Raritätentastings

48. regulars-Treffen / 5. Raritätentasting

25. März 2017, »Wein ist schlimmer!«, bei ted.striker in Leer

Moin ihr,
nach einem furiosen Freitagabend als Auftakt für das vielleicht schönste Whiskywochenende des Jahres trat ein Fünferrat der regulars gestern zum 48. regulars-Treffen und zeitgleich 5. Raritätentasting zusammen. Um die obligatorische Logabirumer Teetafel versammelten sich whisho, der weitgereiste Leorin, der noch weitgereistere (noch weiter gereiste? öhm. ach egal) Malt-Rafa, (Raritasting-)Frischling krimoldo sowie meine Wenigkeit.

Mit einem Ausbund an reflexhafter Selbstverteidigungshaltung der gesamten Gruppe wogte schnell ein Gespräch um den Themenkreis „wieviel Alkoholkonsum ist eigentlich fein/akzeptabel/noch tragbar/bedenklich“ – der schnell gefundene gemeinsame Nenner: und wenn du täglich drei Drams konsumierst, beim durchschnittlichen Weintrinker rinnt rechnerisch viel mehr Stoff durch die Schläuche. Also: „Wein ist schlimmer!“ 😀 Und auch der ambitionierte Whisky-Connaisseur liegt stets deutlich unter dem Bundesdurchschnitt an Alkoholkonsum. Nach derlei gegenseitiger moralischer Auferbauung und mit unisono erteilter Eigenabsolution für unser aller Hobby versehen, fanden wir uns perfekt für das Tasting gerüstet. Wobei das gefallene „Wein ist schlimmer!“ sich in mindestens 42 gänzlich unterschiedlichen Zusammenhängen und Aussagezielrichtungen zur allgültigen Punchline des Abends entwickeln sollte …

Nachdem die zweite Kanne Tee erfolgreich geleert war, schritten wir also zur Tat. Erster Vortragender vor dem Malttribunal sollte ein 46-jähriger Glen Grant sein. Gewaltige Holzfracht, spannend und schön viskos-altgereift. Ein großartiger Einstieg!

Glen Grant 1965 CM

Dram Nummer Zwo ein 1969er Springer: wunderbar samtig-mild, wachsig mit viel OBF und schlichtweg ein Traum an Komplexität und Harmonie. Wobei wir auf ganzer Linie damit scheiterten, ihn in Nase und Geschmackserlebnis auseinanderzunehmen und zu benennen, was uns da begeisterte. Der Malt war schlichtweg flüssig gewordene „Komplexität“. Genial!

Springbank 1969 DL

Als dritter im Bunde gesellte sich der 40-jährige Blend von Royal Mile hinzu. Sherrytime! Ebenfalls perfekt ausbalanciert, wunderschön mit der Macallan-Nussigkeit als Grundton versehen eine Kuscheldecke für die Genießerseele. Wohligkeitsfaktor A++!

Blended Malt Scotch Whisky 40-year-old RM

Vor der Halbzeitpause dann der mit Spannung erwartete erste ganz große Star des Abends: ein 65er Lochside Sherrykiller. Der blies uns allesamt direkt vom Hocker. Schon das erste Maß nehmen in der Nase kündigte an, dass hier ein Ausnahmefeuerwerk gezündet werden sollte. Rote Früchte, jede Menge Sherry und Wachs bis der Arzt kommt. Beim Antrunk dann zehnsekundenlang nur noch gegenseitiges Zunicken und verdrückte Freudentränen: den Kandidaten wollte niemand hastig schlucken. Unfassbar großes Geschmackskino einer wirklichen Preziose. Bis auf das nur mittellange Finish, wo noch ein µ mehr herauszuholen gewesen wäre, absolut gleichauf mit meinem persönlichen „Best sherried Malt ever. So far.“ Gegenseitige Glückwünsche dazu, dieses Erlebnis miteinander teilen zu dürfen, dann der Halbzeitpfiff.

Lochside 1965 AD

Der obligatische Käseplattenexzess aus zehn Köstlichkeiten setze die angestrengten Gaumen ein wenig zurück und gab neue Kraft für weitere Rarifreuden.

