen den Kürzeren gezogen zu haben. Er hingegen bekommt außer einem leichten Stups von hinten nichts von der Situation mit, andernfalls hätte er sich natürlich gebührend über die in voller Höhe erhalten gebliebenen 60 Cent Bepfandung als auch die ersparte Sauerei aus Wasser und Scherben gefreut. Die Auflaufende räumt geknickt das Feld, nicht ahnend welches Glück für ihr körperliches Wohl die Tatsache spielt, dass Er heute noch keine einzige Flasche Whisky gekauft und verstaut hat, was unweigerlich höherem Schadenspotenzial bishin zur Lungenquetschung Tür und Tor geöffnet hätte. Ruhig mal dankbar sein für kleine Dinge!

Nun also steht Er im sich stauenden Gedränge vor einem Stand, an welchem er beschließt, den ersten Dram des Tages zu erwerben. „Ah, das Portemonnaie!“ Der Rucksack muss runter. Seiner ganz unverkrampft-natürlichen Intuition folgend wirft Er beide Arme seitwärts aus wie Hochseeangler ihr Sportgerät beim Marlin-Fang. Die Chance, hierdurch zumindest an Back- oder Steuerbord einen anderen Messegast bewusstlos auf die Bretter zu schicken, liegt dem Gedränge geschuldet bei rundweg 75%. Mit viel Glück jedoch weichen die Umstehenden geistesgegenwärtig aus und belehren Ihn mit einem mahnenden „Öi, Vorsicht da!“. Den Rucksack raumgreifend absetzend streift Ihn millisekundenlang die Erkenntnis, das man hier wohl mit seinen Armen aufpassen muss. Naja.

Er öffnet den Tornister, wühlt sich an den Wasserflaschen vorbei bis in die Tempo-bewährten Fundamente und greift sich das Portemonnaie, welches begleitet von einer Zellstoffflusenwolke zum Vorschein kommt. Den Rucksack verschließen und wieder aufsetzen – mit einem Rundschwung, der um Haaresbreite den nächsten Hintermann den Brillensitz auf dessen Nase gekostet hätte – ist eins. Er bezahlt seinen Dram, lässt sich einschenken und nimmt das gefüllte Glas zur Hand. Mmmh! Das Einzige, was den von ihm ersehnten ersten Genussmoment trübt, ist sein noch in der anderen Hand befindliches Portemonnaie, weshalb Er den Rucksack wieder absetzt. Doch halt!

Da die rund ausgeruderte Armpeitsche mit Beinahe-K.O. erst Sekunden zurückliegt, feiert sein Kurzzeitgedächtnis den lichten Moment des Tages, vermeldet seinem Besitzer „Vorsicht!“ und betrachtet sein Tagwerk fürdehin als erledigt. Er dreht sich also smarterweise einmal blitzschnell im Halbkreis nach hinten, um zu schauen, ob um ihn herum gerade Platz für das notwendige Ausfahren der oberen Extremitäten zur Tornisterabsetzbewegung ist.

Diese Drehung kostet die nächste Umstehende*n ihr Tastingglas, welches der atemberaubend querbeschleunigte Rucksack auch Dank seiner massiven Füllung in einem Moment gleich der Klimax eines Höhenfeuerwerks zu bildhübschem Kristallregen mit einer Korngröße im Millimeterformat zerspringen lässt. Das feuerrote Schürfmal quer über die Brust der Entglasten stellt das Signet des Werkes seiner unikaten Schaffenskraft dar.

Etwaige Auseinandersetzungen von Opfern oder noch eben so Davongekommenen mit ihm helfen übrigens im Regelfall nichts – und da ist ihm auch kein Vorwurf zu machen. Wer selbst nicht x-mal so ein Ding ins Gesicht bekommen hat, sieht im Rucksack kein Problem. Laufen doch täglich Leute mit durch die Welt, ist ja nicht verboten.

Und wie 99,999% seiner Mitmenschen auch, übt Er zudem keinen Beruf aus, bei dem es täglich ganztägig einen schweren Rucksack zu tragen gilt. Mithin vergisst Er während seines Messetags stets Sekunden nach dem Aufsetzen seinen ungewohnten, aber komfortabel sitzenden Tragebehälter wieder und läuft erneut und erneut in derartige Situationen. Als ein Klassiker sei hier noch exemplarisch der „von hinten angesprochen werden ob man mal etwas Platz machen könnte und sich intuitiv schnell mal umdrehen, um zu gucken, wessen Stimme man denn da hört“-Wischer, ausgeführt stehend in erster Reihe direkt an einem Messestand, bei dem der Rucksack gegenüber einer Whiskyausstellungsflasche aus vorderster Front seine Qualitäten als Golfschlägerersatz mal richtig satt ausspielen kann.

Dieser Mangelkanon in Sachen Aufmerksamkeit, Koordinationsfähigkeit und Bedachtheit schwillt im Laufe seines Messetags Alkohol-induziert stetig an. Ab 15 Uhr sollte auf überfüllten Whiskymessen Helmpflicht herrschen, zudem muss eine dann noch ausbleibende Brust-, Extremitäten- und Weichteilpanzerung anderer Gäste schlichtweg als fahrlässig angesehen werden. Oder liegt das Problem woanders?

An dieser Stelle verlassen wir Ihn mal. Ich könnte jetzt noch zwanzig weitere Situationen mit Ihm fabrizieren – Ihr habt aber den Punkt vor Augen und ich breche ihn abschließend nochmal auf den Kern herunter: lasst Eure Flaschen an den Ständen, bis Ihr die Messe verlasst. Wer Angst hat, etwas nicht zu bekommen, kann bezahlen, sich zurücklegen lassen, und hat die Ware damit sicher. Kostet nix extra, ihr müsst den Quatsch nicht permanent schleppen und ihr kommt wahlweise mit einem möglichst kleinen Rucksack oder noch besser einer Umhängetasche aus, die ihr immer im Blick habt und an die ihr ohne Absetzen jederzeit herankommt.

Ein Messenger Bag ist der beste Begleiter für einen Messetag – hat man bei kleinster Silhouette doch ohne Absetzen stets alles Mitgeführte im Zugriff.

Himmel, selbst ein Rollkoffer ist auf einer gut gefüllten Messe um längen praktischer als ein grindiger Riesenrucksack. Und in jede Lösung passen platzsparend zusammengelegte Stoffbeutel, mit denen man abends seine Beute einsammeln und bequem heimwärts transportieren kann.

Damit nun genug der Worte. Finaler Tipp: abseits aller Polemik haben wir zum Thema „Wie und was packe ich ein?“ 14 Tipps für den erfolgreichen Whiskymesse-Besuch für Euch gesammelt.

Wir sehen uns auf der Messe,
Seb

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