Messe- & Veranstaltungsbesuche

44. regulars-Treffen

29. Oktober 2016, »Wer reist, wird Italiener«, auf der Aquavitae in Mülheim an der Ruhr

Ach komm: gestern war so schön, da schreiben wir doch dem zu Ehren endlich mal wieder ein kleines Posting darüber …

Die Aquavitae.
Lange drauf gefreut, denn Mülheim ist für diesen spezifischen Tag im Jahr tatsächlich extrem bereisenswert.

Also: es ist AV-Samstag, 8.15 Uhr, wir befinden uns auf halber Linie zwischen abgetrunkenen Teetassen in einem dunkel gewordenen Friesenhaus und einem halbdutzend mäßig beeindruckt aufblickenden deutschen schwarzbunten Niederungsrindern. Mit vier Mal *klapp* schließen sich plusminus ebensoviele Autotüren und ein Ingolstädter Handschalter leistet fürdehin Vortrieb ’gen Süden. Die Reise beginnt.

An Bord treffen wir auf Ute, jahrelang Kummer gewohnte Pilotin diverser regulars-Exkursionen sowie die Corona vierer Whiskyliebhaber mit geradezu verzückender Verwandlungsgabe, welche sich erfahrungsgemäß auf dem Hinweg in nüchterner Diskussion ausnimmt wie ein Häufchen bemühter Kunstkritiker, auf dem Rückweg in Sachen Ausgelassenheit jedoch nur allzuleicht mit einem Bottroper Kegelschwesternring zu verwechseln ist. whisho, Ostfriese, Emsländer und ted.striker debattieren sich durch einen Sonnenaufgang und 240 km Asphalt.
Einzige Stimmungstrübung: linus meldet sich und muss leider absagen – megaschade, da im Raum stand, sich bei dieser AV ein bis dahin unberührtes Meine-Freunde-Album auf einen Schlag lückenlos füllen zu lassen, da tatsächlich nahezu jede gute Bekannte*r ihr Kommen angesagt hat.
Aber gut: irgendwas ist ja immer.

Spulen wir etwas vor: es ist kurz nach 10.30 Uhr und der friedliche „Pillentreff“ rollatorbewährter grauer Wölfe bei Mülheims Bäcker Hemmerle wird nach alljährlichem Ritual jäh gestört – die Ostfriesen fallen ein. Mit Malt-Rafa gesellt sich ein erster Exil-regular zu uns. Stärkung einfahren, ein paar Neutralteig-Rundlinge für spätere Geschmacksresets eintüten und dann aber mal rüber zur Stadthalle: steht der Deutsche in keiner Schlange, isses kein Event.
Mülheim wirkt an diesem Vormittag irgendwie anders als sonst – sieh an, sieh an. Gut einen Spazierkilometer später merken wir, dass wir als sabbelnder Haufen ohne auch nur einen, der sich um die Zielpeilung kümmert, schlicht in die falsche Richtung geirrt sind …
Also Kurskorrektur und auf den letzten Metern mutig immer dem infernalischen Getröte zweier Barbaren entgegen, die Schottlands Gegenentwurf zu Waterboarding durch ihre Pfeifen in die laue Mülheimer Luft entlassen*.

Hui, wir kommen mit nur zwei Runden „Auld Lang Syne“ vergleichsweise milde davon und strömen durch den Eingang, wo uns im Business-Dress gewandete dienstbare Geister mit freundlichem Lächeln die Einlassbänder derart schief auf die Armbehaarung kleben, dass die ruckartige Entfernung der Bänzel deutliches Potenzial für ein spannendes Mutprobenspiel auf der Rückfahrt verspricht.

Gläser aufgepickt und direkt auf den Weg zu Kaspars Rolf, der die Overtüre bereiten darf. Das Messebottling Teeling 1991 RK wandert ins Glas und sorgt für Verzückung. Leckerer alter Ire, schön tropisch, dazu in der Nase mit sehr hübscher Säure. Fein fein.

Teeling 1991

Aber Landadel verpflichtet, weshalb Ostfriese uns mit diesem Mädchenwasser links liegen lässt und als ersten Tropfen des Tages erstmal einen Caol Ila 2003 AD mit knapp 59 Volt auf die Hörner nimmt. Szenenapplaus der Mitreisenden: sehr gut, von darauf lässt sich für die weiteren Drams in Sachen Rauch und Alk.-Gehalt doch vortrefflich aufbauen!

Caol Ila 2003 AD

Ausgetrunken, Gläser gespült und die nächste Ereigniskarte gezogen: hui, wir besuchen Martins Malzscheune. Den Inchgower 1980 MBa in die Gläser und damit den zweiten wohligen Volltreffer des Tages gelandet. Leckerleckerlecker – und diese Frische trotz 35 Jahren Alters!