Ein etwas älterer Highland Park 30yo machte danach den Auftakt für Hälfte Zwo. Sehr dezent. Megaharmonisch komponiert. Absolut Highland Park. Toller Whisky. Aber eine unerwartete Fallhöhe gegenüber dem kompletten ersten Set an Drams. Das hier war moderner Malt. Wirklich moderner Malt. Nix Wachs, nix Staub, no OBF. Ein schöner Whisky, aber „vorversaut“ vom Vorangegangenen tatsächlich ein spürbarer Rückschritt. Aber hey: Wein ist schlimmer! 😀

Highland Park 30-year-old

Schnell zum nächsten gegriffen – Auferbauung war angesagt! Und der 40-jährige 1975er Sherry-BenRiach sollte für Entsatz sorgen. Vom Profil sehr sehr nah an den Tropenfruchtgranaten aus 1976 – lediglich ein Hauch zuviel vorschmeckendes Holz, welches die Tropifruttifreuden etwas zu überdecken schien, konnte hier angemeckert werden. Wobei das kritteln auf allerhöchstem Niveau bedeutete: das war Spitzenstoff!

BenRiach 1975

Two to go: noch ein „Jungspund“ stand auf der Agenda: ein 85er Glendronach, 30 Jahre alt, aus einem PX Puncheon. Nase ans Glas. WAS IST HIER DENN LOS? Kakao. Staubtrocken. Nicht wegzuatmen. Heidenei, da hatten wir aber mal das Gegenteil von „gefällig und rund“, das war Kantigkeit par excellence. Im Mund zeigte sich der Kandidat dann richtig verrückt: erst furztrocken, dann auf einmal mit einem quietschsüßen kurzen Boost, bevor der Mundraum quasi als ausgebrannter Startrampensockel nach einem Raketenstart zurückblieb. Wuaah. Amtlich Bitterkeit dazu. Dieser Whisky spaltete die Geister. Ich für meinen Teil muss sagen, dass zu viel arg bitteres Holz furchtbar vorstand, der war schlicht überreift. Wirklich nicht mein Schlag Malt, ein furchtbares Erlebnis – kein Malt in einem Raritasting hat mich derart zerknittert zurückgelassen.

Glendronach 1985

Tja. Und nun? Alles verloren? Glücklicherweise nicht, denn als letztes Ziel saßen wir auf einen 73er Ardbeg von 27 Jahren an. Wie schon der BenRiach nach der „Highland-Park-Delle“ machte dieser Whisky alles Vorangegangene wett: die Nase signalisierte in Sekunde 1, dass hier gerade sitzen und aufpassen angesagt sei. Der aschig-dreckige alte Ardbeg-Rauch stand so gewaltig-großartig vor, darunter eine wachsig-komplexe Süße, dass es die helle Freude war. Ardbegs noch aus der Zeit des eigenen Maltingbetriebs (ein Einwurf von Leorin erinnerte uns daran) sind tatsächlich vom Rauch her grundanders als moderner Ardbeg. Der Malt war ein Fest. Super gereift, solide Süße untermalt von diesem unvergleichlich-tollen, dreckigen Ascherauch. Ein Industriedenkmal. Wow!

Ardbeg 1973 DL

Am Ende fiel uns schwer, einen Sieger zu küren. Sowohl der Ardbeg als auch der Lochside waren unumstritten die absolut herausragenden Megasternchen, soviel war Konsens. Mein Herz hing hier letzten Endes mehr am Lochside – wobei das bei so unterschiedlichen Malts fast eine reine Präferenzfrage und kein Qualitätsurteil war.

Jo, und damit endete im nächtlichen Logabirum einmal mehr ein großartiger Abend mit Spitzenmalts. Tolle Gespräche in einer Runde, die ich über die Jahre mehr und mehr zu schätzen weiß – und die Newbie krimoldo mehr als prima zu bereichern vermochte.

Dank allen Gästen fürs Kommen und für ein paar großartige Stunden quality time!

Auf bald,
Sebastian

Ach ja: falls dir unser Blog gefällt und du informiert werden möchtest, wenn ein neuer Artikel erscheint, lass dich per E-Mail benachrichtigen oder abonniere unseren Newsfeed.