Inchgower 1980 MBa

Irgendwie wird noch unkoordiniert hier und da und dort links und rechts probiert, im Ergebnis wandert dank Malt-Rafa in jedem Fall eine Buddel vom Clandestine Very Old MBa ins Einkaufkörbchen: den teilen wir nochmal in Ruhe.

Clandestine Very Old MBa

Zum Wassertanken begeben wir uns zum Stand der Stiftsquelle, auf dem Weg gabeln wir noch Leorin auf, der sich uns anschließt. *ögg ögg ögg* werden die Wasserkanister neu befüllt. Vom benachbarten Maltstock-Stand raunt ein freundlicher Niederländer unserem Ostfriese etwas zu. „Pilletjes kopen?“ Nein. Quatsch. :grins:
Kilchoman New Make wird gereicht! Nach Ostfrieses Darstellung, da er Kilchoman-Cap und -Shirt trägt. Nach einhelliger Gegenmeinung der Mitreisenden, da ihn bereits jetzt eine unverkennbare Rauchsäule umschwebt, die seine Vorlieben unmissverständlich an Umstehende kommuniziert. Während der New Make fließt (mmmh, Himbeere, überhaupt keine Schärfe, beeindruckend!) schauen wir uns das Angebot am Maltstock-Stand mal genauer an. Und siehe da: der gute Mann hält uns grinsend und nicht ohne Stolz das Fasssample eines 24-jährigen 1991er Dark-Sherry-Laphroaigs von Cadenhead’s unter die Nase. Zwei Mal blinzeln und 17.500 Leute stehen um uns herum mit am Stand. Noch zwei Mal blinzeln und die Flasche ist Geschichte. Waaaaahnsinnig gut, mit tollen Kräuternoten und verhältnismäßig wenig Laphi-Medizin – ein wirkliches Ausnahmefass, dem wir die Daumen drücken, bald mal zu unseren Gunsten im Markt aufzutauchen.

So, nun muss aber mal durchgelüftet werden: was neues ins Glas und dann ab nach draußen. Also ab zum Whiskykanzler, dessen als Kilbride Dam Wk benamste Laphroaig-Port-Kleckerei verkostet werden möchte. Ja, jo, jau, mit eben über 46% wünscht man sich vielleicht 5% mehr Power, aber ein gelungenes Experiment isses. Unser Emsländer fackelt nicht lange und kollektiert das Unkollektierbare in Flaschenform.

Kilbride Dam Wk

Brötchenkauend einmal verpusten und den Rauch aus dem Kamin putzen, dann des Kanzlers Glendronach 1995 zu Leibe rücken. Ja, doch, schöne Orange, „tiefe Süße“, nomnomnom.

Glendronach 1995

Eneloop2009 und Entourage laufen auf: Moin, moin, schön, dass Ihr da seid!

„Middach!“ ruft’s irgendwo. Guter Plan! Wir spazieren in die Restauration, setzen uns an den letzten freien Tisch und werden in den 20 Sekunden von „hinsetzen“ über „Tasche ablegen“ bis „aufstehen, um an der Ausgabe Essen zu fassen“ von einem Kellner einmal wütend taxiert und einmal angeranzt, dass das hier ja bitte nur Plätze für Menschen seien, die speisen wollten. Die Plätze reichen in diesem Jahr nicht.
Wir spurten an die Ausgabe um für nächste Kellnerkontrollen gewappnet zumindest mit zittriger Hand die Reste eines Haggisburgers zur Dokumentation unserer Sitzberechtigung aufweisen zu können und nicht noch in Ketten gelegt zu werden. Sachen gibt’s …

Nach dem Mittagsbreak gibt’s ein Umarmchen mit Karin und smösch, die des Weges kommen. Im Anschluss ein kleines Duell auf einer Seitentreppe: Leorin zieht ted.strikers Coeur de Cave 13-year-old MCo, während dieser sich an Leorins Clynelish 1995 W-F weiden darf.

Coeur de Cave 13-year-old MCo

Clynelish 1995 W-F

Nu’ aber mal zu Tom, Lebensmittelkontrolle! Die letzten Reste vom Glorious Ginger 2008 ANHA werden vom Markt genommen und wandern in unsere Taschen.

Glorious Ginger 2008 ANHA

Uaah, gleich ist Siegerehrung und Standdienst: Tom, wir schauen später nochmal in Ruhe rein!

Ab nach oben, schnell noch bei Cadenhead’s am Stand in rednoses liebende Arme gelaufen (hospitiert der doch glatt in fremden Gefilden) und den Highland Park 1986 CA ins Glas bekommen. Viel Heidekraut, jede Menge davon. Hui, überhaupt viel viel Aromen. Der Dram erinnert an das Notizbuch einer 12-Jährigen, dessen Cover mit Blümchenstickern vollgeklebt ist. Vielleicht ein bisschen viel davon. Aber lecker!

Highland Park 1986 CA

Wahlweise wandert ein Caol Ila 1982 CA in die Gläser – auch der wird für gut befunden.

Caol Ila 1982 CA

Nun aber ab in die Rotunde!

Wir wohnen der Siegerehrung am Cutty-Stand bei. Bohrend meldet sich das Gewissen und fragt, warum zum Teufel wir regulars eigentlich seit Jahr und Tag nie auf die Reihe bekommen haben, am Wettbewerb teilzunehmen. Muss nächstes Jahr mal anders werden …
Unsere Stunde Standdienst geht im Nu vorbei: „Hallo“ hier, „Hallöchen“ da. Drams der Forumsabfüllung gehen weg wie warme Semmeln, übertroffen nur vom Balvenie „pre-spirit“ :grins:
Aus den Händen eines Wahnsinnigen wird mit Verschwörerblick zwischenzeitig ein Spitzendram gereicht, der sich als Images of Islay Port Ellen Lighthouse MoS entpuppen soll.

Images of Islay Port Ellen Lighthouse MoS

Alter Vatter, hab’ vielmals Dank! Am Ende der Schicht trottet auch rottendon herein und gesellt sich zu uns.

Thomas75 übernimmt das Ruder und wir dampfen ab: Tom die Zweite! Sein Tullibardine 1989 ANHA und ein fabelhafter Glenglassaugh 1978 bilden die nächsten beiden Leuchtpunkte im Sternbild „Geilomat“, welches wir an diesem Tag über (bzw. in 😀 ) unseren Köpfen erstrahlen sehen. Superklasse, Tom!

Tullibardine 1989 ANHA

Glenglassaugh 1978

Wir schwenken um 180° und schauen bei die Düsseldorfers vorbei: bei Uerige bzw. BAAS wartet mit Hans einer der freundlichsten Menschen, die man so kennenlernen kann, hinter dem Stand. Mäßig interessiert für deutsche Brände lassen wir uns dann doch gern einen 5-jährigen aus New Wood gefallen, welcher tatsächlich ECHT lecker ist und jede Menge Charakter zeigt. Eine Flasche davon greift ein weiser Malt-Rafa ab, um eine angemessene Nachverkostung für uns zu gewährleisten.

BAAS 05-year-old

Eine weitere Abfüllung von 5 Jahren aus dem Sherryfass muss natürlich gegenverkostet werden – wo kämen wir denn sonst hin? – und erntet einerseits Szenenapplaus sowie andererseits den unbeschränkten Zuspruch vom Emsländer, der eine Flasche mitgehen lässt.

BAAS 05-year-old

Puh, so langsam ist dann aber auch die Luft raus. Bei Maltbarn-Martin greift Ostfriese unter Freudentränen eine Flasche vom Inchgower ab, dann wird beschlossen, dass The Quaich in der Rotunde unser Endgegner sei, um noch final auf einen Rattray-Bowmore nach Ostfriesens Gusto anzulegen. Also hoch die Treppen und den 25-jährigen Bowmore 1989 DR verkostet. Letzte Flasche und Anbruchflasche wandern ins Reisegepäck.

Bowmore 1989 DR

Aber halt mal … was ist denn das für ein Sherry-Bunna? Hatte Didi nicht letztes Jahr auf dem Bottle Market eine 27-jährige Granate, die aber dann zu normalen Preisen nicht mehr zu bekommen war? Haha, hier isser ja! Der Bunnahabhain 1988 DR – bei der Gelegenheit werden den fröhlichen Mecklenburgern gleich mal ein paar Flaschen enteignet. Yes!

Bunnahabhain 1988 DR

Was von uns übrig ist, wankt zum Ausgang. Das bisschen Restwürde am Mann haltend wird der Auszug der Ostfriesen still zelebriert. Wir schreiten über die Ruhrbrücke und Emsländer verliert sich in einem schwerlich nachvollziehbaren Monolog, der in der Punchline „Wer reist, wird Italiener!“ endet. Das verstört berührt uns tief. :cap:

Beim finalen Frittenverzehr irgendwo in Mülheim gabelt Ute auf, was von uns übrig ist und reich bepackt mit Erinnerungen an einen großartigen Tag verlassen wir in den Schlaf gewiegt vom rhythmischen Klang klingelnder Flaschenberge im Kofferraum die Stadt in Richtung heimischer Gefilde.

Mülheim, wir sehen uns in 2017!
Deine Italiener regulars

PS: 1000 Dank für Handshakes und gute Gespräche geht an viele, viele weitere Damen und Herren aus dem Cutty und darüber hinaus: Euch alle hier einzubauen, hätte eine in Schweinsleder gebundene Buchausgabe dieses Postings provoziert, von daher versteht bitte das Auslassen vieler weiterer Momente des Tages … 😉

* dieser schale Scherz spiegelt lediglich zugespitzt die Meinung des Autors ted.striker wider. Die anderen regulars zeigen sich von den wohligen Klängen aus Schottlands musikalisch schönstem Geschenk an die Menschheit absolut begeistert.

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